Zwischen Wem-Fall und Weltwissen

Flüchtlingshilfe Scheeßel finanziert Honorarkraft an der Grund- und der Beekeschule

Viele Geflüchtete im Schulalter nehmen die Gelegenheit gern in Anspruch, auch ihr Schriftdeutsch kontrollieren zu lassen.
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Viele Geflüchtete im Schulalter nehmen die Gelegenheit gern in Anspruch, auch ihr Schriftdeutsch kontrollieren zu lassen.

Scheeßel – Sie heißen Ali oder Mohammed, sind seit vier Wochen hier oder seit fast drei Jahren und kommen aus Afghanistan, Syrien oder dem Iran. Sie wohnen mit der Familie zusammen oder in der Unterkunft für unbegleitete Minderjährige und haben viele Fragen: „Kann ich später Polizist werden?“, oder „Was ist eine Terrasse?“

Eigentlich ist Vera Martens, Honorarkraft der Flüchtlingshilfe Scheeßel, vornehmlich für sprachliche Probleme vom Artikel bis zum Akkusativ zuständig – doch zur Sprachvermittlung gehört eben auch das Wissen um die Regeln und Gegebenheiten einer Kultur. Zweimal pro Woche betreut sie insgesamt rund ein Dutzend Beekeschüler mit Migrationshintergrund, ebenso oft ist sie in der Grundschule Scheeßel. Dort sei der Bedarf geringer, oft gibt sie Einzelunterricht: „Viele der jüngeren Kinder sind schon hier in den Kindergarten gegangen und entsprechend weiter mit ihren Sprachkenntnissen.“

Das ist in der Beekeschule anders. Bei der Gruppe fünf 16-Jähriger, die sich montags zwei Schulstunden lang trifft, um anhand von Arbeitsblättern, Vorlesen und viel freiem Gespräch die Deutschkenntnisse zu vertiefen, geht es vergnügt zu; es wird viel gelacht. Scheu, bei fehlenden Vokabeln oder Grammatikproblemen nachzufragen, hat hier niemand. Sie alle sind freiwillig hier und wissen, warum sie lernen und genießen es, Zeit für Fragen zu haben. Einer findet die Artikel am schwersten, ein anderer hat mit dem Leseverständnis noch Probleme: „Bei der Mathearbeit konnte ich alles, bis auf die Textaufgaben!“ Zwei Neuzugänge finden nicht, dass Deutsch schwer ist – sie haben in der Heimat mehrere Jahre Englisch gelernt; fremde Vokabeln bekommen sie von Martens einfach übersetzt. Nicht alle haben es so vergleichsweise leicht; Amro hat ein Jahr lang während der Pandemie fast kein Deutsch gesprochen. Der Online-Unterricht: fast ausschließlich Input, zum Sprechen sei keine Zeit gewesen, „deutsche Freunde habe ich keine“. Es sind Jugendliche wie er, die in der Pandemie als erstes „hintenüber fallen“, wie Schulleiter Sven Borstelmann es nennt. Auch deshalb hat die Beekeschule seit geraumer Zeit eine Funktionsstelle für Schüler mit Migrationshintergrund eingerichtet. „Dabei denkt man immer an Flüchtlinge aus Afghanistan oder Afrika – aber polnische, lettische oder andere osteuropäische Kinder, deren Eltern zum Arbeiten hierhergekommen sind, tun sich ja genauso schwer!“, weiß der Schulleiter. Seit Ende des ersten Lockdowns kümmert sich Julia Hanebuth um sie, zuerst als Koordinatorin für sogenannte „DAZ“-Schüler (Deutsch als Zweitsprache), „dann bin ich da so reingewachsen.“ Gleichwohl sind ihr bei der gezielten Förderung oft durch Richtlinien die Hände gebunden. Denn wer länger als zwei Jahre hier ist, muss mit den anderen beschult und benotet werden; die Kinder aus dem Unterricht herauszuziehen, um sie durch Ehrenamtliche oder die Bundesfreiwilligendienstlerin individuell sprachlich zu fördern, das muss nebenher laufen.

Schulleiter Sven Borstelmann (v.l.), „DAZ“-Koordinatorin Julia Hanebuth und Vera Martens freuen sich über die Synergien der Schule und des Vereins.

Nicht alle verstehen das Angebot der Flüchtlingshilfe auf zusätzliche Förderung als Chance; „die Geflüchteten sind da meist vorbildlich – sie wissen, warum sie hier sind“, so Borstelmann. Das sei bei Kindern aus Osteuropa nicht immer so. Von den elf Schülern der zweiten Gruppe, im „schwierigen pubertären Alter, wo freiwillige Extrastunden nicht unbedingt angesagt sind“, ist die Gruppe von elf auf vier bis fünf Teilnehmer geschrumpft. Ein externer Träger für diese Art der Förderung mag zunächst ungewöhnlich klingen; die Frage, ob die Schule das nicht leisten muss, liegt nahe. „Das wäre der Idealzustand“, meint Borstelmann. Allerdings sei wegen des Lehrermangels jede zusätzliche Hilfe, eben wie durch ehrenamtliche Leseomas, Bufdis oder eben die Flüchtlingshilfe mehr als willkommen. Mit letzterer verbindet die Beekeschule eine jahrelange Kooperation, angefangen bei dem Bereitstellen von Räumlichkeiten für die erste Flüchtlingswelle, ursprünglich für die Hausaufgabenhilfe oder Sprachkurse für Frauen.

Die Arbeit der Flüchtlingshilfe habe sich verändert, erzählt Paul Göttert. Hier hat sich der Fokus der Hilfeleistungen für Zuwanderer verschoben, wie der erste Vorsitzende des Flüchtlingshilfevereins erklärt. Zunächst sei es vor allem um Starthilfe für diejenigen gegangen, die sich hier mit Sprache, Kultur und Administrativem nicht auskennen. Inzwischen sind viele der Neubürger im wahrsten Sinne angekommen, sprächen Deutsch, hätten eine Ausbildung oder Arbeitsstelle, einige auch soziale Kontakte über Vereine. Auch, wenn einzelne Familien nach wie vor betreut werden, heiße es nun, loszulassen.

Nun hat sich der Verein neu ausgerichtet und hilft – auch, weil von den ursprünglich aktiven Helfern nur noch wenige da sind -, vor allem finanziell. Er sponsort Laptops für Auszubildende (von denen die Hälfte der Kosten „abgestottert“ wurden), in anderen Fällen leistete der Verein Überbrückungshilfe für Tickets bei Familienzusammenführungen. Und seit einem halben Jahr eben auch die Honorarkraft an der Beeke- und Grundschule. Gleichwohl bedauert Göttert, dass integrative Veranstaltungen wie das Café Refugium der Pandemie zum Opfer gefallen sind: „Viele Geflüchtete leben in ihrer Blase – mehr Austausch mit Einheimischen wäre wünschenswert.“ Trotz scheinbarer Integration gebe es immer wieder Situationen, in denen Hilfe gebraucht würde, „etwa, wenn jemand einen Job bekommt und nicht weiß, dass das Jobcenter dann die Miete nicht mehr zahlt.“ Es habe schon Fälle gegeben, in denen so ein Riesenschuldenberg aufgelaufen sei.

Die Jugendlichen an diesem Nachmittag beschäftigen ganz andere Dinge: „Ist Altern eine Behinderung?“ Und „Wer zahlt die Beerdigungskosten von Mordopfern?“ Manchmal wäre Martens gern Juristin. Oder Philosophin – oder beides.

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