Alles digitalisiert

Zwischen Bremen und Bartelsdorf: Hans Brauns aus Scheeßel hält echte Filmschätze vorrätig

Hans Brauns präsentiert die mehr als 80 Jahre alten Normal-8-Filme, die der Scheeßeler allesamt in Eigenregie digitalisiert hat.
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Hans Brauns präsentiert die mehr als 80 Jahre alten Normal-8-Filme, die der Scheeßeler allesamt in Eigenregie digitalisiert hat.

Scheeßel – Hans Brauns klappt seinen Laptop auf. Ein paar Klicks – und schon ist man mittendrin in einem Teil seiner auf Zelluloid gebannten Familiengeschichte. „Was ich wirklich interessant finde, sind die Filme über die Firma“, sagt der 67-jährige Scheeßeler. Jenes Bremer Landmaschinenunternehmen mit dem Namen Mager & Wedemeyer, das sein Großvater, ein gewisser Gerhard Karl Mager, bis zu seinem Tod 1941 in zweiter Generation führte – und das es auch heute noch gibt.

Bild für Bild hat der Scheeßeler, der in Bremerhaven geboren wurde und dort auch aufwuchs, das historische Material in nächtelanger Arbeit digitalisiert – bei sechs Stunden, die man für einen zehnminütigen Film bräuchte, eine wahre Mammutaufgabe, sagt der ehemalige Banker. Aber: „Ich sah die Notwendigkeit, weil vieles wohl nicht mehr lange leben wird.“ Er meint die Normal-8-Filme, die im Privatarchiv der Familie schlummern, und die vorrangig seine Großmutter Dorothea, eine geborene Becker, in den 1930ern gedreht habe. Gerade sieht man auf dem Bildschirm Szenen einer Fahrzeugverladung, an anderer Stelle findet eine Arbeitsbesprechung statt. Brauns gerät ins Schwärmen: „Ist doch Wahnsinn, dass die damals schon Imagefilme gemacht haben!“ Zweifelssohne, das ist es.

Den Scheeßelern dürfte aber wohl auch und vor allem ein aus dem Jahre 1939 datierter Beitrag interessieren. Der zeigt die Bremer Unternehmerfamilie beim geselligen Treiben vor einer Jagdhütte – nicht in Bremen etwa, nein, sondern in Bartelsdorf. „Wie Borgward seine Jagdpacht in Hellwege hatte, hatte mein Großvater seine dort“, klärt Brauns auf. So gut wie jedes Wochenende habe die Familie die Zeit dort zu Erholungszwecken verbracht. In Bartelsdorf sei das Oberhaupt sogar einmal Schützenkönig gewesen. Noch heute steht die Hütte an der Kreisstraße in Richtung Westervesede – allerdings nicht mehr das Original. Das ist 1945 abgerissen und verfeuert worden. Der Patenonkel Kurt Mager habe danach eine Neue gebaut. Bis Ende der 1970er-Jahre war der im Revier Jagdpächter, danach ging das Recht auf „Fidi“ Miesner über. „Aber ein paar Möbelstücke von meinem Onkel stehen in der Hütte noch drin“, weiß Brauns.

Im feinsten Zwirn: Das Ehepaar Mager besucht 1939 die Weltausstellung in New York.

Was beim Sichten des alten Filmmaterials auffällt: Die Magers waren Globetrotter durch und durch – und das natürlich vor allem aufgrund der Geschäftsbeziehungen, die das Paar international pflegte. Neben privaten Ausflügen, etwa zu den Olympischen Spielen von 1936 im damaligen Nazi-Berlin, oder nach Istanbul ist unter anderem auch eine Schiffsreise von Bremerhaven nach New York zur Weltausstellung 1939 dokumentiert. „Das waren alles Bremer Kaufleute, die da mitfuhren“, kommentiert der Scheeßeler die Bilder, die wie die das übrige Material ganz ohne Ton auskommen müssen.

Genau das möchte Hans Brauns aber noch ändern lassen. Sein Neffe, erzählt er, sei studierter Master of Music – „dem werde ich die Filme mal zeigen, damit er sie vielleicht ganz professionell mit Musik unterlegen kann“.

Da stellt sich doch die Frage, warum die alten Schätze längst noch nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind – zumal die ja einen zu Lebzeiten prominenten hanseatischen Firmenmogul zeigen. „Tatsächlich will das Staatsarchiv in Bremen das Material, das aus dem Nachlass meines Patenonkels stammt, unbedingt von uns haben“, meint der 67-Jährige. Nur würde seine Cousine, die direkte Erbin des Vaters, sich gegen eine Herausgabe bisweilen noch sträuben. „Weil die Menschen auf den Aufnahmen den Hitlergruß machen, was ja damals üblich war – nur möchte sie nicht mit so etwas in eine Ecke gestellt werden.“ Dabei seien die Großeltern gar keine Nazis gewesen, „natürlich hat man sich aber arrangieren müssen“.

Der Großvater Gerhard Karl Mager.

Bis kurz vor dem Kriegsende, nachdem der Gatte Jahre zuvor an Lungenkrebs gestorben war, hatte Dorothea Mager, die fleißige Filmerin, das Unternehmen Mager & Wedemeyer noch alleine geführt. Am 26. April 1945 verstarb auch sie – an einer Splitterverletzung, verursacht durch deutsche Soldaten, die das bereits von US-Brigaden besetzte Bremen aus Richtung Ritterhude beschossen. „Meine Großmutter starb in den Armen ihrer Tochter, meiner Mutter“, blickt Brauns auf das tragische Ereignis zurück.

Dann klappt er den Laptop wieder zu. Die Exkursion in seine Familienhistorie ist für heute beendet. „Vielleicht wird der ein oder andere nach der alten Jagdhütte bei Bartelsdorf ja jetzt mal genauer Ausschau halten“, mutmaßt der dreifache Großvater. Ein Ort, dessen Verbändelung zum Bremer Kaufmannstum vielen wohl vorher noch nicht bekannt gewesen sein dürfte.

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