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Selbsthilfegruppe in Rotenburg: „Ziss“ sucht Opfer von Entfremdungssyndrom

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Von: Andreas Schultz

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Veronika Czech und Verena Kimpel
Veronika Czech (l.) und Verena Kimpel wollen beim Aufbau einer Selbsthilfegruppe für „entsorgte Väter“ helfen, wie es ein Betroffener formuliert. © Schultz

Angststörungen, Depressionen und zerrüttete Beziehungen: Wer als Vater Opfer des „Parental Alienation Syndrom“ wird, erlebt, wie die Ex-Partnerin den Kontakt zum gemeinsamen Kind unterbindet. Das Ziss will Betroffenen eine Selbsthilfegruppe bieten.

Rotenburg – Phillip Bergmann* ist mit den Nerven am Ende. Nach der Trennung von seiner Partnerin wird das gemeinsame Kind zum Spielball des andauernden Eltern-Konflikts. Er will nichts mehr, als geregelten Kontakt zu seinem Sohn, sie lässt ihm zufolge keine Gelegenheit aus, ihrem Ex diesbezüglich Stöcker zwischen die Beine zu werfen. Ihr langfristiges Ziel: einen Keil zwischen Vater und Sohn zu treiben. „Parental-Alienation-Syndrom“ heißt das im Fachjargon, zu deutsch etwa Elterliches Entfremdungssyndrom. Die Zentralen Informationsstelle Selbsthilfe (Ziss) in Rotenburg will betroffenen Vätern eine Selbsthilfegruppe bieten.

Doch dafür fragt sie zunächst den Bedarf ab. „Wir hatten schon einige Anfragen bezüglich dieses Themas. Oft geht es dabei darum, dass die Mutter den Umgang mit dem gemeinsamen Kind verhindern oder zumindest erschweren möchte“, erklärt Veronika Czech. Wer die Leitung einer solchen Gruppe übernehmen könnte, wie viele Väter überhaupt dafür zusammenkommen – das steht noch in den Sternen. Die Ziss will erste Anlaufstelle sein und bei Bedarf auch die ersten Sitzungen einer solchen Selbsthilfegruppe begleiten. Aber erst mal muss sich zeigen, wie viele Männer Interesse daran haben.

Für Bergmann selbst kommt die Leitung der Treffen vorerst zumindest noch nicht infrage. Er ringt noch. Seit sechs Jahren dauert sein „Kampf“, wie er sagt, mit der Mutter des gemeinsamen Sohnes an. Und der laugt aus. Das wiederum nährt den Zynismus, der durchscheint, wenn der Betroffene von einer Selbsthilfegruppe „für entsorgte Väter“ spricht. Der Grund dafür: „Die Mutter verhält sich, als wäre das Kind ihr persönliches Eigentum“, fasst Bergmann zusammen. Informationen über den gemeinsamen Sohn, der inzwischen zur Schule geht, gebe sie nicht weiter, auch über wichtige Termine halte sie ihn im Dunkeln. Das Kind, sein persönliches Umfeld, auch seine Ärzte würden dahingehend manipuliert. „Ich bekomme plötzlich keine Auskünfte mehr, ich bekomme nichts mehr mit, weil sie mich als Monster darstellt. Ich soll kontinuierlich aus dem Leben meines Sohnes entfernt werden“, beklagt der Mann. Deswegen die Rede von „entsorgten Vätern“.

Mehrere Episoden des Sorgerechtsstreits landeten bereits vor Gericht – die erste, als sie auszog, das neun Monate Jahre alte Kind mitnahm und ihm den Umgang untersagte. Die Vorbereitungen auf die jeweiligen Verhandlungen seien nervenzehrend gewesen, zu insgesamt fünf Anwälten habe der Vater rennen müssen und im Verlauf der Jahre finanzielle Mittel „versenkt, die den Wert von zwei Kleinwagen haben“, fasst Bergmann zusammen. „Der Gegenseite ist das egal. Hauptsache, ich gehe davon kaputt. Das hat sie mir ins Gesicht gesagt: ,Ich bringe dich noch in die Klapsmühle‘.“

Aus Sicht des Vaters ist das deutsche Justizsystem nicht fair, Urteile in Sorgerechtsbelangen fielen tendenziell zugunsten der Mütter aus. Gerichte entschieden nicht selten, den Umgang für den jeweiligen Vater auszusetzen – mit der Begründung, dass sein Kampf um das Recht, sein Kind zu sehen, schädlich für den Nachwuchs sei. „Das Gericht sagt dann: Das Kind ist zwischen den Eltern hin- und hergerissen. Tatsächlich wird das Kind aber systematisch entfremdet.“ Und ein solches Urteil verstärke diesen Effekt, findet Bergmann.

Letztlich bricht das Jugendamt im ersten Streit eine Lanze für ihn: „Das Kind braucht den Vater“, habe es geheißen. Das Gericht sieht das auch so, eine Umgangsvereinbarung kommt zustande. Bis der Sohn etwa dreieinhalb Jahre alt ist, bleibt es um den Konflikt ruhig. Doch im Hintergrund laufe die Manipulation weiter. Er vermutet, dass sie ihre Drohungen wahr machen und seine Reaktionen austesten will. Aus Angst davor, dass die Mutter ihm den Sohn wieder entziehen könnte, macht der Vater sich uninteressant, zeigt ihr gegenüber keine Emotionen mehr, reagiert nicht auf Sticheleien. Mit anderen Worten: Er wendet die „Graue Stein“-Methode an. „Ich musste eine Rolle spielen, ich war nicht mehr ich selbst“.

Andauernd dieser Form von Stress ausgesetzt zu sein, kann gesundheitliche Folgen haben. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass Betroffene Angststörungen entwickeln oder in eine Depression rutschen“, erläutert Czech. Gleichzeitig kann sich der Mutter-Vater-Stress, der für das Kind hinter den Kulissen abläuft, ebenfalls negativ auf die zwischenmenschliche Beziehung zum Nachwuchs auswirken. Die Zwickmühle: Der Vater will das Kind vor dem Konflikt schützen, sieht sich also zur Lüge gezwungen, wenn das Kind seine Anspannung spürt und nach den Gründen fragt. Und Anspannung kann es dann reichlich geben: „Bei mir geht ständig das Kopfkino, alles dreht sich um die Frage, wie sie das nächste Vater-Sohn-Wochenende torpedieren wird“, sagt Bergmann. Das daraus entstehende Konfliktpotenzial ist hoch. „Kinder spüren das, aber es wird nicht offen besprochen. Das rutscht dann schnell in eine toxische Kommunikation“, sagt Czech.

„Ich weiß oft nicht, wie es weitergehen soll“, gibt Bergmann zu. Sich zu den Problemen austauschen, hören, dass es anderen ähnlich geht, von den Lösungswegen erfahren, die andere beschritten haben: Aus seiner Sicht fehlen Möglichkeiten dazu im Landkreis Rotenburg komplett. Eine solche Selbsthilfegruppe wäre vielen Vätern eine große Hilfe, ist er sicher. Denn Väter in ähnlichen Problemlagen hätten keine große Lobby und erführen nur wenig Unterstützung. Dem will die Ziss auch gerne nachkommen. „Wir wollen die Gruppe gemeinsam ins Leben rufen“, geben Czech und Verena Kimpel von der Ziss zu Protokoll. Damit sich auch viele Väter melden, fügt Bergmann hinzu: „Habt Mut!“. Denn Mut gehöre zu den Dingen, die sie am meisten gebrauchen können – nicht nur zum Aufsuchen einer solchen Selbsthilfegruppe.

*Der Name wurde geändert, er ist der Redaktion bekannt.

Kontakt

Die Zentrale Informationsstelle Selbsthilfe in der Bahnhofstraße 20 in Rotenburg ist erreichbar unter 04261/8518239. Die Sprechzeiten dauern am Montag von 11 bis 16 Uhr und am Donnerstag von 10 bis 15 Uhr. Wer an Veronika Czech und Verena Kimpel lieber eine E-Mail schreiben möchte, kann das unter ziss-rotenburg@t-online.de.

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