Digital und erdverwachsen

Wohlsdorfer Landwirt im Jubiläumsbuch

Heile Welt mit Hofcafé und Streichelzoo – ein Bild des Landwirtschaftsministeriums, das für Landwirt Sven Trochelmann nur ein Teil der Wahrheit ist.
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Heile Welt mit Hofcafé und Streichelzoo – ein Bild des Landwirtschaftsministeriums, das für Landwirt Sven Trochelmann nur ein Teil der Wahrheit ist.

Wohlsdorf – Er gehört zu 75 wegweisenden Landwirten, die im vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium anlässlich des  75. Geburtstags Niedersachsens herausgegebenen Buch „75 sturmfest & erdverwachsen“ porträtiert wurden – und weiß nicht mal so recht, warum. Sven Trochelmann vom „Röpers Hof“ ist selbst zu einer Marke geworden – und wundert sich mitunter darüber, dass Hofbesucher von Bayern bis Dänemark ein gemeinsames Selfie wollen und Käufer bei Bestellungen in seinem Online-Shop nach Autogrammkarten fragen.

Wie das Landwirtschaftsministerium ausgerechnet auf ihn kam, der laut einigen Kritikern gar keine „richtige“ Landwirtschaft betreibt (übrigens ein Urteil, das den 44-Jährigen ziemlich kalt lässt)? „Keine Ahnung“, meint der Youtuber und Vlogger achselzuckend, „vermutlich über die Autogrammkarten?“ Fakt ist: Er und sein Hof gehören zu 75 Landwirten aus ganz Niedersachsen, die ihren eigenen Weg gefunden haben, um in immer schwierigeren Zeiten zu bestehen – darunter Rollrasenzüchter, Feldhamsterschützer und Winzer. „Da sind tolle Betriebe dabei, die jeder für sich eine Lücke gefunden haben“, konstatiert der vierfache Familienvater, „landwirtschaftlich sind andere da echt interessanter als wir.“

Gleichwohl: Mit seinen Produkten, die er parallel zum Hauptprodukt Kartoffeln vermarktet, hat er einen Nerv getroffen. Rund ein Drittel des Einkommens bestreiten er und Ehefrau Ina mit Gewürzen, Merchandising aus eigener Produktion (die Stickmaschine steht im neuen Büro im ehemaligen Kuhstall, Druckmaschine im Klauenstand – das Logo des Charaktertypen ist in Online-Szenekreisen Kult. Das Hofcafé mit Eis aus eigener Herstellung ist ein weiteres Standbein. Selbiges baut die Familie mit saisonal bis zu acht Angestellten kräftig aus. Immer dann, wenn ein paar Euro übrig sind. „Zusätzliche Schulden aufnehmen würden wir dafür nicht“, so Trochelmann.

Schon jetzt ist der Hof für sonntägliche Familienbesuche ein Paradies: Für die Eltern Kaffee, Kuchen oder ein Bier, während die Kinder im Sommer auf einem der Dinocars aus dem üppigen Fuhrpark über den Hof sausen, im XL-Sandhaufen buddeln oder in den angrenzenden Gehegen Esel und Ponys streicheln oder den Meerschweinchen, Frettchen oder drei Kängurus einen Besuch abstatten.

Mit Vollgas neue Wege gehen: Bei Youtube, Twitch und Co. hat Sven Trochelmann die Nase vorn.

Eine heile Welt? So zumindest wird es im Jubiläumsbuch und auf der Website dargestellt. Die Realität sieht anders aus: Die langen Arbeitstage seien nur zu wuppen, „weil wir selbstständig sind und mit Leidenschaft das tun, was uns am Herzen liegt“, so Ina Trochelmann.

Sauer stößt Trochelmann ein Anschreiben von Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast auf. „Sie leisten einen Beitrag für das Agrarland Nummer eins!“, heißt es da, und: „Wir sind stolz auf unsere Landwirte.“ „Davon haben die Landwirte in den letzten Jahren wenig gemerkt“, so sein trockener Kommentar. Letztlich müsse jeder einzelne Betrieb selbst sehen, wie er sich aufstelle, „das ist eine individuelle Sache“.

Gegenentwurf des Heile-Welt-Entwurfs

Der Hashtag #rettesichwerkann, den er mit geprägt hat und der heute Synonym für eine Gruppe 17 digital vernetzter Landwirte ist, die Themen gern weiterdenken- gern auch kontrovers – er ist fast ein Gegenentwurf des Heile-Welt-Entwurfs des Landwirtschaftsministeriums. „Wenn die gewusst hätten, dass sich das fast zur Kampagne auswächst, wäre ich wohl nicht gefragt worden“, so der Hobbymusiker und ehemalige Bluesfestival-Veranstalter schmunzelnd. Er hatte einen der Mitstreiter während einer Demonstration in Berlin kennengelernt, wo beide zusammen auf der Bühne standen. Aktuell gilt der lose Verband außerhalb der Konventionen denkender Landwirte, in der Themen wie „Bio“ oder „Energiewende“ auch gern kontrovers diskutiert werden, in der Szene als Heilsbringer; jedes der Mitglieder bekommt täglich zahlreiche Anfragen von potenziellen „Mitdenkern“.

Trochelmann schätzt den digitalen Austausch und ist Fan digitaler Medien: Um die 50 0000 Besucher sehen durchschnittlich seine Youtube-Vlogs mit rund 43 000 Abonnenten. Sein neuestes Steckenpferd: „Twitch“, ebenfalls eine Videoplattform, allerdings mit anderer Ausrichtung.

Dauert ein typisches Youtube Video maximal eine Stunde, wobei die Zuschauer ständig unterhalten werden wollen, kann ein Videostream ganz alltäglicher Aufgaben wie der Warenversand vor zwei Kameras und hunderten von Zuschauern schon mal zwei bis vier Stunden dauern: „Die meisten feiern es, wenn ihr Paket gerade online gepackt wird.“ Wenn zwischendurch mal 20 Minuten nichts passiere, weil andere Bedürfnisse rufen – kein Problem. „Gemeinhin wird gesagt, Twitch-User wären anspruchslos“, erklärt der medienaffine Wohlsdorfer, „das stimmt aber nicht – sie haben nur eine andere Erwartungshaltung.“

Gleichwohl hat die in der Landwirtschaft oft beschworene Transparenz, die auf dem Röpers Hof gelebt wird, auch ihren Preis. Nicht alle Anhänger respektieren die Privatsphäre und warten auf den Sonntag als Schautag; einzelne fahren schon mal mit dem Auto zum Streichelgehege – der unlängst gesetzte Zaun gibt der Familie und den Kindern ein Stück Privatsphäre zurück.

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