NATURDENKMÄLER Die Geschichten der Gerichtslinde und der Mühleneiche

Die zwei ältesten Scheeßeler

Imposant: Die Mühleneiche in Scheeßel hat einen gewaltigen Durchmesser. Sie steht direkt an der Straße. Fotos: Witte

Scheeßel - Von Farina Witte. Sie sind wohl die beiden ältesten Scheeßeler -– der eine ist mehr als 500 Jahre alt, der andere bringt es sogar auf 600 bis 650 Jahre. Ein stolzes Alter, sogar für Bäume. Und beiden, der Mühleneiche und der Gerichtslinde, wird eine historisch wichtige Bedeutung für den Kernort zugeschrieben.

Ein wenig hinter den Gebäuden und der Kirche versteckt steht die Gerichtslinde. Tritt man aber auf den Kirchenvorplatz, steht der altehrwürdige Baum im Mittelpunkt. Geschichtlich kann man ihren Namen im wahrsten Sinne des Wortes sehen. Ihr Standort wird als Keimzelle der Siedlungsentwicklung Scheeßels gesehen, weiß das Naturschutzamt des Landkreises Rotenburg. Natürlich hat die jetzige, schon ziemlich alte Linde das nicht selbst erlebt, sondern vielmehr ihre Vorgänger. Pastor Günter Brunkhorst erklärt, weshalb die Linde im engen Zusammenhang mit der Kirche und damit mit der Siedlungsentwicklung steht. „In etwa dort, wo die Kirche heute steht, soll ein Thingplatz gewesen sein“, sagt der Pastor und weist darauf hin, dass das nicht nachgewiesen ist. An diesen Plätzen haben schon die Germanen und Sachsen das Gericht abgehalten haben. „Und an diesen Thingplätzen errichtete Karl der Große vorwiegend Kirchen.“ So begann wohl auch in Scheeßel die Siedlungsentwicklung: Im Ort soll es zunächst eine Taufkirche gewesen sein, die allerdings noch einige Meter vom jetzigen Kirchenstandort gestanden haben soll. „Um 1150 wurde dann die erste gotische Kirche errichtet“, erklärt Brunkhorst.

Während nicht nachgewiesen wurde, ob es tatsächlich einen Thingplatz gab, weiß man, dass es im Mittelalter an der Stelle ein Gogericht gehalten wurde. Beides habe häufig unter Bäumen stattgefunden. „Dazu gehörte immer auch ein Schandpfahl“, sagt Brunkhorst und zeigt auf den Pfahl, der direkt neben der alten Linde steht. Ursprünglich habe dieser sich etwas weiter vorne auf dem Kirchplatz befunden. Möglich ist, dass Vorgänger der Linde Zeugen der Rechtssprüche unter ihren Ästen waren. Da das Alter des heute dort stehenden Baums auf um die 600 Jahre geschätzt wird, hat auch er vermutlich noch einige Jahre das Gogericht erlebt.

Auch wenn der Baum mittlerweile relativ knorrig wirkt, ist er für sein Alter noch gut in Schuss. „Im vergangenen Jahr wurde ein Kronenschnitt vorgenommen“, berichtet der Pastor. In den zwanzig Jahren, die er in Scheeßel tätig ist, habe er es zwei Mal erlebt, dass ein Fachmann sich um den Baum kümmern musste. Im Zuge der Kirchplatzsanierung 2004 habe man den Wurzeln der Linde mehr Platz gegeben, indem man das großzügige Beet drumherum angelegt und dort die Erde aufgelockert hat. Die schwereren Äste sind teilweise mit dem großen Hauptstamm verbunden, um dem Baum mehr Stabilität zu geben. Die Maßnahmen haben der Linde wieder zu mehr Vitalität verholfen, meint Brunkhorst. Am Stamm sieht man aber, dass der Baum so langsam in die Jahre kommt. Er ist zweigeteilt und wird in der entstandenen Lücke durch ein Gerüst gestützt. Das ist schon seit den 1980er Jahren so, weiß der Pastor. Geschützt ist der Baum seit 1935. „Wenn sie nicht da wäre, würde etwas fehlen in Scheeßel“, findet Brunkhorst. Schließlich bilde sie den Mittelpunkt des Kirchplatzes und sorge für ein schönes Ambiente bei Hochzeiten und beim Kirchenkaffee im Sommer.

Imposant und fast so alt wie die Linde auf dem Kirchplatz ist die Mühleneiche. Sie steht unübersehbar direkt an der Straße gegenüber der Scheeßeler Mühle. Laut dem Naturschutzamt des Landkreises datiert die Pflanzung der Eiche in das Jahr 1507 zurück. Demnach ist sie das letzte Überbleibsel einer Eichenreihe, die zur Befestigung eines Damms gepflanzt wurde. Damit ist die Stiel-Eiche auch mit der Geschichte der Mühle verwurzelt. Wie man auf der Internetseite des Touristikverbands Landkreis Rotenburg zur Geschichte der Mühle lesen kann, ist in dem Jahr der Damm und in der Folge auch die Mühle selbst zerstört und anschließend wieder aufgebaut worden. Überstanden hat die Eiche auch eine weitere Zerstörung der Mühle im Dreißigjährigen Krieg. Mittlerweile ist die Eiche also mehr als 500 Jahre alt. Nicht nur wegen des hohen Alters, sondern auch „aufgrund ihrer Bedeutung für das Ortsbild, die Heimatkunde, den Naturhaushalt und ihrer Schönheit“ ist die Mühleneiche schützenswert, so das Naturschutzamt des Landkreises.

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