Droht ein Übermaß an Kommerzialisierung?

Hurricane zwischen Musik und Mainstream

Die Riesenrutsche und eine vielzahl an Verkaufs- sowie Werbeständen auf dem Scheeßeler Eichenring. - Foto: Menker

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Was haben Clueso, Tim Mälzer und 78 000 Musikfans gemeinsam? Sie alle gehen zum selben Festival. Was vor 20 Jahren ganz und gar nicht als Mainstream begann, ist mittlerweile fester Bestandteil von selbigem. Kitsch und Kommerz – auf dem Eichenring geht beides Hand in Hand. Und doch gibt es sie noch: die Seele des Festivals. Man muss sie aber suchen.

Es ist feucht in Scheeßel, verdammt feucht. Dichte Wolken verhängen die Sonne. Irgendwie typisch. In einer guten halben Stunde werden „Royal Blood“ versuchen, die Hauptbühne mit ihrem brachialen Rock zu zersägen – und doch drängen sich schon Tausende Besucher vor den Wellenbrechern, um später nicht irgendwo in den Massen untergehen zu müssen.

Die Leute beweisen dabei eine erstaunliche Leidensfähigkeit: Viel schlimmer als die gelegentliche Dusche von oben und den aufgeweichten Schlammböden ist das Reklameinferno, das in Dauerschleife und entsetzlich laut auf die Wartenden niederprasselt. Von Kreditkartenwerbung über Hurricane-Merchandising-Pakete bis hin zum neuen Künstler-Album flimmert so ziemlich alles über die Großbildmonitore, was man sich nur vorstellen kann. Willkommen auf dem Hurricane, dem größten Musik-Festival Norddeutschlands.

Hurricane: Besucher-Fazits in drei Worten

Moment mal: Rock-Musik, war das nicht mal früher ein Ausbruch aus der Norm? Ein gelebtes Anderssein? Zumindest an der Hauptbühne – der Green Stage – scheint dieses Prinzip nicht mehr zu gelten. Doch es gibt ja noch so viel mehr zu entdecken auf dem riesigen Festivalgelände in der niedersächsischen Pampa: Alleine die Camping- und Parkflächen mit Platz für 78.000 Menschen messen mittlerweile stolze 1.857.000 Quadratmeter.

„Kiek mol“ ins Dixi-Klo

Wer vom Hurricane, dem stets am letzten Juni-Wochenende stattfindenden Spektakel spricht, spricht von Scheeßel. Dabei ist es vor allem das kleine Nachbardorf Westervesede, das an die Campingplätze grenzt. Auch in dem 780-Seelen-Dörfchen herrscht in diesen Tagen Ausnahmezustand, aber eher einer von der gemütlichen Sorte: Die Bewohner scheinen sich mit dem Besucherstrom arrangiert zu haben: In den Vorgärten beobachten Anwohner bei Grillwürstchen und Bier das Treiben.

Auswärtige und Einheimische kommen ins Gespräch. Dabei ist es gerade dieses Zusammentreffen, das viel glaubwürdiger ist, als alles andere, was auf dem Gelände zu sehen ist. Großen Anteil daran haben die unglaublich tiefenentspannten Westerveseder. Lautstärke und Menschenmassen gehen den meisten nicht mehr auf die Nerven – und wem doch, der ist über das Wochenende verreist. „Wir freuen uns jedes Jahr wieder wie die Kinder aufs Festival, erzählt ein älteres Ehepaar, dessen Heim zum Schutz vor Wildpinklern mit Bauzaun gesichert ist – eine Maßnahme des Veranstalters. Ein zeitweises Leben hinter Gittern: für sie sei das jedenfalls kein Problem.

Reizüberflutung im Innenbereich

In den paar Festivaltagen verdienen auch die Scheeßeler Einwohner mitunter mit – man denke allein an die Kinder und deren Dinocar-Transportunternehmen. Biete Gepäckbeförderung gegen kleines Geld – ein Selbstläufer. Dieser Geschäftssinn wirkt in seiner Unbedarftheit wahnsinnig charmant.

Was für ein Kontrast dazu das Festival: Schon auf dem Weg vom Zeltplatz zum eigentlichen Gelände gibt es noch einmal eine Extrakontrollstation, auf der die Gäste sogar volle Trinkflaschen abgeben müssen. Offiziell soll das der Sicherheit dienen, dem Getränkeumsatz bei den Ständen wird es gewiss aber nicht undienlich sein.

Im Innenbereich werden dann so richtig dicke Geschütze aufgefahren: Von der Biermarke über den Autoreifenproduzenten und dem Kreditkartenanbieter bis hin zum Whiskey-Brenner, Stromanbieter und Mode-Discounter – allerorts wird man regelrecht reizüberflutet von kunterbunten Markennamen. Wer dann noch in den Penny-Markt geht, muss sich schon fragen, wie das mit dem Independent-Ding jetzt eigentlich gemeint war. Ferner fühlt man sich mit Riesenrad, Bungee-Jumping und XXL-Rutsche eher an einen Vergnügungspark erinnert, als an ein Festival im klassischen Sinne.

Dass irgendwo ganz tief drin im Hurricane doch noch eine richtige Seele schlummert, zeigen am Ende einmal mehr die Fans: Die flippen wie immer regelrecht aus – vor den Bühnen, auf den Camping- und Zeltplätzen. Eigentlich überall. Bei all dem ganzen Kalkül beweisen sie einmal mehr Kreativität. Und das ist gut so.

Hurricane-Bands am Samstag

Auf dem Campingplatz beim Hurricane

Beste Stimmung auf dem Campingplatz beim Hurricane

Hurricane Festival: Walking Acts heizen ein

Hurricane-Festival: Konzerte am Freitag

Camping-Bilder vom Freitag

Hurricane-Konzerte und Infield-Stimmung am Freitag

Der Auftakt beim Hurricane - die Tore sind offen

Das Hurricane von oben

Donnerstag „Montreal“ auf der White Stage und Motor-Booty-Party

Hurricane Campingplatz am Donnerstag

Der Campingplatz ist eröffnet

Das könnte Sie auch interessieren

Blutspuren von toter Journalistin in U-Boot entdeckt

Blutspuren von toter Journalistin in U-Boot entdeckt

Eiskalt oder scharf: Rezepte mit Pflaumen und Zwetschgen

Eiskalt oder scharf: Rezepte mit Pflaumen und Zwetschgen

Kaktusfeigen richtig öffnen

Kaktusfeigen richtig öffnen

VW Tiguan Allspace im Test: Wegen des Erfolgs verlängert

VW Tiguan Allspace im Test: Wegen des Erfolgs verlängert

Meistgelesene Artikel

Tausende Besucher bei neunter Auflage von „La Strada unterwegs“ in Rotenburg

Tausende Besucher bei neunter Auflage von „La Strada unterwegs“ in Rotenburg

„La Strada“-Eröffnung: Regionale und internationale Künstler begeistern

„La Strada“-Eröffnung: Regionale und internationale Künstler begeistern

Richter kassieren Girl-Urteil

Richter kassieren Girl-Urteil

Nach dem Starkregen: Auto durch Gullydeckel beschädigt

Nach dem Starkregen: Auto durch Gullydeckel beschädigt

Kommentare