„Wir machen hier unser Ding“

Westerveseder Karnevals-Guru Rainer Bassen über die fünfte Jahreszeit

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Nicht nur bei der Vorbereitung und Organisation der Prunksitzung, sondern auch auf der Bühne macht Rainer Bassen als Moderator eine gute Figur, wobei ihm besonders die Förderung des närrischen Nachwuchses am Herzen liegt. 

Westervesede - Wenn das Dorfgemeinschaftshaus in Ostervesede heute Abend pünktlich um 19.11 Uhr zum 41. Mal in ein närrisches Tollhaus verwandelt wird, wenn die Jugendlichen des Dorfes zu Büttenrednern werden, wenn Beine und Reden geschwungen werden, dann hat einer sein Ziel wieder einmal erreicht: Der Präsident des Veeser Rosenmontagsvereins, der einmal im Jahr, nämlich zur „fünften Jahreszeit“, weit über die Ortsgrenzen von sich reden macht. Rainer Bassen (50) ist maßgeblicher Drahtzieher hinter den Vorbereitungen für die jährliche Prunksitzung. Im Interview mit uns sprach er über die norddeutsche Feiermentalität, heiteres Politfutter und den Charme der Veranstaltung an der Vees.

Herr Bassen, jetzt mal ehrlich: Lässt es sich an der Veerse genauso feiern wie am Rhein?

Rainer Bassen: Nein, hier ist es intensiver und Programm und Faschingsparty empfinde ich frischer und ungezwungener. Lasst die Narren am Rhein ihre guten Traditionen pflegen, wir machen hier unser Ding mit nicht ganz so strengen Statuten. Bitte nicht so ernst nehmen – Hauptsache, die fünfte Jahreszeit bleibt an allen bedeutenden Flüssen weiterhin erlaubt.

Mentalitätsunterschiede zwischen Nord- und Mitteldeutschland sind nicht von der Hand zu weisen. Sind die Westerveseder eine Ausnahme zum „spröden Fischkopp“ oder liegt es eher an der Veranstaltung an sich, die durchschnittlich 400 Besucher locker macht und ins Schunkeln bringt?

Bassen: Gefühlt lockerer sind die Westerveseder manchmal schon, man sagt uns sogar nach, dass in Vees getanzt wird, sobald ein Türscharnier quietscht (lacht). Die Prunksitzung hat Niveau bis in viele Details. Das Publikum ist in der kuscheligen Narrhalla nah dran, man kennt sich, das verbindet. Es ist ein gegenseitiges Sich-über-den-anderen freuen, das den Charme der Veranstaltung ausmacht und für gelöste Stimmung sorgt.

Die Büttenreden und Karnevalsumzüge sind ja mitunter recht frech, auch was Kritik an der Tagespolitik angeht. Traut man sich so etwas bei Ihnen auch oder geht es da etwas gebremster zu?

Bassen: Sich auf Kosten anderer lustig zu machen, bringt ja den Profi-Comedians eine Menge Asche in die Tasche. Wenn ich das mache, muss ich aufpassen, dass ich keine Haue krieg. Also: Immer gut überlegen, mit wem man was anstellt. Heiteres Polit-Futter gibt’s ja bereits im kleinen Radius im Überfluss. Aber wir halten den Ball flach, kompliziertes Politik-Gesabbel will hier keiner wirklich hören. Vielleicht mal ein angemessenes Sticheln mit prominenten Gästen – aber in Maßen, die möchten auch einen schönen Abend haben und sollen sich amüsieren.

Also liebevolle Kritik, die in Maßen geübt wird. Können die „Gescholtenen“ einstecken und über sich selbst lachen?

Bassen: Absolut! Sonst wäre zum Beispiel der amtierende Landrat nicht schon so oft zu unserer Sitzung erschienen. Humor ist, wenn man’s trotzdem macht!

Sie sind seit 17 Jahren Präsident des Siebenerrats, moderieren die Prunksitzung jetzt zum 24. Mal. Der Saal ist fast jedes Jahr ausverkauft – wie schafft man es, über so lange Zeit den Kultstatus zu erhalten?

Bassen: Indem man rechtzeitig und regelmäßig junge Leute auf der Bühne großzieht. Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind die wahren Helden der Prunksitzung. Viele von ihnen schütten ihr ungeahntes Talent aus. Sie wachsen mit dem Applaus des Publikums. Einige wollen dann mehr, sind immer mal wieder dabei. Einzelne Gruppen greifen immer mal wieder an. Sie wissen, dass sie Qualität liefern müssen, denn die Veeser Narren sind anspruchsvoll. Manchmal ist es wie ein „Battle“: Jeder will die tollste Nummer auf die Bühne bringen. Vieles drumherum ist Kult, auch Leute sind Kult, wie zum Beispiel die Veerse Schipper, die meines Wissens noch nie im Programm gefehlt haben, seit fast einem halben Jahrhundert.

Stimmt es, dass Sie – obwohl Sie Mitorganisator und Moderator sind – selbst die genauen Nummern nicht kennen? Fällt das einem organisatorischen Kontroll-Freak wie Ihnen nicht schwer?

Bassen: Jupp, richtig erkannt, das fällt mir manchmal schwer. Mittlerweile bin ich darüber hinweg und mach mir nicht mehr so einen Kopf, ob die das wohl ordentlich machen. Auch dieses Mal weiß ich nur ganz wenig, aber ich lasse mir ganz grob den Inhalt erzählen, damit ich keinen Blödsinn ansage, der nicht zur Nummer passt. Manchmal denke ich „selbst schuld“, hättet mich ja mal einweihen können, dann hätte ich was Eleganteres erzählt. Ich möchte, dass die Auftritte gut in Szene gesetzt sind, jedes Detail zählt. Die stimmungsvolle Beleuchtung, ansprechende und raumfüllende Requisiten sowie ein guter Ton. Den haben wir mit Philip Götterts Technik seit zig Jahren, das ist auch ein offenes Geheimnis des Sitzungserfolges.

Können Sie sich an Nummern erinnern, die Sie total überrascht oder sogar aus der Fassung gebracht haben?

Bassen: Jeder altgediente Veeser Narr erinnert sich an die Kaffeebohnen-Eier, die vor vielen Jahren von einer Undercover-Truppe in den Wochen vor der Prunksitzung nachts an einigen Haustüren unters Volk gebracht wurden. Auch ich tappte im Dunkeln, die Auflösung des Rätsels gab es in der Prunksitzung, nachdem RTL und andere Sender humorvoll über die mysteriösen Ereignisse berichtet hatten. Für die Aufnahmen schickte man unseren damaligen Bürgermeister Willi Heins in den Hühnerstall meiner Mutter. Ich werde das Bild niemals vergessen. Aus der Fassung bringt mich auf der Bühne so schnell nichts, das geschieht nur noch selten außerhalb des abendlichen Spielfeldes. Ich wünsche mir, dass mir eine gewisse Schlagfertigkeit noch eine Weile erhalten bleibt.

Finden sich jedes Jahr genügend neue Ideen und Akteure, die sich ehrenamtlich einbringen?

Bassen: Fast immer. Dieses Jahr war’s grenzwertig, weil alle noch vom Kreisschützenfest ausgelutscht sind. Das war Karneval im Sommer und hat viel Energie gekostet. Aber mit ein bissel Kratzen bekommst du doch noch Leute. Sogar welche, die sich ans Mikro stellen.

Sie selbst scheinen, wenn man sich an die jüngsten von Ihnen organisierten Veranstaltungen erinnert (Literatur vor Ort, Digitale Tage), in punkto Kreativität keine Grenzen zu kennen. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Bassen: Also ich krieg sie erstmal gar nicht mit Googeln. Alles, was Youtube und Co. zu bieten haben, gibt es ja schon – nachmachen kann jeder. Heute ist es verdammt schwer, besser als andere zu sein. Du musst nur anders sein, dann wirst du wahrgenommen und deine entfalteten Gedanken und Ideen entfachen Neugier. Ich versuche mir von Anfang an vorzustellen, wie das alles bei ‚Fertigstellung‘ aussieht. Und was die Leute reizt. Ich habe keine Lust auf ausgetretene Sachen. Viel Inspiration kommt, wenn ich dabei bin, dann werden die Ideen immer mehr. Das kreative Rumwerkeln im Grafikprogramm oder mit der Stichsäge macht wahnsinnig Spaß. Und wenn ich will, dass da eine echte dicke Eiche zu Miro Nemec‘ Lesung auf der Falkneralm in der Sparkassenhalle steht, dann lass ich nicht locker, bis das Teil da steht.

Ist zur 41. Prunksitzung mit besonderen Höhepunkten zu rechnen?

Bassen: Logisch. Stichworte: prominentes Wohnzimmer, märchenhaftes Örtchen und zwei neue Würdenträger. Das muss an dieser Stelle genügen.

Haben Sie schon mal selbst an anderes Outfit gedacht?

Bassen: Ich gebe zu, dass unsere Siebenerhorde im Vergleich zu manch anderem Karnevalsverein in Sachen Dresscode eher in der zweiten Reihe steht. Das macht aber nichts, wir mögen’s halt so, die blau-weißen Westen sind doch ganz nett, oder? Ich krempel gerne die Ärmel hoch und liebe die gewisse Action in bequemer Kleidung. In diesem Jahr also wieder mit dem bekannten Outfit – Helau! - hey

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