Interview mit dem Kommandeur des Fallschirmjägerregiments 31, Oberst Joachim Hoppe

„Schlagkraft ist jetzt fokussierter“

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Oberst Joachim Hoppe sieht Vorteile im Wandel, aber auch Probleme.

Seedorf - Von Lutz Hilken. Der Umbau der Bundeswehr ist am Standort Seedorf fast vollendet. Oberst Joachim Hoppe, Kommandeur des Fallschirmjägerregiments 31, sieht Vorteile des Wandels, aber auch ein Problem. Im Interview äußert er sich angesichts der jüngsten Terroranschläge in Paris über die Rolle der Truppe bei der Gefahrenabwehr und spricht über die von Seedorfer Soldaten geleistete Flüchtlingshilfe.

Sie sind seit einem Jahr Regimentskommandeur in Seedorf. Ist die Umstrukturierung abgeschlossen?

Joachim Hoppe: Sie ist im Wesentlichen abgeschlossen. Was noch nicht vollzogen, aber kein Defizit des Regiments und seiner Angehörigen ist: Etwa 50 Mann meiner 8. Kompanie, der Luftlandeversorgungskompanie, werden voraussichtlich die nächsten Jahre in Oldenburg stationiert bleiben. Dabei handelt es sich um den Luftgeräte/Luftumschlagzug. Das sind Soldaten, die unsere Fallschirme instand setzen, warten und packen. Diese benötigen eine entsprechende Infrastruktur: eine große Halle mit Werkzeugen. Sie ist bisher als Baumaßnahmen in Seedorf nicht angelaufen. Daher wird die vorhandene Infrastruktur in Oldenburg weiter genutzt.

Eine solche Halle ist in Seedorf nicht vorhanden?

Hoppe: Nein. Und weil sie als so genannte große Baumaßnahme besonders kostenträchtig ist, lässt sie sich auf der Zeitachse nicht so schnell realisieren. Daher gehen wir davon aus, dass wir zumindest einen kleinen Teil der Truppe in den nächsten Jahren in Oldenburg haben. Die gute Botschaft ist: 99 Prozent des Regiments sind planmäßig vor Ort, ziehen an einem Strang, und auch die Oldenburger fühlen sich zugehörig. Wir müssen nur ab und zu die Distanz von 110 Kilometern zwischen den beiden Standorten überwinden.

Abgeschlossen sind auch die nicht nach außen sichtbaren internen Abläufe?

Hoppe: Wenn ein Regiment aufgestellt wird, das aus verschiedenen Truppenteilen mit unterschiedlichem Auftrags- und Fähigkeitsspektrum entsteht, dann sind viele Dinge grundsätzlich neu zu koordinieren und zu harmonisieren durch Grundsatzbefehle. Beispielsweise in den Bereichen Ausbildung, Führung und Personal oder auch bei Infrastruktur oder Kasernenordnung. Beim Abschließen dieser Befehlsgebung, die überall eine aktuelle Befehlsgrundlage vorsieht, die auf Verband und Kaserne optimiert ist, sind wir bei etwa 80 Prozent. Alle wichtigen Dinge sind umfassend geregelt.

In welchen Bereichen sehen Sie besondere Herausforderungen, Vor- und Nachteile der neuen Struktur?

Hoppe: Wir haben viele Erfahrungen gesammelt, sodass ich zu einem soliden Urteil kommen kann. Es gibt einen großen Vorteil und eine Schwierigkeit. Der wesentliche Vorteil: Mit Blick auf die vorher unterschiedlichen Truppenteile der Brigade und die Dislozierungen – mehrere Bataillone, Standorte und Führungsebenen – ist jetzt ein homogener Körper gewachsen.

Wie wirkt sich das in der Praxis aus?

Hoppe: Nahezu alle Soldaten in Seedorf stehen nun unter einem einheitlichen Kommando, nämlich unter dem des Fallschirmjägerregiments. Insofern haben wir jetzt sehr schnell für alle wichtigen Dinge alle wichtigen Truppen beisammen. Zur Kommunikation: Wir haben auf allen Ebenen das entscheidende Führungspersonal an einem Ort verfügbar. Alles kann einheitlich geregelt und besprochen werden. Das ist ein Riesen-Vorteil. Vorher gab es mehrere Bataillons- und Brigadestränge, heute ziehen alle an einem Regimentsstrang, gebündelt in einer Führungsebene und in einer Kaserne. Mit Blick auf die Region rund um Seedorf: Sie kann sich auf einen Ansprechpartner fokussieren. Das ist viel einfacher und klarer geworden.

Wo liegt die Schwierigkeit?

Hoppe: Die Herausforderung ist, dass wir einen relativ großen und heterogenen Verband mit elf Kompanien haben, von denen fast keine der anderen gleicht. Hier sind im Prinzip drei Truppengattungen vertreten: Fallschirmjäger, Sanitäter und Logistiker. Insofern muss mein Stab, der nach unserer Bewertung von der Dienstpostenausstattung her zu klein ist, viele Kompanien mit sehr unterschiedlichen Spezialisierungsthemen führen und koordinieren. Da sehen wir, dass die Führungsspanne für den Stab sehr groß ist und wir unzureichend ausgestattet sind. Daher haben wir entsprechende Anträge gestellt, die hoffentlich positiv beschieden werden.

Können Sie das quantifizieren? Wie stark ist der Stab?

Hoppe: Der knapp 60-köpfige Stab kümmert sich um einen Personalkörper von knapp 2000 Soldaten in elf Kompanien. Der gleiche Stab war vorher lediglich für fünf bis sechs Kompanien zuständig, die zudem nicht so spezialisiert waren. Und: Die Arbeit, die vorher mindestens zwei Bataillonskommandeure geleistet haben, die in der Regel einen Zwölf- und mehr Stunden-Tag hatten, ist jetzt von einem Kommandeur zu leisten. Das ist anspruchsvoll.

Wie viel mehr Personal bräuchten Sie?

Hoppe: Mindestens zehn Dienstposten in unterschiedlichen Dotierungshöhen zusätzlich. Ziel der Struktur war es, Dienstposten einzusparen. Aber aktuell ist es aus meiner Sicht zu schlank geworden.

Wie bewerten Sie die Schlagkraft des Verbandes nach der Reform?

Hoppe: Sie ist definitiv fokussierter. Es ist nichts an Schlagkraft eingebüßt worden. Im Gegenteil: Sie ist erhalten geblieben und jetzt idealerweise gebündelt unter einer Führung und an einem Ort.

Der Auftrag hat sich verändert, es geht jetzt auch um die militärische Evakuierung von deutschen Staatsbürgern aus Krisengebieten. Gab es bereits Alarmierungen?

Hoppe: Das Fallschirmjägerregiment hat im Kern die gleichen Aufträge wie vorher die Luftlandebrigade. Es ist ein Auftrag hinzugekommen. Die klassischen Aufträge wie Luftlandeoperationen, schnell an Krisenherde verlegbar zu sein, das Kommando Spezialkräfte mit speziell ausgebildeten Fallschirmjägern zu unterstützen, ist gleich geblieben. Der Auftrag, im Rahmen der nationalen Krisenvorsorge militärische Evakuierungsoperationen durchführen zu können, ist in der Tat neu. Hier kam bisher eine scharfe Alarmierung. Das war Mitte April und betraf den Jemen. Es sind tatsächlich etwa 200 deutsche und europäische Staatsbürger evakuiert worden, allerdings auf den letzten Drücker durch eine diplomatische Evakuierung, also ohne Einsatz militärischer Mittel und mit zivilen Fluggesellschaften. Zu diesem Zeitpunkt waren Kräfte von uns bereits an einem Flughafen in Deutschland.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen von der Alarmierung bis zum Einsatz?

Hoppe: Es muss sehr schnell gehen. Wir reden von etwa zwei bis drei Tagen. Es gibt keinen Daumenwert dafür, denn am Ende diktieren die Politik und die Krisenlage vor Ort das Zeitfenster. Wir sind darauf eingestellt, innerhalb von zwölf Stunden nach einer Alarmierung an einem Flughafen in Deutschland zu sein, um von dort ins Einsatzland zu verlegen – voll aufgerüstet mit bis zu mehreren hundert Mann. Das gilt auch über Weihnachten und Neujahr oder parallel zur Flüchtlings-Unterstützung, die wir gerade leisten. Wir halten immer genügend Kräfte vor, die auf Knopfdruck von heute auf morgen einsatzbereit sind.

Ist Ihre Ausrüstung dafür ausreichend?

Hoppe: Für die wesentlichen Bedrohungsszenarien haben wir alle leichten und mittelschweren Waffen, die wir benötigen. Die passen auch alle in die entsprechenden Luftfahrzeuge. Insofern sind wir gut aufgestellt. Wir würden uns sicherlich wünschen, dass es irgendwann den Airbus A 400 M gibt, der die immer noch leistungsfähigen, aber in die Jahre gekommenen Transall-Maschinen ablöst und mit dem wir mit mehr Ausrüstung und noch sicherer und schneller verlegen können.

In der Kritik stand das G 36. Welche Erfahrungen haben Sie in Seedorf damit gemacht?

Hoppe: Was meine Männer aus dem Einsatz in Afghanistan berichtet haben, hat sich im meines Erachtens sehr lesenswerten Kommissionsbericht nahezu „eins zu eins“ niedergeschlagen: Wir haben ausgesprochen gute Erfahrungen mit dem G 36 gesammelt. Aus der Sicht der Truppe, die im Einsatz war, gibt es keine Einschränkungen der Funktionsfähigkeit der Waffe, selbst in den schweren Karfreitagsgefechten nicht. Für einen Erfolg ist immer ein Waffenmix zuständig. Das Gewehr G 36 ist für bestimmte Dinge ausgelegt, da hat es 100-prozentig funktioniert. Hier vor Ort ist nie verstanden worden, welche Diskussion dort stattgefunden hat. Wir sind mit der Waffe im Friedensbetrieb wie im Gefecht bisher vollumfänglich zufrieden gewesen. Sie hat nirgendwo versagt.

Politisch steht zur Debatte, das Militär im Kampf gegen den Terrorismus auch im Inland einzusetzen – das Grundgesetz erlaubt dies bisher nicht. Wie verfolgen Sie diese Debatte?

Hoppe: Mit großem Interesse. Einmal im Lichte dessen worauf Soldaten ihren Eid leisten, nämlich auf der Linie des Grundgesetzes. Hier ist klar geregelt: Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf. Mit Blick auf inzwischen 60 Jahre Bundeswehr hat sich diese Grundlinie sehr bewährt. Auf der anderen Seite: Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Mit dem, was wir jetzt erleben, die Terroranschläge, haben andere Länder in Europa deutliche Erfahrungen gemacht. Ich glaube, dass wir uns auf einer Beobachterrolle nicht ausruhen können. Das zeigt der Blick auf die Absage des Fußballspiels Deutschland gegen die Niederlande. Diese Entscheidung ist sicher nicht ohne Grund gefallen. Mit dieser Art von Terrorismus müssen wir uns auseinandersetzen. Im gesamten Bereich innere und äußere Sicherheit haben wir im Bund wie in den Ländern seit der Wiedervereinigung deutliche Reduzierungen vorgenommen. Es könnte klug sein, wie im Bereich der Flüchtlingshilfe Ressort übergreifend zu schauen, wie es um die innere und äußere Sicherheit bestellt ist. Sind wir gut aufgestellt bei der Abwehr dieser Bedrohung? Meine Erwartung wäre, beim Einsatz im Inneren das Grundgesetz im Auge zu behalten und eine Vielzahl von Optionen ergebnisoffen zu betrachten.

Letzte Frage: Wird der Standort Seedorf von dem nun beschlossenen Syrien-Einsatz der Bundeswehr betroffen sein?

Hoppe: Syrien ist aktuell kein Thema für den Standort Seedorf wegen des Schwerpunkts auf militärischen Evakuierungsoperationen.

Oberst Joachim Hoppe wird das Kommando über das Seedorfer Fallschirmjägerregiment 31 am 15. Januar übergeben. Und zwar an Oberstleutnant Christian von Blumröder, der schon einmal Nachfolger Hoppes als Bataillonskommandeur beim früheren Seedorfer Fallschirmjägerbataillon 313 war und den kampfintensivsten Einsatz der Seedorfer 2010 persönlich geführt hat. Hoppe wird in Delitzsch in Sachsen stellvertretender Kommandeur an der Unteroffiziersschule des Heeres.

zz

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