Betroffene „Beverniederung“-Landwirte fürchten um ihre Existenz

Wut auf die Kreistagsmehrheit

Noch können Jung-Landwirt Carsten Tamke (31) und Freundin Jennifer lachen. Doch wirklich zumute ist ihnen danach nicht beim Blick in die Zukunft. 14 000 Euro pro Jahr, so die Rechnung der landwirtschaftlichen Beratungsstelle, würden sie die verschärften Auflagen für die Beverniederung kosten. - Foto: Algermissen

Farven - Von Stefan Algermissen. „Es stehen Existenzen auf dem Spiel!“ So lautet das Hauptargument von betroffenen Landwirten gegen die in der vergangenen Woche vom Rotenburger Kreistag auf den Weg gebrachten strengeren Auflagen für das geplante Naturschutzgebiet (NSG) Beverniederung.

Doch was kostet einen Landwirt, der im künftigen NSG Flächen besitzt, die Entscheidung der Mehrheitsgruppe aus SPD, Grünen und WFB genau? „10 000 Euro Wertverlust pro Hektar und noch mehr.“ So zumindest rechnen es Farvener Bauern vor.

Zur Erinnerung: Im Zuge der Umsetzung der Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Richtlinie, der „europäischen Richtlinie zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen“, haben die Landkreise die Aufgabe, diese Gebiete bis 2018 zu sichern. Als Teil des FFH-Gebietes „Oste mit Nebenbächen“ soll die Beverniederung als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden. Von den 654 Hektar, die die das Gebiet „Beverniederung“ umfasst, wären nach dem ursprünglichen Verordnungsentwurf der Kreisverwaltung, der in Zusammenarbeit mit dem Landvolk entstanden war, gut 300 Hektar Grünland mit schwachen Auflagen belegt worden. Dagegen hatte sich im Februar der Kreisumweltausschuss und nun der Kreistag gesperrt. Jeweils mit den Stimmen der Mehrheitsgruppe aus SPD, Grünen und WFB wurde erreicht, dass das Verfahren zur Schaffung eines NSG neu aufgerollt wird. Ein Argument der Mehrheitsgruppe äußerte Volker Kullik (SPD): Nach den zunächst geplanten Auflagen „würde man gar nicht erkennen, dass das Gebiet unter Schutz steht“.

Auf dem Hof von Carsten und Hinrich Tamke in Farven (Samtgemeinde Selsingen) rechnen betroffene örtliche Landwirte vor, warum ihrer Meinung nach die schärferen Auflagen „in Richtung Enteignung gehen“. Rund 400 Hektar Grünland, berichtet Werner Tietjen, gehörten zum geplanten NSG „Beverniederung“. Davon befänden sich gut 100 Hektar im Bereich der Gemeinde Farven. Diese würden von örtlichen Landwirtsbetrieben bewirtschaftet. Sechs Vollerwerbsbetriebe, berichtet Tietjen, gebe es noch im Ort, doch im Falle eines „Ja“ zu den von der Kreistagsmehrheit geforderten härteren Auflagen wüchse die Gefahr, dass es bald weniger seien.

Am Beispiel von Junglandwirt Carsten Tamke (31) rechnen die Landwirte vor, wie sich „fachlich unbegründete Auflagen“ wie die verbotene Nachsaat auf Grünland, das Verbot von Gründlanderneuerung und das komplette Pflanzenschutzverbot finanziell auswirkten. Tamke berichtet, er sei seit 2010 Landwirtschaftsmeister. Gemeinsam mit Vater Klaus-Hinrich (54) bewirtschafte er den 130 Hektar großen Betrieb mit rund 110 Hektar landwirtschaftlich genutzten Flächen. „Zwei Generationen müssen von den Erträgen leben“, so Tamke. Gemeinsam mit seinem Berater habe er einen Wirtschaftlichkeitsplan aufgestellt, wie sich dies rechnen könne. Er habe rund 1,1 Millionen Euro investiert beziehungsweise investiere sie noch. So sei die Anzahl an Milchkühen bis dato auf 150 plus weibliche Nachzucht erhöht worden. Bis Ende 2016 sollten es 250 Tiere plus ein Teil der weiblichen Nachzucht sein. Darüber hinaus sei bislang ein bestehender Boxenlaufstall baulich erweitert worden, ein neues Güllesilo und Siloplatten entstanden. Ein zusätzlicher Boxenlaufstall, ein neues Melkzentrum sowie neue Teil-Siloplatten befänden sich seit 2015 im Bau. Mitte 2017, sagt Carsten Tamke, sollten die Bauarbeiten abgeschlossen sein. „Das alles wurde natürlich mit den bestehenden Erträgen des Gründlandes kalkuliert“, sagte Tamke. Aber: Die Hälfte von Tamkes Gründlandflächen, rund 25 Hektar, liegen im künftigen NSG „Beverniederung“. Bei den drohenden verschärften Auflagen, rechnet der 31-Jährige vor, wäre dieses Grünland in vier Jahren rund 10 000 Euro pro Hektar weniger wert. Der „Erschwerniszuschlag“, der als Ausgleich für die Auflagen der Flächen im NSG gezahlt werde, betrage gerade mal 40 Euro pro Hektar.

Zudem hätten die Verbote von Nachsaat und Gründlanderneuerung zur Folge, dass er wegen des geringer werdenden Ertrages seiner Flächen binnen weniger Jahre entweder Flächen zupachten müsse oder Futter (Tamke: „Böses, wenig nachhaltiges Sojaschrot aus dem Ausland“) für seine Milchkühe zukaufen müsse. Carsten Tamke: „Bei Futterzukauf wären es pro Jahr 15 000 Euro Mehrkosten für mich.“ Eine Zupacht verursache noch höhere Kosten, rund 22 000 Euro pro Jahr. Dagegen stünden bei 25 Hektar Gründland gerade mal 1 000 Euro pro Jahr an Erschwerniszuschlag. Angesichts dieser Zahlen findet Tamke, dass „die Politik das Problem verniedlicht“. Wie seine Berufskollegen aus Farven ist er überzeugt, dass das Höfesterben so beschleunigt werde. Und es treffe gerade jene kleineren Betriebe, „die die Grünen doch eigentlich erhalten wollen“.

Von den anhaltend niedrigen Milchpreisen, fügen seine Farvener Berufskollegen hinzu, wollten sie erst gar nicht sprechen. Hinzu kämen „immer mehr Auflagen und ein weiter steigender Bürokratismus“. Tamke zieht eine ernüchternde Bilanz: „Für Neuinvestitionen winkt kein Zusatzverdienst mehr. Wir nehmen also Kredite auf, um weiter melken zu dürfen. Da vergeht einem die Lust.“ - bz

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