Kiga-Eltern protestieren gegen schleppende Vergabe der Notbetreuungsplätze

Wohin mit den Kindern?

Die Protestschilder von Eltern sollten nur wenige Minuten hängen – beim Abbau zeigte sich die Gemeinde zeitlich flexibler als bei der Verteilung der Bescheide.
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Die Protestschilder von Eltern sollten nur wenige Minuten hängen – beim Abbau zeigte sich die Gemeinde zeitlich flexibler als bei der Verteilung der Bescheide.

Scheeßel – Eigentlich hätten sie am Montagmorgen am Krankenhausbett, am PC des Entsorgungsunternehmens oder in der Kaserne stehen sollen. Doch die Arbeitsplätze vieler Eltern aus der Gemeinde Scheeßel blieben leer – und das, obwohl sie alle einem systemrelevanten Beruf nachgehen und somit einen Anspruch auf eine Notbetreuung ihrer Kinder im Kindergarten haben.

Doch die Umsetzung des am vergangenen Dienstag gefassten Beschlusses der Ministerkonferenz zur Kita-Schließung mit gleichzeitiger Notbetreuung durch die Gemeinde lässt bis heute auf sich warten. Das zog in den vergangenen Tagen den Unmut vieler betroffener Eltern auf sich.

Sie werfen der Gemeinde Schneckentempo, Verschleppung, und mangelnde Flexibilität vor. Das jedenfalls bescheinigen der Gemeinde die rund 30 Plakate, die vor dem derzeitigen provisorischen Sitz der Verwaltung auf dem Gelände der Beekeschule angehängt waren. „Eigentlich hatten wir eine Demonstration geplant, aber bei der derzeitigen Infektionslage war das zu heikel, weil ja fast alle ihre Kinder betreuen und dabei hätten“, erzählt Anneke Schaper. Die Lehrerin der Eichenschule hat Glück – sie hat erst am Nachmittag einen Präsenz-Englischkurs, kann sich am Vormittag um ihre Tochter kümmern. Das ist bei Andrea Hashagen, Mitarbeiterin eines Entsorgungsunternehmens, und Elisa Weißgerber, Krankenpflegerin im Rotenburger Diakonieklinikum, nicht der Fall.

Sie beide können immerhin auf verständnisvolle Arbeitgeber zählen. Weißgerber hat ihre Dienste für diese Woche getauscht, „dafür sind dann Wochenendschichten fällig“, so die Elternvertreterin im Sperlingsweg. Hashagen konnte ihren Arbeitgeber erst am selben Morgen darüber informieren, dass sie für ihre Zwillinge im Vorschulalter keine Betreuung organisieren kann – der Plan B, sie zu Verwandten zu bringen, „geht wegen der Ein-Personenregel pro Haushalt ja nicht.“ Wie viele Eltern hatte sie schon letzte Woche versucht, den Kindergarten zu kontaktieren – ohne Erfolg. Bei der Gemeinde hieß es: „Abwarten, bis die genauen Beschlüsse vorliegen.“ Das sei laut dem Gemeindevertreter erst am Donnerstagabend der Fall gewesen – für viele Eltern zu spät. Sie können nicht verstehen, warum nicht prophylaktisch und unbürokratisch geplant wurde: „Die Situation war doch absehbar, darauf hätte man sich doch vorbereiten und vorab den Bedarf abfragen können“, meint Vater Marc Ostrowski. Ein solches Vorgehen ist für Stefan Behrens, Allgemeiner Stellvertreter der Bürgermeisterin, keine Option: „Vorausschauender Gehorsam und für mögliche Szenarien zu planen, dafür fehlen uns die Kapazitäten.“

Schaper und Weißgerber bemängeln die fehlende Flexibilität der Gemeinde, die Beschlüsse zeitnah umzusetzen: „Als Lehrer müssen wir doch auch ständig umplanen – in Extremsituationen wie dieser sollte es doch wohl möglich sein, auch am Wochenende Entscheidungen herbeizuführen“, meint Schaper mit Verweis auf andere Gemeinden wie etwa Fintel. Dort konnten Anträge bis Freitagabend gestellt werden, die Betroffenen sollten bis Samstagnachmittag Bescheid bekommen. Weißgerber findet dies nicht zu viel verlangt: „Wir machen im Krankenhaus doch auch selbstverständlich Überstunden, wenn es die Situation erfordert.“ Behrens versichert, dass die zuständige Teilzeitmitarbeiterin nach Bedarf von anderen Mitarbeitern unterstützt werde.

In Fintel konnten die Anträge übers Online-Portal abgegeben werden. In Scheeßel und vor allem den Dörfern waren nicht alle der per Post verschickten Anträge bei den Betroffenen am Samstag im Briefkasten. Für die Zukunft kann sich Behrens eine Online-Abwicklung vorstellen. „Gegenwärtig bitten wir die Eltern ums Hinterlassen ihrer E-Mailadressen, um den Kommunikationsfluss zu beschleunigen.“ Dass die vom Arbeitgeber ausgefüllten Bescheinigungen nur anerkannt werden, wenn sie auf dem Gemeindeausdruck bestätigt wurden, wie es laut Eltern in einigen Fällen passiert ist, „soll natürlich nicht so sein.“

Auch in diesem Punkt monieren Eltern die mangelnde Flexibilität der Verwaltung – ein Großteil der Arbeitsverhältnisse war beim ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr bereits erfasst worden, „da dürfte sich nur im Einzelfall etwas geändert haben“, so Schapers Hinweis. Sie fühlt sich noch aus einem anderen Grund verschaukelt: „Die Eltern, die der Bitte der Gemeinde nachgekommen sind und seit Mitte Dezember bis jetzt auf ihren Betreuungsanspruch verzichtet haben, sind doppelt gekniffen: Wer das nicht gemacht hat, darf sein Kind weiterhin zur Notbetreuung bringen, wir anderen werden jetzt noch zusätzlich abgestraft, weil wir extra Urlaub genommen hatten.“ Dazu Behrens: „Wenn dieser Eindruck entstanden sein sollte, tut uns das leid – das war nicht unsere Intention.“ Er begrüßt es, dass so viele Eltern dem mit dem Gemeindeelternrat abgesprochenen Gesuch der Gemeinde, den Erziehern über die Feiertage eine Pause zu gönnen, entsprochen hätten. Für Schaper ist dieser Umgang der Gemeinde mit den Eltern symptomatisch. „Einseitig klappt die Kooperation, aber wenn man etwas fordert, wird man im Regen stehen gelassen.“

Behrens findet die Kritik der Eltern legitim – die zahlreichen Plakate gleichen Tenors, die aufgebrachte Elternam Montag vor dem Beekeforum angebracht hatten, wurden indes schon nach wenigen Minuten durch Gemeindemitarbeiter wieder entfernt.

Laut Auskunft der Gemeinde sollen die Bescheide zur Notbetreuung im Laufe dieser Woche rausgehen. Für manch einen bedeutet das eine ganze Woche vom Jahresurlaub – bitter.  hey

Elisa Weißgerber wehrt sich gegen den Spagat: Sie wird im Diakonieklinikum und von ihren Zwillingen zuhause gebraucht.

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