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Rollentausch: Aufführung nur für Schüler

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Von: Guido Menker

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Die Zehntklässler sitzen in der Aula und verfolgen das Theaterstück.
Die Zehntklässler halten zweieinhalb Stunden durch. © Menker, Guido

Das Rollentausch-Theater der Kulturinitiative Rotenburg (Kir) hat eine Aufführung des Stückes „In der Löwengrube“ speziell für die Zehntklässler der IGS gegeben und die Schüler damit tief beeindruckt. Das Ensemble nahm sich nach der Vorstellung Zeit, um mit den Jugendlichen darüber ins Gespräch zu kommen.

Rotenburg – Die Schüler treten nach fast drei Stunden ihren Heimweg an, während das Rollentausch-Ensemble aus den Kostümen schlüpft und sich darum kümmert, die Aula in der IGS an der Gerberstraße aufzuräumen. Danach sieht es dort so aus, als sei hier nichts geschehen. Doch es ist eine ganze Menge passiert. Jürgen Cassier, einer der Schauspieler, gibt den Jugendlichen zudem noch etwas mit auf den Weg: „Bleibt nicht vor Eurem Handy kleben, sondern positioniert Euch, passt auf, gehört nicht zur schweigenden Masse, sondern habt Mut – jeder Einzelne von Euch.“

Masha, Paula, Felix, Niklas und Tom wollen nach dem Stück „in der Löwengrube“ noch darüber reden und nehmen an der Bühne Platz.
Masha, Paula, Felix, Niklas und Tom wollen nach dem Stück „in der Löwengrube“ noch darüber reden. © Guido Menker

Fast eine Viertelstunde lang bleiben die Zehntklässler nach der beeindruckenden Vorstellung des Stückes „In der Löwengrube“ und einem überaus großartigen Schlussapplaus zunächst noch sitzen. Die Schauspieler und die Regisseurin Gaby Reitz nehmen sich Zeit und an der Bühnenkante Platz. Sie suchen das Gespräch mit den Jugendlichen. „Gab es Streit um die Verteilung der Rollen?“, will eine Schülerin wissen. Niklas stellt derweil fest, dass Propaganda und Vorurteile auch heute sehr präsent seien. Ein Mädchen fragt, ob es im Ensemble umstritten war, dass Hakenkreuze und der Hitler-Gruß auf der Bühne zu sehen sind. „Ja, es war ein großes Thema“, bestätigt Gaby Reitz. Und jeder der Schauspieler bestätigt, wie schwer es ihm gefallen ist, den rechten Arm zu heben. „Die Frage danach hat micht nicht überrascht“, erklärt Reitz. In den Proben habe man darauf übrigens verzichtet.

Ein Theater im Jahr 1932: Ein jüdischer Darsteller – er spielt den Juden Shylock – wird von Nazi-Anhängern verachtet und verjagt. Ein Jahr später kehrt er verkleidet als schauspielender Tiroler Bergbauer mit Namen Höllriegl ans Theater zurück – und demaskiert das Nazi-System. Nach den von Rassismus geprägten Attentaten von Halle und Hanau hat sich die Theatergruppe der Kulturinitiative Rotenburg (Kir) ganz bewusst dieses Stück aus der Feder von Felix Mitterer ausgesucht. „Wir wollten reagieren“, betont die Regisseurin. Aufgrund der Pandemie kommt es erst in diesem Jahr zur Aufführung – zu einer Zeit, in der plötzlich Krieg herrscht in Europa, es also zusätzlich an Bedeutung gewinnt. Das Drama arbeitet einerseits mit den Mitteln der Satire, andererseits geht es aber auch um eine ernste, tragische und zugleich wahre Geschichte, die aktuell zum Nachdenken anregen soll in einer Zeit, in der Antisemitismus und rechte Parolen wieder Realität seien, beschreibt es die Kir. Ganz bewusst also plant das Team eine Aufführung auch für Schüler.

Olga nutzt die „Waffen der Frau“ gegen den Nazi. Und der springt darauf an.
Olga nutzt die „Waffen der Frau“ gegen den Nazi. © Menker, Guido

Die Schule hat die Jugendlichen darauf vorbereitet, sagt Lehrerin Nele Austein-Brand. Worum geht es, warum ist das Stück heute so wichtig für uns? Das waren die Kernthemen. Die zehnten Klassen sind aber eh schon nah dran am Thema – sie waren in der Gedenkstätte Sandbostel, und sie haben im Anne-Frank-Projekt mitgearbeitet. „Deshalb ist es gut, dieses Stück zu besuchen“, so Austein-Brand. Was die Mädchen und Jungen gleich am Anfang beeindruckt: „Es war Theater im Theater.“ Und die Anfangsszene mit dem pöbelnden Mob wirkt zunächst überraschend, aber auch interessant, weil der Blick sich von der Bühne löst. Eine Schülerin: „Das war zunächst verwirrend, aber es ging direkt rein. Ganz gut.“

Niklas, Masha, Paula, Tom und Felix bleiben noch länger da. Sie wollen mit dem Reporter der Kreiszeitung ein wenig über diesen Abend reden. Schließlich haben sie gerade ein Theaterstück gesehen, das unter die Haut geht.

Ein Nazis stellt seinen Fuß auf den Rücken eines jüdischen Schauspielers, der die Bühne mit einer Bürste reinigen soll.
Einer der Nazis demütigt den jüdischen Schauspieler. © Menker, Guido

„In der Löwengrube“ geht es schließlich um ein Thema, das die böse Fratze der Nazis zeigt, es geht um Demütigung, Ausgrenzung, Rassismus – und um das, was daraus resultiert. „Ich selbst habe keine Erfahrungen damit gemacht“, sagt Masha. Ihre Lehrerin betont indes, dass diese Schülerin sehr wohl Partei ergreife, wenn ein anderer angegangen wird. „Oft ärgert sie sich sogar, vielleicht zu spät oder nicht energisch genug das Wort erhoben zu haben.“ Niklas weiß, dass es heute rechte Strömungen gibt. „Ja, klar, aber wir machen uns lustig über die AfD und wundern uns, dass so viele sie wählen.“ Aber ja: „Ich sehe auch die Gefahr.“ Tom erwähnt, dass er und einige seiner Freunde durchaus auch Angst hätten vor der AfD. Er selbst versuche schon, Stellung zu beziehen, doch er erwähnt auch den „Gruppenzwang.“ Sich daraus zu lösen, sei nicht leicht. „Der Gruppenzwang ist echt die krasseste Schwäche“, findet Paula. Gaby Reitz freut sich über den Austausch und die Reaktionen. Die kommt nicht von ungefähr. In der Pause zeigt sich ein Schüler „geschockt“ von dem, „was damals passiert ist mit den Juden“. Schwere Kost für junge Menschen, aber auch für ältere. Eine Besucherin der Premiere meldete sich vor wenigen Tagen erst schriftlich beim Ensemble: „Das Stück hat mich mit Wucht ergriffen.“

Der Theater-Chef (Mitte, Jürgen Cassier) ist entsetzt.
Der Theater-Chef (Mitte, gespielt von Jürgen Cassier) ist entsetzt. © Menker, Guido

Für Samstag ist noch eine Vorstellung vorgesehen in der IGS-Aula. Um 19.30 Uhr geht's los.

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