NS-Aufarbeitung

„Wir müssen nett sein und miteinander auskommen“

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Friedenspädagoge Michael Freitag-Parey diskutiert in Kuhstedt mit Grundschülern anhand von Bildern über Krieg, Frieden, Flucht und Heimat.

Sandbostel - Von Dieter Sell. Michael Freitag-Parey ist der einzige kirchliche Friedenspädagoge, der in Niedersachsen für eine NS-Gedenkstätte arbeitet. Bei seiner Tätigkeit in Sandbostel geht es vor dem Hintergrund der Geschichte oft um die Frage, wie heute Konflikte friedlich gelöst werden können.

Das Bild mit den Bundeswehrsoldaten, die am Sarg eines Kameraden salutieren, lässt Said nicht los. „Das erinnert mich an meinen Großvater, der im Krieg gestorben ist“, sagt der Viertklässler, der mit seiner Familie aus Tschetschenien geflohen ist. Krieg, Frieden, Flucht und Heimat: Auf Initiative des Friedenspädagogen Freitag-Parey beschäftigen sich Grundschüler in Kuhstedt mit scheinbar schwer verdaulichen Themen. „Die Kinder kriegen mit, wenn über Krieg und Flucht gesprochen wird und suchen nach Antworten“, sagt Freitag-Parey.

Der 45-jährige Diakon ist der einzige Friedenspädagoge, der im Auftrag der hannoverschen Landeskirche an einer NS-Gedenkstätte arbeitet. Zusammen mit Kooperationspartnern organisiert er auf dem Gelände und in der Region des ehemaligen Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Sandbostel Projekte, in denen es um die zentrale Frage geht, wie Gewalt und Krieg überwunden werden können. „Gedenkorte wie das ehemalige Lager geben wichtige Impulse, um dafür Ideen zu entwickeln“, ist Freitag-Parey überzeugt.

Projekt  „Wir müssen reden...“

Diesmal hat er mit einem Arbeitskreis und in Zusammenarbeit mit vier Grundschulen unter dem Titel „Wir müssen reden...“ ein Projekt entwickelt, das die Kinder schnell elektrisiert. In der Klasse von Grundschullehrerin Leoni Engelmartin breitet er zu Beginn auf dem Boden Bilder aus, zu denen die Kinder ihre Gedanken schildern sollen: flüchtende Menschen vor Ruinen, ein Kampfflugzeug, das Bomben abwirft, Kindersoldaten, eine Kriegsgräberstätte.

Kaum liegen die Fotos, schnellen auch schon die Finger in die Höhe. „Die Menschen sind auf der Flucht vor dem Krieg“, sagt Lou und berichtet aus ihrer Familie: „Meine Uroma musste auch fliehen und hat erzählt, dass sie sich ganz eng in einen Zug quetschen musste.“ Justin deutet auf ein Bild mit vielen Grabsteinen, die in Reih und Glied stehen. „Im Krieg sterben ganz viele Menschen“, sagt der Zehnjährige.

Auch zum ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlager Sandbostel gehört ein Friedhof, auf dem Tausende Opfer bestattet sind. Zwischen 1939 und 1945 durchliefen mehr als 313 000 Kriegsgefangene, Zivil- und Militärinternierte aus mehr als 55 Nationen das Lager. Mindestens 5 200 starben durch Hunger, Seuchen, Erschöpfung und Gewalt. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte denke er mit Kindern und Jugendlichen darüber nach, wie eine Eskalation von Gewalt verhindert werden könne, erläutert Freitag-Parey. „Es geht dann um die Frage: Wie könnte ein friedlicher Umgang mit Konflikten aussehen?“ Dazu hätten Kinder viel beizusteuern, denn auch bei ihnen gebe es Streit, betont der Diakon. „Und auch sie sehen im Fernsehen, in Zeitungen und im Internet Bilder von Tod und Leid. Wir können es uns nicht leisten, ihren Schatz an Gedanken und Ideen brach liegen zu lassen“, begegnet er Argumenten, Fragen rund um Krieg und Frieden seien noch nichts für Grundschüler. Im Gespräch werde schnell deutlich, dass Kinder sensibel und differenziert auf diese Themen reagierten. „Und wir brauchen leidenschaftliche Differenzierer.“

„Ich sage nur: Der Klügere gibt nach“

Auf die Frage von Klassenlehrerin Engelmartin, was passieren müsse, damit der Frieden bleibe, antwortete Anne Lena: „Ich sage nur: Der Klügere gibt nach.“ Greta meint: „Wir müssen miteinander auskommen und nett sein.“ Kilian empfiehlt, „dass Länder sich nicht mehr so doll streiten“. Und für Harmke ist klar, um den Frieden zu bewahren, müsse das Gesetz beachtet werden. Und man müsse „ausführlich darüber reden, warum der Krieg überhaupt angefangen hat“.

Für Konfirmanden und Jugendliche bietet Freitag-Parey neben interaktiven Rundgängen in der Gedenkstätte handlungsorientierte Projekte wie Workcamps und Sommerfahrten an, um Zeitzeugen zu besuchen und ganz nebenbei immer wieder über demokratische Prozesse nachzudenken. „Mir geht es um die Erkenntnis: Geschichte hat das Leben meiner Familie verändert – und beeinflusst auch mein Leben.“

Eingebunden ist die Arbeit in das Netzwerk „Frieden und Erinnern“, das die hannoversche Landeskirche mit unterschiedlichen Angeboten für Jugendliche an mehreren Orten in Niedersachsen organisiert. Was die Arbeit des Friedenspädagogen in Sandbostel angeht, so sieht Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann darin große Chancen. „Wir können mit ihm gut Jüngere ansprechen.“ Es komme darauf an, bei Jugendlichen ein kritisches Geschichtsbewusstsein zu wecken, das Zusammenhänge hinterfrage. Die Arbeit daran ist nie beendet, ist Freitag-Parey überzeugt. Deshalb setze er in seinen Projekten „keinen Punkt, sondern einen Doppelpunkt“.

Zum Projekt „Wir müssen reden: Krieg, Frieden, Flucht, Heimat – was Kinder der dritten und vierten Klasse zu diesen Themen zu sagen haben“ ist eine Ausstellung entstanden, die vom 15. bis 19. Mai im Rathaus von Gnarrenburg gezeigt wird.

epd

www.stiftung-lager-sandbostel.de

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