Wiederbesetzung von Praxen ist häufig problematisch

Ärzte ohne Erben: Auf der Suche nach einem Nachfolger

Wer sich in Manfred Buckmanns Sottrumer Praxis in Zukunft das Stethoskop um den Hals hängt, ist noch offen. - Foto: imago

Sottrum/Zeven - Von Matthias Röhrs. Ältere Hausärzte haben oft Schwierigkeiten, einen Nachfolger für ihre Praxen zu finden. Der Sottrumer Arzt Dr. Manfred Buckmann erfährt das zurzeit am eigenen Leib. Für jüngere Kollegen ist die Selbstständigkeit insbesondere auf dem Land häufig nicht attraktiv genug. Im schlimmsten Fall kann das sogar zu einer drastischen Unterversorgung führen. Während in der Region Rotenburg mittelfristig noch wenig Probleme zu erwarten sind, ist der Druck in den Bezirken Zeven und Bremervörde trotz einiger Lichtblicke groß.

Mitten in Sottrum hat Manfred Buckmann gerade auf seinem Schreibtischstuhl im kleinen Sprechzimmer Platz genommen. Der Arzt lehnt sich zur Seite und nimmt eine vertrauensvolle Haltung ein. Buckmann ist 68 Jahre alt, von denen mehr als 35 Jahre er als niedergelassener Hausarzt in Sottrum verbracht hat. Nun denkt er ans Aufhören.

Gerade ist seine Sprechzeit für den Tag zu Ende gegangen. Das Wartezimmer ist verwaist; von der regen Geschäftigkeit, die sonst in der Praxis herrscht, ist nichts mehr zu sehen und zu hören. Wenn Buckmann seine Praxis schließt, werden sich seine Patienten nach derzeitigen Stand nach einer neuen umsehen müssen. Ein paar Tausend würde das betreffen. Manche kommen regelmäßig, manche sehr selten. Für sie sucht Buckmann einen Nachfolger. Und für sich selbst auch ein bisschen: „Ich will hier nichts entsorgen müssen“, sagt er. Es wäre ja schade um Instrumente, Geräte, Einrichtung. Dazu kommt der ideelle Wert. 140 000 Euro, das wäre Buckmanns Preis. Den hat er sich von einem Gutachter ermitteln lassen. Viel Geld, „aber das schreckt nicht ab“, ist er überzeugt.

In Zeven ist jeder dritte Hausarzt über 63 Jahre

So wie Buckmann werden in den kommenden Jahren insgesamt beinahe 20 Hausärzte über 63 Jahre im Landkreis Rotenburg in den Ruhestand gehen. „Das kann richtig Probleme geben“, sagt Michael Schmitz, der Geschäftsführer der für den Landkreis Rotenburg zuständigen Bezirksstellen Verden und Stade der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN). Würden diese von heute auf morgen aufhören, führte das gerade im Nordkreis zu großen Probleme: So würde in Zeven, wo beinahe jeder dritte Hausarzt über 63 Jahre alt ist, der tatsächliche Versorgungsgrad durch Hausärzte von 93,9 auf 66,4 Prozent einbrechen. Einen ähnlich hohen Rückgang gäbe es dann auch in Bremervörde – von 97,3 auf 70,2 Prozent. „Da ist richtig Druck im Kessel“, konstatiert Schmitz. Rotenburg käme in diesem Szenario mit dann 94,5 Prozent noch gut weg, denn die Region profitiert in diesen Jahren von Überversorgung. Die Stadt ist einfach besser angebunden, nennt Schmitz einen Grund. Das mache sie attraktiver.

Die Zahlen sehen zwar dramatisch aus, sagt Schmitz, und jeden Tag tue sich in dieser Sache eine neue Baustelle auf. Dennoch würde man derzeit nahezu 100 Prozent der offenen Plätze wiederbesetzen können. Gerade erst hätten sich in Tarmstedt zwei Ärzte niedergelassen, auch wenn sich die Suche nach ihnen sehr langwierig gestaltet habe. Im Nordkreis würden zudem viele Ärzte versuchen, selbst für Nachfolgestrukturen sorgen. „Es tut sich was“, so der KVN-Geschäftsführer. Es gebe ein großes Portfolio von Maßnahmen: angefangen bei Niederlassungsberatungen bis zu Fördergeldern.

Buckmanns Bemühungen bleiben ohne Resonanz

An Interesse mangelt es jedenfalls nicht: So hat eine im ersten Halbjahr 2017 von der Universität Trier bei angestellten Ärzten im ambulanten Sektor durchgeführte bundesweite Umfrage ergeben, dass immerhin 38 Prozent eine Niederlassung in Erwägung ziehen. 54 Prozent davon sogar in den kommenden zwei Jahren. Nur 43 Prozent haben hingegen angegeben, dass eine Einzelpraxis definitiv keine Option sei. „Ein guter Wert“, resümiert Schmitz.

Der kommt bei Manfred Buckmann in Sottrum aber nicht an. Schon seit einiger Zeit ist er nun auf der Suche nach einem Nachfolger. Er fragt jüngere Kollegen auf Fortbildungen, inseriert in Branchenmagazinen, hört sich um. Aber: „Null Interesse“, so das Fazit seiner Bemühungen. Buckmann selbst ist vor 35 Jahren nach Sottrum gekommen. „Damals war hier dringender Bedarf.“ Finanziert hat er seine erste Praxis an der Kirchstraße damals mit einem zinslosen Darlehen der KVN. Ob Fördermittel allgemein ausreichen, vermag er allerdings nicht einzuschätzen.

Ärzte haben andere Vorstellungen vom Leben

„Man kann Landärzte nicht mit Ärzten in Medizinischen Versorgungszentren vergleichen“, so Buckmann. Vielleicht, mutmaßt er, ist es die Verantwortung für einen eigenen Betrieb, die Ärzte abschreckt. Und die Unsicherheit: „Es ist nun mal so, dass ich nichts verdiene, wenn ich auch nicht hier sitze.“ Ein regelmäßiges Gehalt und geregelte Feierabendzeiten als Angestellter seien die sicherere Variante. Zumal eine Praxis nur noch pro Fall bezahlt werde. Rund 41 000 Euro bekommt Buckmann maximal pro Quartal, exklusive einiger Zusatzleistungen, die er erbringen darf. Davon muss er Geschäfts- und Personalkosten begleichen. „Ich behandel mehr Patienten, als ich bezahlt bekomme.“

„Auf dem Land gibt es eine hohe Patientenzahl“, sagt Schmitz. Doch es ist nicht nur die Umgebung, die eine eigene Praxis auf dem Land unattraktiv macht. Junge Ärzte legen verstärkt Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, als niedergelassener Arzt gestaltet sich das schwierig. Zudem fehle es an Nachwuchs. „Ärzte haben heute andere Ideen, wie sie ihre Karriere gestalten wollen“, sagt Schmitz. Es ziehe sie eher in die Städte als auf das Land. Die Ärzteschwemme der 80er-Jahre komme zudem ins Rentenalter. Und die nachfolgende Generation könne sich aussuchen, ob sie sich in der Stadt oder auf dem Land niederlassen wollen.

Obwohl die Nachfolgesuche und ein gestiegenes Bürokratieaufkommen ihm das Leben schwermacht, Buckmann kennt auch das Lohnenswerte im Zwischenmenschlichen als Landarzt, abseits der Behandlungen. Man kenne seine Patienten, sagt er, und bekomme ab und an sogar ein Geschenk zu Feiertagen. Wenn er „vielleicht 2018“ in den Ruhestand tritt, hat er einen Nachfolger vielleicht auch mit diesen zwischenmenschlichen Argumenten überzeugen können. Er jedenfalls sagt: „Ich bin gerne Landarzt.“

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