Zum Jahrestag der Befreiung des Stalag XB Sandbostel erinnert sich der Ire Harry Callan

Ehemaliger Kriegsgefangener: „Wer leben will, wehrt sich nicht“

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Mit 17 Jahren geriet der Ire Harry Callan in deutsche Kriegsgefangenschaft. Vier Jahre später wurde er befreit. 

Sandbostel - Von Matthias Röhrs. Auf den Tag genau vor 72 Jahren am Samstag haben britische Soldaten das Kriegsgefangenenlager in Sandbostel befreit. Aus diesem Anlass gibt es dort von 16 Uhr an eine Gedenkveranstaltung, um an die ehemaligen Inhaftierten und die Toten zu erinnern. Unter den Gästen ist in diesem Jahr Harry Callan.

Mit 17 Jahren kam der Ire als Zivilinternierter nach Sandbostel, ehe er in das Marineinternierungslager (Milag) nach Westertimke und später ins Arbeitserziehungslager nach Bremen-Farge gebracht wurde. Im Interview am Wochenende berichtet er über das Leben in den Lagern und wie er heute damit umgeht.

Es war mitten in der Nacht, als die Briten in Westertimke ankamen. Für Harry Callan endeten an jenem 27. April 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges und zwei Tage vor der Befreiung des Lagers Sandbostel, vier Jahre in Kriegsgefangenschaft. Als die Briten schließlich im Milag in Westertimke ankamen, wurde dem heute 93-Jährigen klar: Die vergangenen Jahre, „das war kein Traum“, erinnert er sich heute an seinen ersten Gedanken nach der Befreiung. Erst wenige Wochen zuvor hatten ihn die Nationalsozialisten aus der „Hölle“ in Bremen-Farge zurück nach Westertimke gebracht.

Herr Callan, kam Ihre Befreiung für Sie überraschend?

Harry Callan: Wir haben nichts vom Kriegsverlauf mitbekommen, bis wir im April 1945 wieder nach Westertimke kamen. Dort haben wir uns so oft wie möglich um die Funkgeräte versammelt, während wir zeitgleich immer den Volkssturm (kurz vor Kriegsende unter anderem als Hilfswächter dienstverpflichtete Zivilisten; Anm. d. Red.) im Auge behalten mussten. Am 27. April hörten wir gegen 2 Uhr morgens schließlich das Rumpeln eines Panzers und andere Fahrzeuge, die sich dem Lager näherten. Das kam schon überraschend.

Sie waren mehr als vier Jahre in Gefangenschaft. Wie sind Sie dort hineingeraten?

Callan: Ich war Hilfskoch auf der „Afric Star“, einem Schiff der britischen Handelsmarine. Wir waren auf dem Rückweg von Südamerika nach Großbritannien mit einer Ladung Rindfleisch. Am 29. Januar 1941, wir waren nur wenige Stunden von den Kapverdischen Inseln entfernt, hat der Hilfskreuzer „Kormoran“ seine Tarnung aufgegeben, eine russische gegen die Hakenkreuzflagge ausgetauscht, und das Feuer auf uns eröffnet. Wir konnten uns noch in die Rettungsboote begeben, doch die Deutschen versenkten unser Schiff und nahmen alle 72 Crewmitglieder und drei Zivilisten an Bord. Von da an war ich ein Gefangener.


Mehr als 313 000 Kriegsgefangene haben das Lager Sandbostel bis Kriegsende durchlaufen, weiß Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann. Zivilinternierte wie Callan waren dabei keine Seltenheit. Das Lager war damals in vier verschiedene Teile gegliedert. Einer davon war ein Zivilinterniertenlager der Kriegsmarine gewesen. Dieser Teil wurde später nach Westertimke ausgelagert. Dass Callan als Ire überhaupt im Kriegsgefangenenlager Sandbostel landete, so Ehresmann, ist „bemerkenswert“. Schließlich war Irland im Zweiten Weltkrieg neutral.

„Ich war traumatisiert, als ich in Sandbostel ankam“, berichtet Callan. Das Essen war schlecht – Fischsuppe mit Gräten oder Sauerkraut –, die Gefangenen trugen kaputte Kleidung, bekamen ersatzweise alte Uniformen der britischen Armee. Später kam Callan ins Milag Westertimke – „our POW-Camp“, „unser“ Kriegsgefangenenlager, wie es der Ire mehr als einmal formuliert. Hatten dort und in Sandbostel die Wärter noch „ein wenig Mitgefühl“, lebten er und die anderen 31 inhaftierten Iren in Bremen-Farge „in ständiger Angst und Terror“. Das Wort „Hölle“ fällt mehrfach, während Callan über das Arbeitserziehungslager spricht. In Farge mussten sie beim Bau des U-Boot-Bunkers Valentin mitarbeiten, der seit 2015 eine Gedenkstätte ist. Es habe Schläge und Mord gegeben, Hunger gehörte zum Alltag. Morgens und abends gab es wässrige Suppe, mittags zwei Scheiben Brot, berichtet Callan – bei zwölf Stunden Arbeit und zehn Kilometern Marschieren täglich. „Wir wurden gezwungen, das Fundament dieses Monsters von einem Gebäude zu legen.“

Für Außenstehende und auch jüngere Generationen heute ist es kaum vorstellbar, wie das Leben in Kriegsgefangenschaft damals aussah. Wie war der Umgang der Inhaftierten untereinander?

Callan: In Sandbostel hatten die Seemänner der Handelsmarine keinen Kontakt zu den anderen Gefangenen, und in Westertimke gab es nur uns. Wir konnten dort boxen, Fußball spielen, es gab Konzerte, Theaterstücke und auch eine Bücherei. In Farge hatten die irischen Mitglieder der britischen Handelsmarine eine eigene Baracke, jedoch keinen Kontakt zu den übrigen Gefangenen. Wir haben immer aufeinander aufgepasst.

Haben Sie noch Kontakt zu anderen Gefangenen aus dieser Zeit?

Callan: Nein, ich bin der letzte Überlebende von 32 Iren.

Wie haben die Wärter Sie behandelt?

Callan: In Sandbostel waren die Wärter Veteranen des Ersten Weltkriegs. Sie sahen uns als Kriegsgefangene und behandelten uns so gut sie konnten. Ebenso die Veteranen der Kriegsmarine, die uns in Westertimke bewachten – obwohl diese sehr streng waren. In Farge dagegen gab es alles: Manche behandelten uns als Kriegsgefangene, manche behandelten schlecht, manche Wärter waren bösartig. Wir Iren sind ihnen aus dem Weg gegangen.

Haben Sie versucht, sich zu wehren?

Callan: Wir haben uns nicht gewehrt. Man lernte: Wer leben will, wehrt sich nicht. Einmal, als zwei Kapos (Gefangene mit Kontrollaufgaben gegenüber anderen Häftlingen; Anm. d. Red.) uns mit Gummischläuchen schlagen wollten, nahmen wir sie ihnen weg und schlugen sie stattdessen. Danach wurden wir von ihnen nie wieder behelligt. Sie haben nur noch mit den Schläuchen in die Luft geschlagen, wenn die Gestapo in der Nähe war.

Als die britischen Soldaten in Sandbostel ankamen, bot sich ihnen ein Bild des Schreckens. Am Tag der Befreiung gab es 14.000 Kriegsgefangene und 7000 KZ-Häftlinge in dem Lager. Überall lagen Leichname offen herum, schildert Ehresmann. „Die lebenden Häftlinge irrten erschöpft über das Gelände oder lagen apathisch in den Baracken.“ Kurz zuvor wurde das Konzentrationslager Neuengamme geräumt, die Gefangenen wurden nach Sandbostel gebracht.

Verliert man nicht den Glauben an die Menschheit, wenn man so etwas erlebt?

Callan: Ich habe den Glauben nie verloren, weil ich jeden Tag kleine Momente der Freundlichkeit gesehen habe. Beispielsweise wenn ein Wärter uns heimlich Seife gegeben hat oder wir Iren aufeinander aufgepasst haben. Wir hatten Hoffnung; zum Beispiel auf das Rote Kreuz, das uns vielleicht findet und wir wieder in unser Kriegsgefangenenlager zurückkehren durften. Wir dachten nicht an Zuhause oder unsere Familien, denn das wäre der Weg in den Wahnsinn gewesen. Die Älteren haben uns davor gewarnt.

Haben Sie die Deutschen gehasst?

Callan: Ich habe die Gestapo gehasst, und die bösartigen Wärter. Aber nicht die deutsche Bevölkerung – die Dorfbewohner, die Bauern.

Gab es auch Hoffnungsschimmer?

Callan: Als ein Mitarbeiter der irischen Botschaft ins Arbeitserziehungslager kam und Pässe für uns beantragte, da hatten wir Hoffnung. Als die britische Luftwaffe den Bunker Valentin angriff, dachten wir, die Alliierten wären ganz in der Nähe und würden uns retten. Doch als das nicht passierte, habe ich alle Hoffnung verloren.

Haben Sie etwas vom Leben in den Orten außerhalb der Lager mitbekommen?

Callan: 1944 durfte ich alleine vom Arbeitserziehungslager zum Arzt und wieder zurück gehen. Ich war froh darüber, aber überall herrschte Angst. Nachbarn haben sich gegenseitig angezeigt, ebenso Kinder ihre Eltern. Ja, selbst für die Deutschen gab es überall Furcht.

Durften Sie während dieser Zeit Kontakt nach Hause aufnehmen?

Callan: Der einzige Kontakt, den ich hatte, war eine Postkarte, die ich von Westertimke aus nach Hause geschickt habe, damit meine Familie weiß, dass ich lebe. Ich bekam daraufhin einen Brief von meiner Stiefmutter.

Es hat mehr als 50 Jahre gedauert, bis Sie über das Erlebte sprechen konnten. Was hat Sie letztendlich dazu bewegt, es zu tun?

Callan: 2005 kam ich im Rahmen eines Programms der britischen Armee, durch das Veteranen zum Ort ihrer Inhaftierung für Gedenkveranstaltungen zurückkehrten, wieder nach Bremen-Farge. Als ich dort war, stellte ich fest, dass es keine Aufzeichnungen von den 32 Iren gab. Das hat mich sehr geärgert. Ich kam dann immer wieder nach Deutschland zurück, um mit Historikern in Farge und Sandbostel zu reden und meinen Zeugenbericht abzugeben.

Einige der Baracken im ehemaligen Kriegsgefangenenlager Sandbostel.

Am Ende des Krieges war Callan zwar frei, doch litt er lange unter den Folgen seiner Gefangenschaft. Kaum 40 Kilogramm wog er, als er zurück nach Irland kam, zudem war er an Tuberkulose erkrankt. Ein Jahr lang konnte er nicht arbeiten, das Eingewöhnen zuhause fiel ihm schwer. „Alles hatte sich verändert“, sagt Callan. Dazu kamen „grauenhafte Albträume“, unter denen er und auch seine spätere – mittlerweile gestorbene – Frau und seine vier Kinder immer wieder zu leiden hatten. Irgendwann kehrte er zurück auf See, hatte aber bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1987 immer wieder mit der Seekrankheit zu kämpfen.

Zusammen mit seiner Schwiegertochter Michele Callan hat er seine Geschichte in dem Buch „Forgotten Hero of Bunker Valentin – The Harry Callan Story“ („Vergessener Held vom Bunker Valentin – Die Harry-Callan-Geschichte“; Anm. d. Red.) aufgeschrieben. Es ist in diesem Jahr erschienen. „2012 habe ich gemerkt, dass ich der letzte Überlebende der 32 inhaftierten Iren bin“, sagt er. Von da an war ihm klar: Er muss die Geschichte erzählen, damit auch die anderen Familien erfahren, was passiert ist. Seitdem habe er keine Albträume mehr. Mittlerweile kommt er immer wieder nach Deutschland, um beispielsweise mit Schülern zu sprechen. Erst gestern hat er das Bremervörder Gymnasium besucht und dort aus seinem Leben berichtet.

Angesichts des Jahrestages der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Sandbostel, welchen Eindruck haben Sie vom heutigen Gedenken der Deutschen an den Schrecken der Nazi-Zeit?

Callan: Ich kann jetzt nur von den Lagern sprechen, mit denen ich selbst zu tun habe. Ich bin sehr froh, dass an alle Gefangenen, und insbesondere den gestorbenen, erinnert wird. Es ist gut zu sehen, dass jetzt die wahre Geschichte dieser Orte erzählt wird und dass junge Generationen in die Geschichte und das Gedenken daran einbezogen werden. Die Veranstaltungen am Lagerfriedhof und am Kriegsgefangenenlager Sandbostel sowie am Denkort Bunker Valentin sind sehr emotional, friedvoll und heilend.

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