Abschied nach 30 Jahren 

Cordula Bientzle öffnet ihren Dorfladen Samstag zum letzten Mal

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Cordula Bientzle wollte den Dorfladen eigentlich nur für ein Jahr übernehmen. Es wurden 30, die morgen allerdings zu Ende gehen. In Bötersen verschwindet damit ein Treffpunkt.

Bötersen - Von Matthias Daus. Einen Dorfladen zu führen ist keine leichte Aufgabe. Ihn nach langer Zeit endgültig schließen zu müssen, ist mit Sicherheit ungleich schwerer. Diese Erfahrung muss gerade Cordula Bientzle machen, die ihr Geschäft an der Dorfstraße in Bötersen nach dreißig Jahren schließen wird. Am Sonnabend öffnet die 55-Jährige zum letzten Mal.

Wenn man die Bürger in der Gemeinde Bötersen fragt, was sie mit dem Frischemarkt in ihrem Ort verbinden, dann wäre die häufigste Antwort: „Das Frühstück am Samstag.“ An keinem anderen Wochentag herrscht hier ein dermaßen reger Betrieb, wie sonnabends. Dann stehen die Bötersener geduldig in einer Schlange entlang des Fleischtresens, der gleichzeitig der Mittelpunkt des Ladens ist, und holen sich Brötchen und alles, was sie zum Belegen brauchen. Dazu vielleicht noch eine Zeitung und ein paar Liter Milch.

„Zwischen 8 und 10 Uhr rennen mir die Leute hier die Bude ein“, erzählt Cordula Bientzle, Inhaberin des Ladens. In diesem Zeitraum macht sie wahrscheinlich mehr Umsatz, als an den anderen Tagen zusammen. Doch allein mit Brötchen und Hackepeter am Samstagmorgen lässt sich so ein Geschäft nicht aufrecht erhalten. Natürlich gab und gibt es Kunden, die ihren Wocheneinkauf bei „Cordula“, wie der Dorfladen von allen genannt wird, machen. Doch ihre Zahl ist rückläufig.

Das war nicht immer so: Als Bientzle vor 30 Jahren das Geschäft übernahm, wollte sie es eigentlich nur übergangsweise. Die vorherigen Betreiber wollten in Rente gehen und ein Nachfolger war noch nicht gefunden. Für Bientzle, die damals eigentlich ihren Lebensmittelpunkt von Bötersen nach Berlin verlegen wollte, stand fest, dass sie diese Aufgabe für ein Jahr übernehmen würde, bis ein Nachfolger gefunden wäre.

Dorfladen erzeugt viel Wertschätzung

Womit sie nicht gerechnet hatte war, wie erfüllend ein Dorfladen erst recht im Heimatdorf sein kann. Die große Akzeptanz und Wertschätzung, die sie als Geschäftsinhaberin erfuhr, ließen die Gedanken an das Leben in der großen Stadt verblassen, bis sie schlussendlich gänzlich verflogen waren. Und so wurden aus einem Jahr ganze 30.

Gerade in der Anfangszeit brummte der Laden mächtig. Kundschaft gab es reichlich und die Öffnungszeiten waren mit drei ganzen und drei halben Tagen mehr als respektabel, angesichts der Tatsache, dass sie das Geschäft im Prinzip allein betrieb. Hilfe bekam sie damals von Freunden und Familie, später stellte sie Hilfskräfte ein.

So ging es im Prinzip die ersten 15 Jahre. Aber die Zeiten änderten sich. Das Aufkommen der großen Discounter und besonders die Änderungen im Ladenschlussgesetz, die es ermöglichten, dass die Supermärkte von früh morgens bis in den späten Abend geöffnet haben können, veränderten das Einkaufsverhalten der Menschen. „Die Leute leben heute anders als damals, als es beispielsweise samstags ab mittags nirgends mehr etwas zu kaufen gab. Da überlegte man es sich, ob man für den Einkauf noch extra losfahren, oder lieber doch im Ort bleiben wollte“, erinnert sich Bientzle.

Menschen kaufen meist am Arbeitsplatz ein

Heutzutage sei es der Regelfall, dass in einem Haushalt beide Partner arbeiten und oft würden die Menschen nach Feierabend dort einkaufen, wo sie beruflich tätig sind. Ein schleichender Prozess, der nicht aufzuhalten war und sich im Laufe der Jahre negativ auf die Kundenzahl und die Umsätze auswirkte. Und so mussten die eigenen Öffnungszeiten reduziert werden. Irgendwann hat Bientzle angefangen, ihren Laden nur noch vormittags zu öffnen.

Aber auch, wenn die Kundenzahl gesunken ist, der Stellenwert innerhalb der Gemeinde blieb trotzdem enorm groß. „Es ist hier einfach viel persönlicher, als in den großen Geschäften“, sagt eine Kundin. Sie und andere haben viele Dinge, die sie mit „ihrem“ Laden verbinden. Seien es die unschlagbar günstigen belegten Brötchen, die man sich auf dem Weg zur Arbeit herausgeholt hat, oder einen Kaffee für unterwegs. Nicht selten blieben Kunden auch an einem Stehtisch im Geschäft stehen und tranken ihren Kaffee direkt vor Ort und nahmen sich Zeit für ein Gespräch mit anderen Kunden.

Hoher Aufwand für Fortführung des Betriebs

Was vielleicht von vielen etwas verkannt wurde, war der Aufwand, der betrieben werden musste, um das Geschäft am Leben zu halten. Es war eigentlich immer eine Selbstverständlichkeit, dass Cordula Bientzle an sechs Tagen in der Woche hier anzutreffen war. Und wenn sie in ganz seltenen Fällen für ein paar Tage im Urlaub war, bekam man einen leichten Eindruck davon, welche Bereitschaft hinter all dem steckte. Manchmal, wenn etwas nicht vorrätig war, brachte Bientzle das Gewünschte nach Feierabend persönlich vorbei. Dienst am Kunden, den man in Zukunft bestimmt vermissen wird.

Der Zeitpunkt für den Ladenschluss kommt für viele überraschend, obwohl er sich im Prinzip schon lange angekündigt hat. „Irgendwann muss man überlegen, wohin der Weg gehen soll. Und wenn man dann feststellt, dass es nicht weiter geht, dann muss man die Reißleine ziehen“, sagt die Bötersenerin. Das hat sie nun getan und mit einer gehörigen Portion Wehmut wird sie ihr Geschäft Samstag um 12 Uhr für immer schließen.

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