Nabu-Geschäftsführer Axel Boschen über die Gewässerqualität im Landkreis

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“

Die Oste in der Gemarkung Groß Meckelsen. - Foto: Algermissen/bz

Groß Meckelsen - Von Wieland Bonath. Flüsse, Bäche und Seen sind die Lebensadern und Wasserspender für Menschen und Tiere. Sauberes Wasser sorgt seit jeher dafür, dass das komplizierte Geflecht der Natur funktioniert. Dem „modernen“ Menschen blieb es vorbehalten, gefährliche Unordnung in dieses Gefüge zu bringen.

Gewässer wurden zu giftigen Kanälen gemacht. Wo einst blühendes Leben die Natur bestimmte, blieb vielfach Kloake. Übertrieben? Kaum, denn bis vor wenigen Jahren stand die Uhr auf 5 vor 12. Inzwischen ist es zu einem Umdenken gekommen, weil der Weg so nicht weiter gegangen werden konnte. Naturschutzverbände, Politik und Bürger drückten den Alarmknopf. Programme wurden aufgelegt, Gutachten erstellt – eine Kehrtwendung wurde eingeleitet. Erste Erfolge zeigten sich.

Aber der Weg zu einer halbwegs geordneten Umwelt ist noch weit. Der Naturschutzbund (Nabu), der den Kampf um saubere Gewässer in den Mittelpunkt seiner Arbeit gerückt hat, sagt: „Laut EU-Wasserrahmenrichtlinie sollten bis 2015 alle Flüsse in ,gutem Zustand’ sein. Die ernüchternde Bilanz: Deutlich über 90 Prozent unserer Gewässer sind davon weit entfernt.“

Autor Wieland Bonath traf sich jetzt mit dem Geschäftsführer der Nabu-Umweltpyramide Bremervörde, Diplom-Biologe Axel Roschen (60), an der Oste bei Groß Meckelsen. Am Beispiel dieses rund 150 Kilometer langen Flusses, der bei Otter (Kreis Harburg) entspringt, dann die Landkreise Rotenburg, Stade und Cuxhaven durchfließt und in die Elbe mündet, informierte er sich über die aktuelle Situation der Gewässer im Landkreis Rotenburg.

Herr Roschen, haben Sie und Ihre Freunde inzwischen den Mut verloren, wenn es um fließendes und stehendes Wasser geht?

Axel Roschen: Unsere Wasserlebensräume sind tatsächlich immer noch in einem oft extrem schlechten Zustand und bedeuten für die Arbeit im Nabu oder im Naturschutz allgemein eine große Herausforderung. Aber selbst kleine regionale Erfolge, wie hier an der Oste, sorgen dafür, dass wir als Naturschützer den Mut nie verlieren.

Wie sieht es im Kreis Rotenburg mit der Qualität des Wassers aus?

Roschen: Diese Frage lässt sich allgemein nicht beantworten, selbst wenn wir nur von den Oberflächengewässern sprechen würden. In den meisten Fließgewässern ist die Wasserqualität in den vergangenen 30 Jahren unter anderem durch verbesserte Klärwerkstechnik deutlich besser geworden. Mit Sorge beobachten wir jetzt allerdings die in einigen Regionen deutlich anwachsenden diffusen Einträge in die Fließgewässer, deren Ursachen zum größten Teil mit den gewaltigen Düngeausbringungen der industriellen Landwirtschaft und der Biogasproduktion zu suchen sind. Sorgen bereiten uns auch die zahlreichen kleinen und größeren Unfälle von Biogasanlagen, die häufig zu großen Beeinträchtigungen der umliegenden Gewässer führten. Tatsächlich gab es allein im Landkreis Rotenburg fast 40 Havarien mit Biogasanlagen. Bei sehr vielen davon kam es zum Teil zu starken Gewässerbelastungen.

Wo wurde in der Vergangenheit besonders nachhaltig „gesündigt“?

Roschen: Na ja – wenn wir auf unseren Landkreis schauen, fallen mir außer den schon genannten Beeinträchtigungen auch die Zerstörung fast aller Auwälder, die Begradigungen bis hin zu den Eindeichungen, Wohnbebauung und Ackerbau in der Aue ein, außerdem Staueinrichtungen und, und, und...

Die Forderungen des Nabu, um im Kreis Rotenburg wieder zu einem möglichst natürlichen Gewässersystem zu kommen?

Roschen: Es ist nicht nur der Nabu, auch die EU hat das Problem der degenerierten naturfernen Gewässer schon lange erkannt und fordert zum Beispiel über die für alle Mitgliedstaaten verbindliche Wasserrahmen-Richtlinie und auch die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie die Wiederherstellung eines „guten öko- logischen Zustands“ der Fließgewässer. Dazu gehört ein Bündel von Maßnahmen, etwa der Rückbau von Deichen, die Redynamisierung oder Neuanlage von Auwäldern, die ökologische Durchgängigkeit der Gewässer, das heißt der Bau von Fischtreppen oder der Abbau von Querbauwerken, die Anbindung von Altgewässern und vieles mehr.

Wird der Nabu als Anwalt der Natur und bei seinem Anliegen, die Vielfalt zu erhalten, von der Politik ausreichend unterstützt?

Roschen: Auch dies ist nicht generell zu beantworten. Hier im Landkreis wurden die Naturschutzverbände aktuell zum Beispiel bei ihren Forderungen zur Schutzausweisung der Bever durch die Mehrheitsfraktion unterstützt. Eine wichtige und richtungsweisende Entschei- dung. Sie lässt erkennen, dass das Unverständnis sehr vieler Menschen gegenüber der unreglementierten Zerstörung der heimischen Kultur- und Naturlandschaft auch von den gewählten politischen Vertretern wahrgenommen wird.

Welche wirtschaftlichen Interessen schaden dem Wasserschutz besonders? Ist es zu einem stärkeren Dialog zwischen Landwirtschaft und Naturschutzverbänden gekommen?

Roschen: In der Fläche schadet die industrielle Landwirtschaft mit all ihren Auswüchsen dem Gewässerschutz – und damit ist auch unser Trinkwasser gemeint – am meisten. Einsatz von Totalherbiziden samt Grünlandumbruch, Maisanbau, die Güllemengen, Gärabfälle aus den Biogasanlagen, Ackerwirtschaft im Überschwemmungsbereich, Hecken- und Gehölzrodungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Einen stärkeren Dialog zwischen Landwirtschaft, wenn hiermit die Landvolkverbände gemeint sind, und den Naturschutzvertretern gibt es zumindest bei uns nicht. Das gilt allerdings nicht für die einzelnen Landwirte, die oft ganz andere Ansichten als die Landvolk-Funktionäre vertreten und mit denen wir in sehr vielen Projekten ausgesprochen gut und erfolgreich zusammenarbeiten.

Lassen sich die Fehler der Vergangenheit heute noch wirksam korrigieren?

Roschen: Sicher ist es möglich, Gewässer zu restrukturieren. Der Nabu und viele andere Akteure, wie zum Beispiel die Sportfischer, arbeiten an vielen Stellen an solchen Projekten: Das größte Nabu-Projekt ist die Renaturierung der Flusslandschaft Havel. Aber auch die Wiederansiedlung der Lachse und Störe in der Oste zeigt, dass sich unsere Bäche und Flüsse in einen ökologisch guten Zustand versetzen lassen. Es kostet nur viel Arbeit, Geld und Zeit.

Wie sieht die negative Rangordnung der Gewässer im Kreis Rotenburg zurzeit aus? Wie ist die Situation der Flüsse und Seen im Vergleich zu benachbarten Landkreisen?

Roschen: Ohne es sicher zu wissen fürchte ich, dass der Landkreis Rotenburg eher am Ende der Wasserqualitäten zu suchen sein wird. Allein ein Blick auf die Niedersachsenkarte, die die Belastung des oberflächennahen Grundwassers durch Nährstoffeinträge zeigt, dass Rotenburg zusammen mit Vechta zu den am höchsten belasteten Landkreise zählt.

Was schätzen Sie: Wann werden Menschen und Tiere wieder überall über ausreichend gutes Wasser verfügen?

Roschen: Ich denke, wir werden es nicht mehr erleben. Aber wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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