Fiktive Unternehmen in Scheeßel

Zwischen Lack und Logistik

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Das Präsentieren vor Fachpublikum macht das „MIG“ zu einer wertvollen Erfahrung für die Eichenschüler

Scheeßel - Schüler, die freiwillig Jeans und Chucks gegen Business-Suit und Hochhackige eintauschen, die von morgens um acht bis abends um sechs Vorträge hören, an Strategien für ihre fiktiven Unternehmensgruppen mit weltweit 10.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,5 Milliarden feilen, um danach in Kleingruppen innovative Produkte zu ersinnen und zu präsentieren – das Management-Information-Game, kurz „MIG“ fördert auch im achten Jahr Außergewöhnliches aus den insgesamt 21 teilnehmenden Scheeßeler Eichenschülern zutage.

Eine Woche lang beschäftigten die Elftklässler sich mit Bilanzen und Strategien und „reiften so zu kleinen Unternehmern heran“, wie Teilnehmer Henry Meyer konstatierte. Eins ihrer fiktiven Produkte stellten sie am Mittwochabend Eltern und Wirtschaftstreibenden in der Sparkasse, einem der Hauptförderer der wirtschaftlichen Crashkurses in Sachen Berufsorientierung, vor.

Beim Präsentationsabend wurden die Zuhörer zu potenziellen Einkäufern für das zu vermarktende Produkt, in diesem Jahr ein Maniküre-Automat. Erstaunlich, wie schnell sich die zu „Vorstandsmitgliedern“ gemauserten Schüler in nur drei Tagen in die Materie eingearbeitet hatten, über Lackarten und Logistik referierten, Alleinstellungsmerkmale wie Polkadots auf den Tisch legten und munter mit Fachbegriffen vom Zelluloseaceton bis zum Ombré-Effekt jonglierten. Dabei legte jede der Gruppen andere Stärken an den Tag: Die einen glänzen mit einem bestechenden Design, die nächsten setzen auf Nachhaltigkeit („Ein nachhaltiger Nagellackentferner auf Wasserbasis? Der würde mich interessieren!“, schmunzelte Malermeister Uwe Meinke), auf die Service-Hotline in Mandarin oder überzeugen mit einer souveränen Präsentation. Einige hatten sogar eine Website entwickelt, ein Firmenlogo oder sogar einen Werbefilm gedreht.

Funktionieren kann die ebenso praxisorientierte wie vergnügliche Präsentations- und Nachfragerunde jedoch nur, weil auch die „potenziellen Kunden“ voll einsteigen: Da wird nachgehakt, wie es mit der Kundenbindung stehe, mit Liquidität, der Zubuchung von Garantie oder der Übertragung von Nagelpilz. Torsten Meyer vom Autohaus Holst erkundigt sich nach den Sicherheiten eines jungen Unternehmens, „Billy Boy“-Marketingspezialist Klaus Richter will wissen, wie es mit den Risiken beim Nägelstutzen steht.

„Die waren ganz schön cool“

Die meisten Fragen, etwa nach den Produktionsbedingungen in Fernost, werden von den jungen Referenten cool gekontert. Spielleiter Andreas Mätzhold vom Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft zeigt sich beeindruckt: „Die waren ganz schön cool – lebhaft, engagiert und sehr kreativ!“ Beeindruckt hat ihn neben dem „überzeugendem Auftreten“ auch die Nutzung neuer Medien: „Sie haben ihre Smartphones professionell eingesetzt.“ Das sei nicht immer der Fall. Zufrieden ist zum Schluss auch Lehrer Heinrich Schaper, der gemeinsam mit Sparkassen-Vertreter Rainer Bassen für die Organisation der Intensiv-Erfahrung verantwortlich zeichnete: „Das MIG gehört sicherlich zu den Höhepunkten bei der Berufsorientierung.“ Er kann sich noch gut an die eigene Teilnahme vor 30 Jahren erinnern; „damals ging es um einen Walkman!“

Am Ende gibt es eine Gewinnergruppe – in punkto Erfahrung jedoch lauter Sieger. Vorbei ist der Ausflug in die Wirtschaft damit für die Schüler nicht: In den kommenden Tagen erhalten sie geballtes Wissen von Profis aus der regionalen Wirtschaft. Einer von ihnen, „Noch-Scheeßeler“ Unternehmer Joachim Behrens, nimmt bei seiner konstruktiven Kritik kein Blatt vor den Mund: „Im richtigen Leben wären Sie allesamt durchgefallen – fragen Sie nicht, was Ihr Produkt für den Kunden bringt, sondern für den, dem Sie es verkaufen wollen, also den Zwischenhändler!“

Die Praxis ist eben hart – aber das ist den Schüler nach einer Woche mit dem Schlafpensum von Managern wohl ohnehin schon allen gedämmert.

hey

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