Wo es „muht“ und kräftig schmatzt

Westerveseder Milchbauer lässt seine 90 Kühe erstmals auf die Weide

Glückliche Kühe und ein glücklicher Landwirt: Wolfgang Wichern mit seinem Sohn Hennes auf der an den Familienhof angrenzenden Weide in der Westerveseder Ortsmitte. 
Fotos: Warnecke
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Glückliche Kühe und ein glücklicher Landwirt: Wolfgang Wichern mit seinem Sohn Hennes auf der an den Familienhof angrenzenden Weide in der Westerveseder Ortsmitte.
  • Lars Warnecke
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Westervesede – Erika ist müde. Vielleicht genießt die schwarz-weiß gefleckte Dame mit der rosa Schnauze heute aber auch einfach nur das schattige Plätzchen, das ihr der Stall bietet. Man weiß es nicht. Auf die Weide bringen sie heute jedenfalls keine zehn Pferde – oder besser gesagt: Kühe. Denn genau das ist Erika – eine Kuh. Und eine fleißige obendrein: 33 Liter Milch produziert sie am Tag. Auf nicht weniger Leistung bringen es ihre Artgenossen: Lisa, Stachi, Helmine, Frodi und wie sie noch alle heißen, die 90 Melkkühe von Wolfgang Wichern (48). Oh, Verzeihung, „laktierende Kühe“, auf diese fachlich korrekte Bezeichnung legt der Westerveseder Landwirt dann schon viel Wert. Nein, zu ihrem Glück will sich Erika partout nicht zwingen lassen. Diese weichen Sägespäne, auf denen sie Platz genommen hat, sind ja auch irgendwie ganz gemütlich.

Derweil stehen Wichern und sein neunjähriger Sohnemann Hennes am Elektrozaun, hinter dem seine Tiere sich auf der weitläufigen Weide am Mitteldorf, direkt im Herzen von Westervesede, gerade in aller Seelenruhe das saftige Gras schmecken lassen. „Hier können sie sich einfach mal so bewegen, wie sie wollen“, freut sich der Papa. Seit ein paar Tagen schon haben die wiederkäuenden Tiere Ausgang.

„Auf die Idee, alle meine Kühe ins Freie zu bringen, hat mich tatsächlich mein Junge gebracht.“ Vom Stall geht es so morgens, nach dem ersten Melkdurchgang, im Gänsemarsch direkt hinaus – in eine für sie immer noch recht ungewohnte Welt. Denn weder Lisa noch Helmine noch der Rest der Bande hat die Freiheit an der frischen Luft seit der Geburt bisher kosten dürfen.

Warum nicht? „In unseren Gefilden sind Kühe für gewöhnlich im Stall, der die Weide dank entsprechender Ausstattung quasi abgelöst hat – ganz anders als oben an der Küste oder im Ostfriesischen, wo noch häufiger große Bestände im Außenbereich gehalten werden“, weiß Wichern. Zu 90 Prozent, schätzt der Westerveseder Milchbauer, würden laktierende Kühe heutzutage ausschließlich im Stall gehalten. Der Strukturwandel lasse grüßen. „Es leuchtet ja auch ein: Wenn jemand Hunderte Kühe hat, kann der nicht alle rauslassen, weil er den Platz für Freilandhaltung gar nicht hat.“

Platz, den kann der muntere Landwirt für seine vierbeinigen Schützlinge allemal bieten. Ganze vier Hektar misst die Weide neben dem Hof, den seine Familie schon seit 1550 betreibt. Noch im vergangenen Jahr, berichtet der 48-Jährige, habe er hier aktiv Getreide angebaut. Auf diesen Nebenzweig verzichtet Wichern nun gänzlich. „Nachdem wir im Herbst Gras angesät haben, konnten wir jetzt im Mai das erste Mal mähen.“ Dass auch reichlich Klee mit in den Boden gebracht worden sei, habe seinen Worten nach ökologische Gründe. „Dadurch, dass so der Stickstoff aus der Atmosphäre besser in den Boden gelangen kann, brauchen wir dann zukünftig auch weniger Mineraldünger streuen.“

Nein, mähen brauche er die Weide nun sicher nicht mehr, meint Wolfgang Wichern. Diese Aufgabe würden ja nun seine Kühe übernehmen, die Säulen seines Milchgeschäfts. Damit die nicht ausbüchsen können, hat der Westerveseder das Gelände zuletzt auf rund 950 Metern eingezäunt. „Wirtschaftlich bringt uns das überhaupt nichts, aber es ist artgerechter, es beflügelt einen – und das ist die ganze Sache wert“, gerät der konventionelle Landwirt beim Anblick der friedlich grasenden Tiere ins Schwärmen. Futtergrundlage für die Wiederkäuer sei die Weide wegen der für einen Familienbetrieb gerade richtigen Anzahl dabei nicht. „Wenn wir nur acht Kühe hätten, dann könnten die sich ein Jahr lang hier sicherlich unentwegt sattfressen, aber es wächst ja immer wieder nach.“ Komplett auf die sonst üblichen Gras- und Maissilagen, die im Stall an die Tiere verfüttert würden, sogenannte Konserven, kann also auch er nicht gänzlich verzichten.

Schlussendlich, sagt Wichern, ginge es ihm bei dem für heutige Verhältnisse ganz und gar unkonventionellen Beweidungsprojekt mitten im Dorf einzig und allein um das Tierwohl. „Natürlich wertet das hier auch das Ortsbild ungemein auf“, ist er überzeugt. Mancher Passant auf der Straße habe sich ob der 90 zeitgleich grasenden Kühe so auch in den letzten Tagen schon verwundert die Augen gerieben. „Letztlich möchte aber doch jeder, ob Konsument oder nicht, dass die Tiere sich draußen aufhalten – und da will ich als Landwirt einfach mal ein Zeichen setzen.“

Tierwohl, das beginne seiner Ansicht nach schon mit einem maßvollen Konsum von landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Fleisch und Milch, bei dem eben nicht vieles Gefahr läuft, nachher in der Mülltonne zu landen, und ende mit einer zurückhaltenderen und artengerechteren Produktion, als es gegenwärtig der Fall sei. „Wir müssen lernen, aufzuessen und auszutrinken – ansonsten sehe ich für unseren blauen Planeten schwarz.“ Allerdings müsse man sich auch darüber im Klaren sein, dass Lebensmittel in anderen Ländern unter weitaus schlechteren Standards produziert würden, als es hierzulande der Fall sei.

Inzwischen, die Sonne steht schon tiefer, hat sich auch „Faulpelz“ Erika auf die Weide gewagt. Der abkühlenden Dusche aus dem Wasserschlauch, den Junior Hennes auf ein Grüppchen richtet, konnte wohl auch sie nicht widerstehen. Schon bald geht es für alle nach einem sommerlich-heißen Tag zurück in den Stall. Die Pflicht ruft – vor dem abendlichen Melkprozedere darf sich nun einmal keiner drücken.

Bis Mitte Oktober steht den laktierenden Kühen von Wolfgang Wichern die Schleuse zur Weide noch weit offen, bevor es danach zur Überwinterung komplett zurück in den Stall geht. Im April startet dann die zweite Freiland-Saison – und wer weiß: Vielleicht machen die Tiere dann vor Freude genau solche Luftsprünge, wie nach dem allerersten Freigang ihres Lebens.

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