Auf der Walz: Wandergesellen planen österliche Metallerkonvention in Westerholz

Schlaghose und Kauderwelsch

Das Symbol des freien Mannes, der schwarze Hut, ist bei Siggi (l.) eher eine „Zylone“. Die Wandergesellen (v.l.): Siggi, Franz und Patrick.

Scheessel - Von Ulla HeyneWESTERHOLZ · Schwarze Schlaghosen, schwarzer Hut als Symbol für die „freien Herren“, die „Ehrenhaftigkeit“ als Zunftschlips um den Hals. Von Kleinkindern oft für Zauberer gehalten, von älteren für Schornsteinfeger: Diese Kluft ist für Siggi und Franz, die seit rund einem Monat in Westerholz leben, ein Erkennungszeichen.

Der Schlosser und der Schmied, die ihre Nachnamen nicht preis geben, sind Wandergesellen der Gesellschaft „Rechtschaffener fremder und einheimischer Maurer und Steinhauer“. Zu Ostern planen sie ein Treffen der Wandergesellen des Metall verarbeitenden Gewerbes in Westerholz.

Der Schweizer Siggi ist seit sechs Monaten auf der Walz, Franz aus der Gegend von Bautzen schon seit eineinhalb Jahren. Nach ihrer Gesellenprüfung haben sie sich zur Wanderschaft verpflichtet, mindestens drei Jahre und einen Tag. Besiegelt wurde dies mit einem Nagel, der durchs Ohrläppchen auf einen Kneipentresen gehauen und nach Zahlung einer „Auslöse“ wieder herausgezogen wurde und einem Ohrring wich, einem weiteren Erkennungszeichen. Bei dieser von den „Schächten“ (Vereinigungen) organisierten Walz geht es jedoch um etwas ganz anderes, als die mitunter martialisch anmutenden Bräuche vermuten lassen: „Menschen und alte Handwerksbräuche kennen lernen, Lebenserfahrung sammeln, Zusammenhalt, sich um den anderen kümmern“, so fasst der 25-jährige Siggi es zusammen.

Dabei greifen die Gesellen auf ein breites Netzwerk von wandernden Mitgesellen (rund 500 bis 600 aller Zünfte sind schätzungsweise unterwegs) und „Einheimischen“, also ehemaligen „Tippelbrüdern“ zurück. Wie sie sich organisieren, gegenseitig Tipps für mögliche Arbeitgeber oder Treffen weitergeben, fasziniert umso mehr, als die Handwerker ohne Handy, eigenes Auto oder andere persönliche Habe unterwegs sind. Dieses Gelübde ist Aufnahmevoraussetzung, genau wie Schuldenfreiheit, keine Ehefrau, Kinder oder Vorstrafen.

Geschnackt wird untereinander Kauderwelsch. Einige Begriffe haben längst Eingang ins Hochdeutsche gefunden: „Wenn einer einen groben Fehler gemacht hat, wird er auf Lebenszeit aus dem Schacht ausgeschlossen“, erklärt Franz. „Früher gab es den Brauch, ihm den Ohrring gewaltsam zu entfernen, daher der Begriff ‚Schlitzohr‘.“

Allerdings achten sie schon darauf, dass alle sich korrekt benehmen: „Für uns ist es wichtig, einen ‚guten Schnack‘ zu hinterlassen – schließlich sollen die, die nach uns kommen, genauso mit offenen Armen empfangen werden wie wir“, erklärt Siggi. In Westerholz sei die Aufnahme durch die Bevölkerung „nach erstem Beschnuppern“ sehr herzlich gewesen, „hier funktionieren der dörfliche Zusammenhalt – und auch die Buschtrommeln“, schmunzelt er. So haben viele der Dorfbewohner bereits ihre Unterstützung für das geplante Metallertreffen zugesagt – Zelt und Zapfanlage vom Gastwirt, Bratwürste vom Scheeßeler Schlachter, 50 Kilo Kartoffeln zum Sonderpreis, vielleicht einen Kuchen von den Landfrauen.

Gebraucht würden noch Schmiedekohlen und Bier – „Wenn es von Herzen gegeben wird, nehmen wir‘s gern“.

Die beiden Reisenden haben ihre Wanderschaft unterbrochen, um das Treffen zu organisieren. Nach einer Woche gemeinsamen Arbeitens, auch unter der Anleitung eines Referenten, werden zu Ostern so um die 30 reisende Gesellen zusammen kommen – genau könne man das nie wissen. Momentan sind Siggi und Franz fleißig dabei, Mundpropaganda zu betreiben, an einschlägigen Treffpunkten in Bremen oder Hamburg wie Gesellenkneipen oder Zunfthäusern. Dorthin gelangen sie, wie überall, per Anhalter. „Bahnfahren ist verpönt, dafür geben wir möglichst kein Geld aus“, meint Franz, der selbst mit Fünf Euro in der Tasche auf die Walz gestartet ist. Reich werden könne man auf der Wanderschaft ohnehin nicht, „allerdings schon an Erfahrung, und darum geht es ja.“

Nach dem Osterfeuer in Westerholz, zu dem die Dorfjugend eingeladen hat, geht es für beide weiter. Maximal sechs Monate dürfen sie an einem Ort bleiben, aber oft halten sie es gar nicht so lange aus. Siggi dazu pragmatisch: „Wenn der Postbote dich beim Namen kennt und die Hunde nicht mehr bellen, musst du weiter. Sonst wirst noch sesshaft!“ Franz, der schon in Dänemark und Polen unterwegs war, will endlich in die Schweiz: „Weihnachten war ich schon an der Grenze, aber dann habe ich Mitgesellen getroffen, die mich woanders hin „shanghait“, also überredet haben, und so war ich Silvester plötzlich in Hamburg …“ Siggi dagegen lässt es darauf ankommen, ganz nach dem gern zitierten Tippel-Motto: „Gewiss ist nur die Ungewissheit“.

Schon jetzt merken die beiden, wie die Wanderschaft sie verändert hat: „Man wird ruhiger, gelassener, lernt, Alltägliches zu schätzen wie Bett, Dusche, ein warmes Essen oder eine Waschmaschine.“, meint Franz.

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