100 Jahre SPD-Ortsverein Scheeßel: Vorsitzender Jürgen Wahlers im Interview

„Wir werden dringend gebraucht“

Jürgen Wahlers steht seit März 2017 an der Spitze der SPD in Scheeßel. Der Jeersdorfer ist der zehnte Vorsitzende des Ortsvereins seit 1958.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Der SPD-Ortsverein Scheeßel feiert am Samstag im Scheeßeler Hof sein 100-jähriges Bestehen. Unsere Zeitung hat sich aus diesem Anlass mit dem Vereinsvorsitzenden Jürgen Wahlers unterhalten – unter anderem auch darüber, wie die Partei die Gemeinde geformt hat und warum mit ihr auch in Zukunft noch zu rechnen ist.

Was bedeutet für Sie Sozialdemokratie, Herr Wahlers?

Ganz klar: eine ökologisch nachhaltige Zukunftsgestaltung im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit. Für mich ist das eine Bereicherung – weniger darf es nicht geben. Hier ist mir besonders Artikel 14 des Grundgesetzes wichtig. Dort heißt es unter Absatz zwei: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

An welchen Politgrößen der SPD orientieren Sie sich heute?

An Lars Klingbeil, der in der heutigen schwierigen Situation Gelassenheit und Souveränität zeigt, die ich auch gern hätte. Und besonders Martin Schulz, der Europa durch seine engagierte Arbeit als Präsident des Europäischen Parlaments ein Gesicht gegeben hat und deshalb mir als Europäer ein großes Vorbild ist.

Beide werden an der 100-Jahr-Feier teilnehmen.

Ja, das stimmt. Und darüber bin ich ehrlich gesagt auch sehr glücklich.

Machen wir doch einen kurzen Abstecher nach Hannover. Wie zufrieden sind Sie mit der rot-schwarzen Landesregierung?

Da ist noch Luft nach oben. Aber extrem Negatives gibt es nicht zu berichten. Vor allem die Arbeit von Umweltminister Olaf Lies, die ich besonders unterstütze, beeindruckt mich – trotz aller Kritik, die an ihm geübt wird.

Zurück ins ländlich geprägte Scheeßel. Die SPD hatte es hier nie leicht. Ist die Übermacht der CDU zu groß oder hat es andere Gründe?

Ohne Frage hat die CDU derzeit eine gewisse Übermacht. Deshalb ist es nicht einfach, Anträge im Gemeinderat konstruktiv zu entwickeln und durchzusetzen, zumal die CDU bei uns traditionell erst einmal in Abwehrstellung geht und weniger auf Inhalte achtet. Auf die letzten Legislaturperioden zurückblickend, konnten wir viele Vorhaben für eine positive Entwicklung umsetzen oder auf den Weg bringen. Manche davon verschwanden zunächst in Schubladen und wurden dann später wieder als CDU-eigene Idee präsentiert. Letztlich aber konnten wir viele unserer Ideen realisieren.

Welche Erfolge hat die SPD denn in Scheeßel zu verzeichnen – auch im Rückblick auf die letzten 100 Jahre?

Vor 1945 ist das Archiv unseres Ortsvereins leider nicht mehr erhalten. Wir würden uns deshalb freuen, wenn es noch ältere Dokumente gäbe und uns diese zur Verfügung gestellt werden könnten. Erfolge gab es jedoch zahlreiche und wichtige – für mich persönlich und meinen damaligen Mitstreiter Detlef Steppat sind das zum Beispiel der Zebrastreifen auf der Dorfstraße in Jeersdorf. Und für die Gemeinde unter anderem die Sanierung des Dorfgemeinschaftshauses in Westervesede sowie die Verbesserung der Kinderbetreuung in der Kerngemeinde und den Dörfern. Hinzu kommt die Unterstützung der verschiedenen Kulturinitiativen.

Der Ortsverein hat gegenwärtig 51 Mitglieder. Das ist nicht gerade viel.

Es könnten tatsächlich durchaus mehr sein. Anno 1989 hatten wir hier sogar 151 Mitglieder. Zum Vergleich: 1952 waren es nur drei. Aber heutzutage ist Lokalpolitik vielschichtiger geworden und erfordert erheblich mehr Engagement von Jedermann und Jederfrau. Das in Form von aktiven Mitgliedern zu akquirieren, fällt allen Parteien nicht leicht. Und „viel“ ist relativ. Anderthalb Grad Erderwärmung sind auch nicht viel – und trotzdem beschäftigt die SPD jedes zehntel Grad Celsius, genauso wie jedes Mitglied und jeder konstruktive Beitrag.

Seit 2016 ist die SPD zusammen mit der UGS als Gruppe im Gemeinderat vertreten. Ein großer Vorteil?

Unbedingt! Gerade bei den aktuell so brennenden Themen wie Klimaschutz, Artensterben, Nahverkehrsausbau, Grundrente oder Digitalisierung. Vieles davon wird zwar in Brüssel oder Berlin gemacht, aber immer noch vor Ort umgesetzt. Und da ist wichtig, was mit wem auf welche Weise machbar ist.

Wie ist das Verhältnis der Gruppe zu den anderen Fraktionen im Rat?

Höflich, korrekt und intensivierbar – aber da sind verschieden dicke Bretter zu bohren.

Und wie ist die Stimmung innerhalb Ihrer Gruppe?

Konstruktiv und arbeitsteilig. Aber wir sind natürlich nicht immer einer Meinung. Das gehört für mich aber zur SPD dazu, dass auch innerhalb der Gruppe Kompromisse gesucht werden.

Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele (CDU) hat angekündigt, bei der nächsten Bürgermeisterwahl nicht wieder antreten zu wollen. Wird die SPD/UGS einen Kandidaten präsentieren?

Dazu werde ich mich heute sicher nicht äußern (grinst).

Wo sehen Sie die Zukunft der SPD in Scheeßel?

Wo? In Scheeßel natürlich! Denn da werden wir dringend gebraucht. Es gibt schließlich noch viele wichtige Ziele vor Ort. Dazu gehört die weitere Entwicklung der Infrastruktur und der Digitalisierung. Aber auch als sozial Handelnde ist die SPD in der Kommunalpolitik nicht wegzudenken.

Was glauben Sie: Wird es die SPD noch in 100 Jahren geben?

Eindeutig ja! Da die Partei auch in Zukunft für das soziale Miteinander gebraucht werden wird. Denn solange der konservative Trend anhält, ist die SPD die einzige Kraft, die den Zusammenhalt der Gesellschaft gewährleistet.

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