Serie „Digitales Leben“

Wie die Digitalisierung den Schulunterricht verändert

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Block und Hefter oder doch alles auf dem Tablet? Moderner Unterricht verbindet analoge und digitale Möglichkeiten.

Sottrum/Lauenbrück - Von Matthias Röhrs. Das Forum des Sottrumer Gymnasiums ist gut gefüllt. Es ist ein wichtiger Abend für die Schule. Sie ist drauf und dran, ihren Unterricht radikal zu modernisieren. Neben Stiften, Heften und Büchern soll bald ein neues Lernwerkzeug in den Rucksäcken der Jungen und Mädchen Einzug halten: das Tablet.

Ferdinand Pals betritt die Bühne. Der Schulleiter ist Gastgeber dieses Abends, der den Titel „Zeitgemäßer Unterricht – Tablets am Gymnasium Sottrum“ trägt. Eltern, Schüler und Lehrer sollen gemeinsam diskutieren, wie die Schule diesen Schritt zum moderneren Unterricht machen könnte. Dazu hat er einige Vertreter des St.-Viti-Gymnasiums in Zeven und des Scheeßeler Privatgymnasiums Eichenschule eingeladen, damit sie von ihren Erfahrungen mit dem Tablet im Unterricht berichten können. Ein kleiner Fingerzeig in Richtung Zukunft: Mit dem Portal „IServ“, das mittlerweile viele Schulen nutzen, können die Besucher Fragen über das Smartphone an das Podium richten.

Es wird Zeit, dass das Thema angestoßen wird. Das Gymnasium hat ein Medienkonzept, so Pals einige Tage vor dem Themenabend, das sagt „ja“. Das Thema polarisiert. „Es gibt eine immense Bandbreite in der Diskussion.“ Das habe er nicht erwartet. Vom Gegner („Die Schüler haben ja schon Handys, das reicht.“) bis zum Befürworter sei alles dabei. Die Schule muss jetzt langsam entscheiden, was sie tut. Ein Vorschlag sieht den Startschuss für Tablets am Gymnasium mit Beginn des Schuljahres 2019/20 vor – zunächst im siebten Jahrgang, dafür fallen dann die Taschenrechner und elektronische Wörterbücher weg. Für Pals ist dieser Weg unumgänglich. Mittelfristig komme man nicht darum herum, sagt er. „Der Umgang mit Tablet-Computern gehört zu den Dingen, die später im Abitur, im Studium oder im Beruf immer wichtiger werden.“ Es sei Aufgabe einer Schule, den Kindern das beizubringen.

Lernziel einer Schule verändert sich 

Das sagt auch Jörg Steinemann vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung – kurz: NLQ. Er ist an diesem Abend ebenfalls in Sottrum zu Gast und spricht darüber, worauf es heutzutage im Unterricht ankommt und wie digitale Technik dabei eingebunden wird. Ohne gehe es nicht mehr, wenn man die Schüler ideal auf das Berufsleben vorbereiten möchte. Unternehmen legen mittlerweile weniger Wert auf gute Noten, sondern vielmehr auf die sogenannten Vier-K-Skills, sagt Steinemann: Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation. Damit verbunden sei nichts weniger als ein Paradigmenwechsel: „der Schwenk von Büchern zu digitalen Medien“.

Damit verändert sich auch das Lernziel einer Schule. Die Anhäufung von Wissen an sich steht nicht mehr so sehr im Vordergrund, stattdessen würden, so Steinemann, die Schüler „jetzt selbst zu Forschern. Sie werden nicht mehr mit Wissen überhäuft, sondern sind selbst für dieses verantwortlich – mit Hilfe digitaler Medien.“ Die Lehrer stellen nur noch die Umgebung und Voraussetzungen dafür her, aber ohne das Konstrukt Unterricht neu erfinden zu müssen.

Tablets ab der achten Klasse

Im Klassenraum von Sascha Murso in der Lauenbrücker Fintauschule sind die Jugendlichen in ihre Tablets vertieft. Sie sollen ein Arbeitsblatt bearbeiten, die Quellen – Onlineartikel oder Videos zum Beispiel – gibt Murso vor. Die Internetverbindung hat der Lehrer vorher freigeben; unterrichtet er nämlich „klassisch“, bleibt es aus. Ohne Aufforderung dürfen die Tablets nicht aus den Taschen herausgenommen werden. Die Präsentation erfolgt später mit dem Beamer. Whiteboards? „Veraltet“, sagt der Lehrer. „Digitales Lernen“ – das wird in Lauenbrück groß geschrieben. Er vor Kurzem hat das NLQ die Fintauschule deswegen besonders hervorgehoben. Tablets gibt es dort ab der achten Klasse, und kaum eine Unterrichtsstunde kommt ohne sie aus. Dabei, darauf legt man wert, nehmen sie lediglich eine ergänzende Funktion ein. Auch Pals in Sottrum nimmt den Begriff „Werkzeug“ mehrmals in den Mund, vergleicht es mit einem Geodreieck.

In Lauenbrück ist man stolz auf das Erreichte. „Unsere Schüler halten Präsentationen weit über dem gymnasialen Niveau“, sagt Frank Lehmann, der Leiter der Oberschule. Ursprünglich sei geplant gewesen, dass das Tablet in zehn Unterrichtsstunden die Woche angewendet wird. Tatsächlich komme es aber fast in jeder zum Einsatz. „Wir simulieren Strukturen, wie sie in der Wirtschaft der Fall sind.“ Das Tablet als Maß aller Dinge? Mitnichten. „Es ersetzt die Mappe nicht“, sagt Lehmann. Textloses Arbeiten sei nicht sinnvoll, die Recherche sei es das Tablet aber schon.

Möglichkeiten, von denen man in der Schule an der Wieste in Sottrum nur träumen kann. Was dort an Digitalem vorhanden ist, beschränkt sich im Wesentlichen auf Laptops, Beamer und einigen Whiteboards. „Wir versuchen, am Ball zu bleiben“, sagt Martin Plotzki, der sich an der Oberschule um die Fortschreibung und Umsetzung der digitalen Unterrichtsmittel kümmert.

„Das ist alles erst im Aufbau“

An der Sottrumer Schule lassen sich gut die Hürden festmachen, die auf dem Weg ins digitale Zeitalter liegen. Auch an der Fintauschule ist der medien-fokussierte Unterricht nicht kostenlos. Dort leistet sich die Samtgemeinde Fintel als Kostenträgerin diesen Luxus. „Finanziell ist das natürlich eine Belastung“, sagt Plotzki. Es ist nicht nur die Infrastruktur, die stehen muss. Die Schule muss ebenfalls die Frage beantworten, wer für die Endgeräte aufkommt? Meistens sind es die Eltern, doch nicht alle können sich ein „iPad“ – wie es zum Beispiel die Lauenbrücker nutzen – für ihre Kinder leisten. In Lauenbrück gibt es einen sogenannten Sozialpool, der zu 70 Prozent von der Samtgemeinde finanziert wird. Über diesen können die Tablets gemietet werden. Am Sottrumer Gymnasium erwägt man indes einen Fonds, in dem Eltern etwas mehr für das Tablet einzahlen, um einkommenschwächere Familien zu entlasten.

Auch die Schulbuchverlage kommen nur langsam hinterher, die digitalen Angeboten sind von dieser Seite noch überschaubar. „Das ist alles erst im Aufbau“, sagt Plotzki. Auch die im Internet vorhandenen Quellen muss der Lehrer vorher geprüft haben, ehe Schüler sie nutzen können. Darüber hinaus ist digitaler Unterricht nicht nur für sie etwas Neues. Lehrer müssen sich ebenfalls auf die veränderten Bedingungen einstellen und sich oftmals neben der eigentlichen Arbeit entsprechend fortbilden. „Aber“, so Frank Lehmann, „ esreagieren mittlerweile die Universitäten und passen die Ausbildung an.“ Zudem ist noch eine praktische Frage immer noch nicht zufriedenstellend beantwortet: Wer wartet mehrere hundert Tablets einer Schule und richtet sie ein?

„Wir leben in einer digitalen Welt“

Die Zukunft der Schule liegt im Digitalen. Das ist Konsens. Sascha Murso: „Wir leben in einer digitalen Welt.“ Ferdinand Pals vom Sottrumer Gymnasium: „Wir können die Schüler nicht nicht-digital aus dem Haus lassen.“ Wobei man dort ein Scheitern der aktuellen Bemühungen nicht grundsätzlich ausschließt. Ohnehin geht der Weg zum digitalen Unterricht nicht ohne einen Schulterschluss aller Beteiligten. Pals setzt daher auf volle Transparenz, damit der Schulvorstand eine nachvollziehbare Entscheidung treffen kann, ob die Lehrer in Zukunft Tablets regelmäßig einsetzen können oder nicht. „Wir machen langsame Schritte, um nicht die Fehler anderer Schulen zu wiederholen.“ Jörg Steinemann vom NLQ: „Es kann nur funktionieren, wenn Schüler, Schule, Eltern und Lehrer als Team arbeiten.“

Dann geht er noch mal auf die Metaebene, es wirkt wie ein Appell: Lernen bedeute auch, die Komfortzone zu verlassen – „egal, ob analog oder digital“. Das gilt nicht nur für Schüler, sondern auch für die Schule selbst.

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