Ahausens Autorin Jutta Michels taucht in ihrem neuen Roman wieder in die Geschichte des Ortes ab

Dem Mörder von Runge auf der Spur

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Jutta Michels begibt sich für ihren neuen Roman auf „Spurensuche“ in Ahausen.

Ahausen - Von Bettina Diercks. Gute-Nacht-Lektüre ist das nicht gerade, was Ahausens Autorin Jutta Michels liefert. Nach ihrem Debüt-Roman und Bestseller „Pfingstfeuer“ liefert sie jetzt mit „Spurensuche“ ein Werk, das einen regungslos zwischen Laken oder Decken werden lässt.

Ein Buch, das Macht von einem ergreift und nur schwer aus der Hand zu legen ist. Der spannende Stoff, der sich erneut um eine wahre Begebenheit aus dem beschaulichen Dorf Ahausen rankt, fesselte auch sofort den Schünemann-Verlag (Bremen). So sehr, dass es zum sogenannten „Schwerpunkt-Buch“ des Verlages für die Frankfurter Buchmesse (14. bis 18. Oktober) auserkoren wurde.

Dieses Mal geht es um Mord. Nicht fiktiv, wahrheitsgemäß. Im April 1946, zwei Tage nach seinem Geburtstag, wird in Ahausen der Bremer Architekt Alfred Runge ermordet. Er gehört zu den Machern der Böttcherstraße, die Adolf Hitler ein Dorn im Auge war.

Der Tod um den angesehenen Bürger blieb ungeklärt. Mal gilt er in den Überlieferungen bis heute als erschossen, mal als erschlagen. Mal lag in den Dorfgeschichten dort nur seine Leiche, mal die von zwei oder drei Personen.

Sicher erscheint an der verbalen Dorfchronik nur, dass der oder die Mörder zwar unerkannt blieben, aber aus dem Dorf stammten. Doch wer sollte dem offensichtlich beliebten Bremer, der ein Wochenendhäuschen nahe der Wümme in Ahausen besaß, den Tod gewünscht haben? Gibt der Roman weitere Hinweise oder gar die Lösung?

Für Michels war der ungeklärte Fall mit der Vielzahl an überlieferten Ungereimtheiten ein Grund mehr, genauer hinzugucken, nachzubohren und zu forschen. „Ich habe gemerkt, dass etwas an der Geschichte nicht stimmt, das hat mich voran getrieben.“ Sie durchdringt in ihrem Buch Geschichte und Menschen, begreift, kombiniert, durchschaut und liefert viel historische Hintergrundinformationen.

Offenbar ein erstklassig recherchiertes Buch. Viele Puzzlestücke für den neuen Roman fielen ihr dabei allerdings selbst in den Schoss. Die Geschichte an sich. Ob sich dieser Wink des Schicksals so verhält, wie im Buch beschrieben? Einige Zeilen und Kapitel lassen vermuten, dass sie wahr sind. Ein paar Zeilen weiter tauchen wieder Zweifel auf. Ein Wechselspiel und ein Reiz für die Synapsen. Spannung pur, so kann es nichts mit der Nachtruhe werden.

Statt Stulle zum Frühstück gibt es nur eins: Kaffee und weiterlesen, bevor die Arbeit ruft. „Hatte Runge eine Rechnung offen?“, ist der bleibende Gedanken nach der fesselnden Lektüre.

Mit Skepsis und Zurückhaltung hat die mittlerweile alteingesessene Neubürgerin in Ahausen nicht zu kämpfen: „Die Menschen gehen insgesamt sehr positiv mit mir und meinen Interessen um. Manche sprechen mich an, erzählen von sich aus etwas, manche fragen mich. So komme ich an viele Informationen.“

Nachdem sich im Dorf herum gesprochen hatte, dass sie sich für den Fall interessiert, erhielt sie immer weitere Informationen. Sie hat dann möglichst viele Zeitzeugen befragt. „Bei den Erzählungen habe ich dann versucht einzuschätzen: Wie glaubwürdig ist der Zeitzeuge? Einige wirkten sehr dicht dran und glaubwürdig, bei anderen hatte ich das Gefühl des Hörensagens“, berichtet Michels.

Ihre Spurensuche führte sie aber auch auf das alte Grundstück von Runge. Das Haus steht schon lange nicht mehr, es ist vor vielen Jahren abgebrannt. Angeblich ausgelöst durch einen Schornsteinbrand. Dennoch wurde die Autorin fündig, als sie im Acker grub. „Meißner Porzellan, Bleiverglasung, Gläser, Silber. Das Einpackmaterial stammte aus dem Jahr 1944“, sagt Michels, die die Kreisarchäologie verständigte.

Unterstützung bei ihren Recherchen erhielt sie außerdem aus Runges Verwandschaft. „Die sind sehr an der Wahrheit interessiert.“ Anhand des vielen Materials gelang Michels eine „ziemlich genaue Rekonstruktion der Ereignisse“. Nachdem sie das Gefühl hatte, alle Quellen seien erschöpft, strukturierte sie das Buch vor.

Doch dann gelangten weitere Details in ihre Hände. „Ich musste versprechen, dass ich sie erst nach dem Tod des Informanten verwende“, erzählt Michels, die sich fragte: „Wie hänge ich das Ganze auf?“ und fing dann an zu schreiben. Das war vor gut zwei Jahren. Schünemann riss ihr das neue Werk dann förmlich aus den Händen.

Interessant ist: Das Bremer Verlagshaus hatte zu Kriegszeiten im Ahauser Hof sein Zwischenlager für Papier, da die Hansestadt schwer bombardiert wurde. Allein die Leseprobe fixt dermaßen an, dass Radio Bremen sofort mit Veröffentlichung des Werkes eine kurzes Portrait über Michels abdreht.

Michels ist eine Frau, die nicht locker lässt, deren Bücher fesseln und die Phantasie anregen. Dabei liefert sie nicht nur bloßen Lesestoff. Seit mehr als 20 Jahren lebt die Gymnasiallehrerin mittlerweile in Ahausen und befasst sich seitdem mit der Historie des Dorfes. Zu Beginn wohnte sie im Wald, im Wochenendgebiet. „Und jetzt mitten in der Geschichte“, sagt sie. Der alte Teil ihres jetzigen Hauses gehörte zum wahren Leben Runges.

Ahausen hat sich zu einem Dorf mit klugen Köpfen, Kunst, Kultur und Literatur entwickelt und ist schon längst ernsthafte Konkurrenz zu Worpswede und Fischerhude geworden. Doch scheinbar beherbergt der Ort nicht nur viele Geschichte, sondern offenbar auch dunkle Geheimnisse. Bürger und Leser dürfen gespannt sein, ob Michels noch mehr zum Vorschein bringt. Ihren am 1. Oktober veröffentlichten Roman „Spurensuche“ stellt sie auch im Rahmen des Ahauser Herbstes vor.

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