60 Minuten: Arbeiten, wo andere Pause machen

Der Mittagstisch in „Fischer’s Bauerndiele“ zieht Stammgäste an

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Bis zu 50 Mahlzeiten gehen pro Mittagstisch über den Tresen von „Fischer’s Bauerndiele“. Um die Zubereitung kümmern sich zwei Köche. Wirt Eric Kruse muss aber gelegentlich einspringen.

Sottrum – Es ist 12.10 Uhr und im Speiseraum von „Fischer’s Bauerndiele“ in Sottrum sitzt ein einzelner Gast. Ein Rentner; das Tagesgericht, Lachsspinatlasagne, hat er schon fast verzehrt. Durch das Fenster sieht man schon die nächste Gruppe auf die Tür zugehen. Die drei Männer betreten den Raum und setzen sich ans Fenster. Stammgäste, weiß der Chef der Bauerndiele, Eric Kruse. In der Tat, Servicekraft Bettina Kruse bringt gleich drei große Spezi an den Tisch. Das trinken sie seit Jahren. „Das vegetarische Essen ist schon aus“, sagt sie und verschwindet wieder in den Schankraum.

„Fischer’s Bauerdiele“ ist ein rustiker Laden. Der Boden ist gefliest, die Möbel sind die typischen aus dunklem Holz. An der Wand hängen Wimpel von Sportvereinen aus der Gegend, auf Regalbrettern stehen Pokale verschiedener Größe. Es ist ein Anlaufpunkt – auch zum Mittagstisch. Vier Tage in der Woche, immer von 11.30 bis 14 Uhr, seit mehr als acht Jahren. Mittlerweile füllen sich Speise- und Schankraum. Dabei sei freitags im Vergleich zu den anderen Wochentagen immer weniger los, so Kruse. Klar, die Leute haben früher Feierabend, essen zu Hause.

Doch seien es nicht nur die Berufstätigen, die hier Mittagessen. Auch Familien nutzen das Angebot – und vor allem Rentner. Wobei eine Gruppe im Schankraum vielleicht nicht unbedingt nur wegen des Essens gekommen ist. Jeder hat eine kleine Biertulpe vor sich stehen. Die Stimmung ist gut.

Kruse wird kurz nachdenklich. Mittlerweile nehme man am Leben der Stammgäste teil, bekomme vieles mit – ganze Lebensgeschichten, hat er festgestellt. Zum Beispiel die vom Witwer, der früher immer mit seiner Frau zum Mittagstisch kam. Als sie krank wurde, bestellte er das Essen stets zum Abholen, seit einigen Monaten isst er wieder in der Bauerndiele. „Man erlebt viel von hinter den Kulissen“, sagt Kruse. Es sind vor allem auch Routinen, die der Wirt mit der Zeit kennengelernt hat. Manche kommen immer am selben Wochentag, manche wollen eben immer eine Spezi trinken, andere holen es ab, brauchen das Essen dann aber pünktlich. Die Zeit ist knapp.

„Das ist das Fiese am Mittagstisch“, erklärt Kruse. Pause haben die meisten nur eine Stunde. Rechnet man die Anfahrt runter, bleibt oft nur knapp eine halbe Stunde, in der der Gast das Essen genießen kann und auch runterkommen soll. In der Küche muss es daher ebenfalls schnell gehen. Und das, während parallel bereits die Vorbereitungen die Abendveranstaltung oder die Beerdigungsgesellschaft am Nachmittag getroffen werden. In der Regel sind neben der Servicekraft zwei Köche beschäftigt. Kruse selbst ist Springer.

„Fischer’s Bauerndiele“ ist ein Familienbetrieb. Kruses Wurzeln liegen in der DDR. Die Großmutter ist geflohen, nachdem der Großvater und seine Mutter nachkommen konnten, ging es zunächst nach Bötersen, später nach Sottrum. Die Großmutter war sozusagen die treibende Kraft hinter der Wirtschaft. Da der Hof nicht genug Geld abwarf, eröffnete die Familie auf ihr Geheiß hin einen Kiosk im Schuppen vor dem Haus. Mit der Zeit zog dieser wiederum ins Hauptgebäude, es ist der heutige kleine Getränkemarkt. Weil das Geld immer noch nicht reichte, kam die Schankwirtschaft dazu. Während Kruse erzählt, zeigt er in verschiedene Richtungen. Dorthin, wo die Kühe standen, oder halt die Schweine.

Nachdem er seine Ausbildung zum Koch beendet hatte, wurde die Gastronomie zunehmend durch Speiseangebote ergänzt, wohlwissend: „Ein Restaurant sind wir eigentlich nicht.“ Das Geschäft beruht mittlerweile im Wesentlichen auf Catering und Veranstaltungen. Und laut Kruse befindet es sich im Wachstum. Deshalb soll die Küche vergrößert werden. Die ist tatsächlich verhältnismäßig klein. Dort ist Bettina Symanowski gerade dabei, eine Bestellung für die Abholung vorzubereiten. Dafür schweißt sie eine gefüllte Styroporbox zu. Als sie fertig ist, drückt sie eine Klingel. Das Signal für Bernhard vorne im Schankraum. Dort sind zwei Tische kurz nach 13 Uhr bereit fürs Bezahlen. Bernhard kassiert ab, während am Tresen Abholer auf ihre Mahlzeit warten. Die Stunde Mittagspause ist bald vorbei. Und bei „Fischer’s Bauerndiele“ ist bald Feierabend – zumindest für eine ganz kurze Zeit.

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