„Wir müssen abwarten und hoffen“ 

Förster Rainer Schild sieht Borkenkäferbefall in den Wäldern mit Sorge

Wie ein Tipi im Wald: Mit sogenannten Trinet-Fangsystemen sagen die Waldbesitzer dem Borkenkäfer den Kampf an. Hier zeigt Förster Rainer Schild einen solchen Aufbau in einem stark vom Schädling befallenen Forst nahe Lauenbrück.
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Wie ein Tipi im Wald: Mit sogenannten Trinet-Fangsystemen sagen die Waldbesitzer dem Borkenkäfer den Kampf an. Hier zeigt Förster Rainer Schild einen solchen Aufbau in einem stark vom Schädling befallenen Forst nahe Lauenbrück.

Scheeßel – Er ist nur wenige Millimeter klein, aber eine riesige Gefahr für den Wald: Der Borkenkäfer hat aufgrund der Trockenheit wieder tausende Bäume im Landkreis befallen. Wie ernst die Lage Wald ist und was gegen eine weitere Ausbreitung des Schädlings inzwischen unternommen wird, darüber haben wir uns mit Rainer Schild, Scheeßels Bezirksförster, unterhalten.

Herr Schild, haben Sie aktuell gerade eigentlich viel im Wald zu tun?

Sehr viel sogar, allerdings nicht mehr als sonst auch, da ich ja etwa 450 Waldbesitzer berate und betreue. Jedoch haben sich die Arbeitsschwerpunkte seit den anhaltenden Dürrejahren geändert: Statt planmäßiger Durchforstungen sind wir Förster im stetigen Dauerlauf durch sogenannte Kalamitätshiebe, also durch Borkenkäfer-, Sturm- und Dürreschäden, die betroffenen Baumbestände in den Griff zu bekommen.

Was ist denn das größere Problem – die Trockenheit oder der Borkenkäfer?

Die anhaltende Dürreperiode ist der Auslöser der inzwischen besorgniserregenden Waldbilder. Seitdem haben die beiden Fichtenborkenkäfer, der Buchdrucker und der Kupferstecher, leichtes Spiel, die geschwächten Fichten zu besiedeln und diese dann durch den Käfer- und Larvenfraß mit der Unterbrechung des Saftstromes schließlich zum Absterben zu bringen. Ohne ausreichend Regen konnten die Bäume kein Harz bilden, das sonst wie ein natürliches Insektizid wirkt und die Angreifer erstickt.

Hier ist der Käfer drin: Baumschäden wie diese finden sich an vielen Stellen im Kreisgebiet. 

Geht es hier eigentlich ausschließlich um die Fichte, die befallen ist?

Genau. Als extremer Flachwurzler ist sie neben dem Borkenkäferbefall, aber auch infolge der Dürre einfach nur vertrocknet. Diese Trockenheitsschäden weisen mittlerweile auch andere Baumarten, wie zum Beispiel die Birken, Buchen oder die Eichen auf – jedoch mit einem überschaubaren, unbedeutenden Anteil.

Wie dramatisch ist die Situation im Moment in unseren heimischen Wäldern?

Durch die witterungsbedingte Situation und einer gigantischen Borkenkäfer-Invasion sind in den Fichtenbeständen der verschiedenen Waldbesitzarten weit über 200.000 Hektar Kahlflächen entstanden. Die Schädlinge überlebten den letzten milden Winter quicklebendig unter der Rinde oder im Boden. Und durch die Stürme im Februar sind die umgefallenen Bäume neue Brutstätten für die Borkenkäfer. Hinzu kommt, dass die Schäden der vergangenen Jahre noch nicht vollständig beseitigt sind.

Wie sieht es denn im Landkreis Rotenburg im Vergleich zu anderen Gegenden aus?

Es gibt einen deutlichen Anstieg der Schäden von Nord nach Süd, das heißt, in Südniedersachsen – vor allem im Harz und im Weserbergland – sind die Auswirkungen für die Waldbesitzer zum Teil dramatisch. Aber auch in unserem Landkreis sind die Fraßschäden und damit verbundenen Kahlflächen im Raum Visselhövede deutlich größer als in den nördlich gelegenen Gemarkungen, wie beispielsweise in Scheeßel.

Wie erkennt man befallene Bäume?

Eindeutige Zeichen von Käferbefall sind große Mengen fahlgrüner Nadeln am Boden. Auch braunes Bohrmehl am Stammfuß, an Bodenpflanzen oder in bodennahen Spinnweben, abgestorbene Baumwipfel, sich verfärbende beziehungsweise rote Baumkronen und Bäume ohne Rinde, die um die Stämme herum abgefallen ist, sind sichere Indizien.

Wie sollen Waldbesitzer jetzt reagieren?

Die Überwachung der gefährdeten Nadelwälder und die Bekämpfung des Borkenkäfers sind gesetzliche Aufgaben des Waldbesitzers. Hat jemand Borkenkäferbefall in seinem Wald entdeckt, sollte er sofort Kontakt mit dem betreuenden Förster aufnehmen. Der wird dann sofortige Bekämpfungsmaßnahmen einleiten, das ist die umgehende Fällung und Aufarbeitung befallener Fichten.

Warum ist schnelles Handeln gerade jetzt so wichtig?

Wenn das Thermometer im Frühjahr, wie zuletzt, 16 bis 20 Grad anzeigt, beginnen die Aktivitäten der Borkenkäfer. Spätestens dann muss alles unternommen werden, um die erste Generation abzuschöpfen – das heißt, die fängischen Bäume, insbesondere vom Wind geworfene und abgebrochene Fichten müssen aufgearbeitet und aus dem Wald gerückt werden. Die rasche Abfuhr des Holzes auf Lagerplätze außerhalb des Waldes, die Entfernung sollte hier mindestens 500 Meter betragen, oder direkt in das Sägewerk ist die wirksamste Gegenmaßname. Das auf der geschädigten Fläche verbliebene Kronenholz sollte ebenfalls gerückt werden, um es dann zeitnah auf dem Lagerplatz oder gleich auf der Fläche zu häckseln. Wenn diese Maßnahmen nicht rechtzeitig erfolgen, besteht die Gefahr einer Massenvermehrung, also die Entwicklung von bis zu drei Generationen.

Gegen die Trockenheit im Wald kann man aber nichts tun, oder?

Nein, es ist praktisch nicht möglich und ökologisch auch nicht zu vertreten, die Waldflächen zu bewässern. Dafür wären dann doch schon gigantische Wassermengen notwendig.

Wenn Waldbesitzer die befallenen Bäume fällen, können sie das Holz noch verkaufen?

Die entrindeten Fichten sind grundsätzlich für die Verwendung diverser Sortimente zu verwenden. Entscheidend ist der Zeitpunkt der Aufarbeitung: Wenn die Bäume zu lange in der Fläche stehen, werden diese trocken und damit besteht die Gefahr der Rissbildung beim Einschnitt im Sägewerk. Wenn die Bäume dann von holzbrütenden Insekten befallen sind, sind diese nicht mehr für Bauholzsortimente geeignet. Für die Verarbeitung zu Paletten, OSB- und Spanplatten jedoch eignen sich die meisten befallenen Bäume. Da in Mitteleuropa enorme Mengen an Schadholz auf dem Markt sind, liegt der Holzmarkt jedoch weitgehend am Boden, sortimentsweise sind die Holzpreise zum Teil um zwei Drittel gefallen. Das bedroht die Existenz unzähliger privater Forstbetriebe. Wegen des Coronavirus ist nun auch noch der Holzexport nach China zusammengebrochen. Frachtschiffe werden in Fernost kaum noch entladen, es gibt nicht genügend Container.

Was kann man denn langfristig gegen den Borkenkäfer tun?

Wir müssen abwarten, bis die Population zusammenbricht, und darauf hoffen, dass die klimatischen Voraussetzungen sich zu Ungunsten der Käferentwicklung hinwenden. Um eine Massenvermehrung zu verhindern, müssen wir in den Fichtenwäldern eine „saubere Waldwirtschaft“, so wie ich es beschrieben habe, forcieren.

Um den Käfer vollständig zu beseitigen, setzen die Landesforsten inzwischen auch Gift ein. Wie geht man hier vor?

Die rindenbrütenden Borkenkäfer vollständig zu beseitigen, das ist nicht möglich und auch gar nicht das Ziel. Wir müssen nur dann tätig werden, wenn es zu Massenvermehrungen kommt. Dafür setzen alle Waldbesitzarten das sogenannte Trinet-Fangsystem ein, einem einer Pyramide ähnlichem Gestell mit einem Polyesternetz umspannt. Diese neuartigen Fangsysteme werden mit Pheromonen bestückt, um die beiden Borkenkäferarten anzulocken. Wenn diese dann auf das Netz treffen, wird ihnen quasi übel, da es mit einem Kontaktinsektizid behandelt ist. In den betroffenen Privatwäldern der Kreis-Waldmärkerschaft Rotenburg sind etwa 200 solcher Systeme in südexponierten Lagen sachkundig aufgebaut worden, die überwacht und bei Bedarf mit Pheromonen neu bestückt werden.

Wie sollen unsere Wälder in Zukunft ihrer Meinung nach aussehen?

Auf lange Frist gesehen sind gesunde, stabile und laubbaumreiche Mischwälder auf jeden Fall der beste Schutz gegen alle schädlichen Einwirkungen auf den Wald. In diesen gemischten Wäldern gibt es erfahrungsgemäß weniger Schneebruch und Windwurf und damit auch ein geringeres Brutraumangebot für Borkenkäfer. Bevor die geschädigten Flächen aufgeforstet werden, erfolgt vorab immer eine Standort-Kartierung, mit deren Ergebnissen wir die Waldbesitzer entsprechend beraten. Eines kann man aber schon jetzt ganz sicher feststellen: Die Fichte wird definitiv leider der Verlierer des Klimawandels sein.

Zur Person

Rainer Schild ist Diplom-Forstingenieur. Seit 1983 leitet der heute 64-Jährige die Bezirksförsterei Scheeßel. Schild ist verheiratet und hat vier Söhne. Neben seinem Beruf ist er in den Vorständen des Scheeßeler Heimatvereins und des Amtsvogteiparks tätig.

Schädling bohrt im Holz die Gänge

Der Borkenkäfer zählt zur Familie der Rüsselkäfer. Viele Arten dieser Käfer nisten sich unter der Borke oder im Holz von Bäumen ein, pflanzen sich in selbstgebohrten Gängen fort und schaden damit dem Baum bis zu dessen Absterben. Wenn es nicht genug regnet, sinken die Abwehrkräfte der Bäume, die sich sonst mit Harz gegen den Borkenkäfer zur Wehr setzen.

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