Nachruf: Dmitry Borissowitsch Lomonossow ist im Alter von 90 Jahren gestorben

Ein Mann der Versöhnung

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Dmitry Borissowitsch Lomonossow bei einem Besuch in Sandbostel.

Sandbostel - Von Klaus Volland. Gerade einmal 19 Jahre alt ist Dmitry Borissowitsch Lomonossow, als ier im Januar 1944 in Weißrussland schwer verletzt in deutsche Kriegsgefangenschaft gerät. Im Stalag X B in Sandbostel stirbt er fast. Als das Nazi-Kriegsgefangenenlager von den Engländern befreit wird, kehrt er in seine Heimat zurück. Bis ins hohe Alter besucht er drei Mal das ehemalige Lager und setzt sich für die Versöhnung ein. Am 13. März ist Lomonossow im Alter von 90 Jahren in Moskau gestorben. Klaus Volland aus Bremervörde erinnert an ihn.

Am 13. März 2015 ist Dmitry Borissowitsch Lomonossow im Alter von neunzig Jahren in Moskau gestorben. Mit ihm verliert die Gedenkstätte Lager Sandbostel eine beeindruckende, charakterstarke Persönlichkeit. Dmitry Lomonossow hat wichtige Beiträge zur Erinnerung an das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen geleistet und sich noch im hohen Alter leidenschaftlich für Versöhnung und Frieden zwischen dem russischen und dem deutschen Volk ausgesprochen. Drei Mal (2003, 2010 und 2011) hat Dmitry Lomonossow Sandbostel, die letzte Station seiner Kriegsgefangenschaft, mit Familienangehörigen besucht und sich immer wieder für Interviews und Zeitzeugengespräche zur Verfügung gestellt.

Der Verstorbene wurde am 22. November 1924 im sibirischen Krasnojarsk geboren. Seine Eltern, die die Oktoberrevolution unterstützt hatten, wurden beide Opfer des stalinistischen Terrors. Bis zur Verhaftung des Vaters (1930 ) lebte die Familie in Swerdlowsk am Ural. Danach wohnte Dmitry Lomonossow in Bolschewo, nordöstlich von Moskau. Nachdem auch seine Mutter 1938 verhaftet worden war, lebte er bei der Familie einer Tante in Rostow am Don.

Am 14. Januar 1944 wurde Lomonossow an der weißrussischen Front bei Kalinkowitschi als Angehöriger einer Kavalleriedivision am Fuß und am Kopf schwer verwundet und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Anschaulich und bewegend schildert er in seinen im Internet nachlesbaren Erinnerungen seine Erlebnisse in der Gefangenschaft. Er wurde in mehrere immer weiter westwärts gelegene Lazarette verlegt und kam über das Stalag I B Hohenstein (Ostpreußen) in das Fort 17 und das Stalag XX A im westpreußischen Thorn. Von dort wurde er mit 2000 bis 3000 Leidensgenossen Mitte Januar 1945 auf einen mehrwöchigen Fußmarsch gezwungen, tagelang ohne Wasser und Nahrung. Als er, am Ende seiner Kräfte, westlich von Rostock von Kameraden in einen Eisenbahnwaggon getragen wurde, bestand die Marschgruppe „einschließlich der Gerippe auf den Fuhrwerken“ noch aus etwa 500 Mann.

Lomonossow konnte sich noch viele Jahre später daran erinnern, wie er am Bahnhof Bremervörde aus dem Waggon auf einen Militärlastwagen geworfen wurde. Anschließend verlor er damals für einige Tage vollständig das Bewusstsein. Der im Reservelazarett X B Sandbostel tätige russische Arzt Dr. Djakow zog ihn dort aus einem Leichenhaufen heraus. Lomonossow, der nur noch 26 Kilogramm wog, überlebte dank des besonderen Einsatzes von Dr. Djakow, des italienischen Arztes Dr. Lorenzo Gradoli und eines französischen Kriegsgefangenen, des aus Armenien stammenden Mezrop Awettisian.

Den 29. April 1945, den Tag der Befreiung des Lagers Sandbostel, bezeichnete Dmitry Lomonossow später einmal als den Tag seiner zweiten Geburt. Anfang Mai wurde er von der britischen Armee in das im westfälischen Hemer für „Displaced Persons“ eingerichtete Lager „Camp Roosevelt“ verlegt, wo bessere Möglichkeiten zur medizinischen Versorgung bestanden. Sechs Wochen später kam er von dort in ein Sammellager der Roten Armee in Parchim und im Dezember 1945 in ein Filtrationslager in Thorn. Von dort meldete er sich zur Arbeit in einem Straßenbau-Bataillon in Aserbeidschan, wo er bis 1947 blieb. Auch danach war er im Bauwesen tätig. Wegen der bis in die Jelzin-Ära fortbestehenden Diskriminierung von ehemaligen Kriegsgefangenen war es für ihn lange Zeit sehr schwer, Arbeit und eine Wohnung zu finden. Trotzdem gelang es ihm, eine Ausbildung zum Luftfahrttechniker zu machen, und schließlich ging er als Institutslehrer in Pension. Lomonossow war mit einer Ärztin verheiratet, mit der er zwei Kinder (Andrej und Ekaterina) hat.

Dmitry Lomonossow war zeitlebens an Geschichte, Literatur und Kunst und insbesondere an technologischen Innovationen interessiert. Er bezeichnete sich selbst als „Altersrekordhalter des russischen Internets“. In der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Lager Sandbostel ist Dmitry Lomonossow mit einem markanten Porträt das Gesicht der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen.

Noch im Februar dieses Jahres setzte sich „ldb“ in einer E-Mail dafür ein, dass seiner zu Tausenden in Sandbostel gestorbenen Kameraden – darunter sein Freund Michail – bei der Gedenkfeier am 29. April zum 70. Jahrestag der Befreiung des Stalag X B ehrenvoll gedacht wird. Zu dieser Gedenkfeier wäre er gern selbst noch einmal nach Sandbostel gefahren, und er hätte dort sicher wieder eine eindrucksvolle Ansprache gehalten. Nun werden seine Kinder und seine Nichte zu seinen Ehren an der Feier teilnehmen.

http://okopka.ru/l/lomonosow_d_b/text_0010.shtml

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