„Wir erreichen immer neue Gäste“

Interview: Herausforderungen beim Internationalen Beeke-Festival

Nadine Gottschalk und Jörn Klee sprechen über die Herausforderungen des Beeke-Festivals.

Am kommenden Wochenende steht der Beekeort ganz im Zeichen von Trachten, Tänzen und Völkeraustausch. Fünf Tage lang zeigen mehrere hundert Gäste aus aller Welt, darunter Finnland, Brasilien und Mexiko, beim Internationalen Beeke-Festival ihre Traditionen. Festivaldirektor Jörn Klee und Beekscheepers-Geschäftsführerin Nadine Gottschalk berichten über die Herausforderungen einer solchen Großveranstaltung.

Wird man heutzutage belächelt, wenn man sagt, dass man ein Trachtenfest ausrichtet?

Jörn Klee: Frei nach dem Motto: „Der arme Kerl, warum muss er das?“ Ja, es ist schon außergewöhnlich. Aber wenn man erzählt, was man mit dieser Gruppe schon erlebt hat, wo man war, und was man für Gäste gehabt hat, relativiert sich das. Und wenn man klarmacht, dass das Publikum, das hierher kommt, nicht unbedingt das ist, was typischerweise zu erwarten wäre.

Nadine Gottschalk: Man wächst auch damit. Am Anfang meiner Ausbildung in Hamburg habe ich mir überlegt, wem erzählst du das, wenn ich neue Leute kennengelernt habe. Im ersten Moment können nicht alle etwas damit anfangen. Je älter man wird, desto mehr steht man da drüber und gibt die eigene Begeisterung weiter.

Jörn Klee: Als Jugendlicher ist es etwas schwierig, wenn man alleine irgendwo ist. Wenn Jugendliche gemeinsam unterwegs sind und sich gegenseitig stützen, wird das sehr bewundernd wahrgenommen, wie beim Tag der Niedersachsen. 20, 30 Jugendliche in Tracht: Das ist schon etwas Besonderes.

Sind Trachtenfeste überhaupt noch zeitgemäß?

Jörn Klee: Ja – wenn sie so gemacht werden, wie bei den Beekscheepers, laufen sie nach wie vor sehr gut. Wir sind zufrieden mit den Besucherzahlen, je nach Wetterlage zwischen 1 500 und 3 000 pro Abend. Wir erreichen immer neue Gäste, und das Durchschnittsalter ist nicht, wie man denken würde, 60 plus, sondern 16 plus.

Einerseits haben Sie sich auf die Fahnen geschrieben, Traditionen zu bewahren – das birgt den Nimbus des Altbackenen. Andererseits muss eine Großveranstaltung modern und für die Zuschauer attraktiv daherkommen. Wie lösen Sie diesen Spagat auf?

Jörn Klee: Da muss man differenzieren. Wir in Scheeßel stehen vor der Herausforderung, dass wir alte überlieferte Tänze haben und deshalb mit der Erwachsenengruppe festgelegt sind auf die Scheeßeler Bunten. Andere Nationen sind da innovativer, bringen moderne Elemente hinein – das belebt die Shows. Gerade Gruppen aus Südamerika oder Südostasien – das ist ein starker Kontrast zu europäischen Kulturen, der es für die Zuschauer interessanter macht.

Nadine Gottschalk: Kleines Geheimnis: Auch die Beekscheepers werden innovativ. Die alten Scheeßeler Bunten werden in diesem Jahr erstmals öffentlich von uns als „Kontra-Mix“ gezeigt, der aus drei zusammengesetzten Scheeßeler Bunten besteht – ein modernes, zusammengeschnittenes Potpourri.

Ist das, was gerade die lateinamerikanischen Gruppen oder die Maoris abliefern, überhaupt noch authentisch oder eher Show?

Jörn Klee: Es ist authentisch, aber bearbeitet – also althergebrachte Elemente, die mit anderen Schrittfolgen oder anderer Musik kombiniert werden. Gerade unsere Freunde aus Finnland sind da sehr weit vorn, altüberlieferte Tänze mit neuen Variationen zu bringen. Vor zwei Jahren hatten wir eine Gruppe aus Argentinien da – so, wie sie den eigentlich traditionellen Tango präsentiert haben, wurde er garantiert nicht vor 100 Jahren getanzt.

Die feurigen Brasilianer, die halbnackten wilden Maoris, die zu Trommelklängen hüpfen… Werden da Kulturen nicht auf Klischees reduziert?

Nadine Gottschalk: ...und von den chilenischen Osterinseln die anmutigen Schönheiten mit Kokosnussschalen-BHs. Wenn man die Jungs und Mädels nur in Tracht sehen würde, wäre das Klischee hoch zehn: Norddeutsch-hochgeschlossen, dröge. Auf der Bühne werden sicherlich Klischees gezeigt, die sich abseits jedoch nicht bestätigen.

Deutsche haben ja den Ruf, auf der Bühne nicht gerade Showtalent zu beweisen – auch ein Klischee, das es aufzubrechen gilt?

Jörn Klee: Das ist schwierig, weil wir uns als Beekscheepers auf die Fahnen geschrieben haben, alte, überlieferte Tänze zu bewahren und weiterzugeben. Bei den Kindern und Jugendlichen sind wir dazu übergegangen, deutsche und internationale Folklore zu zeigen. Bei den Erwachsenen sind wir in einem relativ engen Korsett, das wir uns selbst geschnürt haben.

Nadine Gottschalk: Die Italiener beispielsweise erzählen häufig auch eine Geschichte drum herum – das geht mit den Kontra-Tänzen nicht.

Nun ist das Bewahren von Traditionen etwas, was sich auch Rechtsextreme und Populisten auf die Fahnen geschrieben haben. Wie grenzt man sich da ab?

Jörn Klee: Wir haben eine markante Änderung vorgenommen: Wir haben „Scheeßel“ und auch unsere gesamte Schrift so verändert, dass man keine Runen davon machen kann.

Nadine Gottschalk: Mit dem neuen Logo und der modernen Typografie grenzen wir uns bewusst ab – das ist ein Thema in allen Trachtenvereinen. Über den Landestrachtenverband Niedersachsen war bekannt geworden, dass die AfD einige Gruppen instrumentalisiert hat. Das wollen wir auf keinen Fall: Wir wollen weder rechts noch links benutzt werden. Wir sind ein junger, innovativer Verein, deshalb auch die Abkehr vom alten Schriftzug.

Sie sind mit dem Grundsatz angetreten: Keine Bezahlung für Gruppen. Ist das in heutigen Zeiten, wo die Besucher professionelle Shows erwarten, überhaupt durchzuhalten?

Nadine Gottschalk: Ja. Wir sind Mitglied der CIOFF. Da gibt es den Grundsatz, dass nur die Anreisekosten ab Landesgrenze und ein Taschengeld, wenn erforderlich, von uns gezahlt werden. Gagen gibt es nicht. Danach sondieren wir auch – wir bekommen mehr als 200 Bewerbungen. Wer bezahlt werden will – das können wir nicht leisten.

Jörn Klee: Das würde auch den Charakter kaputt machen und eine Ungleichbehandlung bedeuten.

Apropos Modernität: Heutzutage erwartet das Publikum nicht nur Tracht und Tanz, sondern ein stimmiges Gesamtpaket, von kulinarischen Angeboten über die Aftershow bis zur Abschluss-Lasershow. Muss man sich als Organisator mehr Gedanken machen als früher, damit die Veranstaltung attraktiv bleibt?

Nadine Gottschalk: Definitiv. Das ist auch ein Grund, weshalb wir für Freitagabend ein neues Motto gewählt haben – der Bayrische Abend, um etwas Neues zu bieten. Es gibt so viele andere Freizeitangebote, gerade am Wochenende – unsere Veranstaltung ist nur eine von vielen. Früher gab es keinen separaten Cocktailstand, keinen Weinstand. Es gab Brause, Bier, Wasser und Mettwurstbrot. Jetzt haben wir Freitagabend ein Spezialitätenzelt, bayrischen Schwerpunkt, Käsemolle.

Jörn Klee: Was sich im Laufe der Zeit enorm verändert hat, ist die Logistik. 1979, als ich das erste Mal dabei war, bestand die Technik aus zwei großen Boxen und einem Mischpult. Heute haben unsere holländischen Freunde eine hochmoderne Anlage mit allem Zick und Zack; für den auf dem Festival erforderlichen Strombedarf stellen wir zum ersten Mal einen eigenen Generator auf.

Überall wird über die Schwierigkeit geklagt, Ehrenamtliche zu finden, gerade unter Jugendlichen. Bei Ihnen sind mehr als 100 im Einsatz, mit Quartiersgebern und Aufbauhelfern mehrere hundert. Wie schaffen Sie das?

Nadine Gottschalk: Und viele sind sogar mehrfach involviert – als Gastgeber, beim Aufbau und Thekendienst. Ich denke, das ist Teamgeist. Als Beispiel möchte ich die Gruppenbetreuer nennen. Wir hatten noch nie ein so junges Team. Die sind da über viele Jahre reingewachsen als Co-Betreuer – und jetzt übernehmen junge Erwachsene mit 18 oder 22 beispielsweise eine Gruppe aus Chinese Taipei. Das ist nicht nur spannend und gibt Selbstbewusstsein, sondern macht sich auch gut im Lebenslauf.

Jörn Klee: Wir haben viele junge Leute im Vorstand. Sie vermitteln, dass so etwas extrem viel Spaß machen kann. Das Festival hat einfach in Scheeßel einen gewissen Stellenwert – da melden sich auch immer wieder neue Leute, die mit Trachten oder Tänzen eigentlich nichts am Hut haben, aber sich zum Beispiel in der Logistik einbringen. Und die Alten helfen mit und geben Support. Hier wird keiner verheizt oder ins kalte Wasser geschmissen.

Ist es in Zeiten des Internets einfacher geworden, so ein Festival auf die Beine zu stellen – ,WhatsApp‘ statt Brieftaube?

Jörn Klee: Das ist nicht mehr wegzudenken, auch untereinander. Klasse Beispiel: Vor 20 Jahren schickte eine Gruppe aus Frankreich per Post Schwarzweiß-Fotos, die wurden mit Qualitätsverlust dupliziert, um sie an die Zeitung zu geben. Heute lädst du dir mal eben 15 Fotos in Topqualität runter. Es gibt aber auch einen gravierenden Nachteil: Wir werden zugeschossen mit Anfragen – pro Festival 200 bis 250. Aber es ist mehr Segen als Fluch.

Nadine Gottschalk: Man hat mehr in der Hinterhand, wie vor zwei Jahren, als kurzfristig eine Gruppe abgesagt hat, da konnte man mal eben nachbesetzen. Dabei achten wir schon darauf, welches Renommee die Gruppe hat – wir haben den Mix aus persönlichen Kontakten und über die CIOFF und bisher kaum schlechte Erfahrungen gemacht. Dabei haben wir eine enge Vernetzung mit Schlitz, dem „Southside“ des Beeke-Festivals.

Die Menschen reisen mehr, die Welt rückt zusammen – ist der Kulturaustausch noch so spannend wie vor 20, 30 Jahren?

Nadine Gottschalk: Wenn wir eine Reise antreten, ist das nicht vergleichbar mit einer Privatreise. Wir wohnen in Gastfamilien, gucken noch mehr hinter die Kulissen einer Kultur – einige Nächte im Kibbuz oder im „Marei“ Versammlungshaus der Maoris.

Jörn Klee: Und es gibt immer wieder Überraschungen: in Italien den Grappa zum Frühstück oder die asiatischen Gäste, die die Spülmaschine mit Kleidung befüllen. Man kann sich eben nicht vorstellen, dass das nicht für alle normal ist. Mit einigen Nationen gibt es von beiden Seiten noch Berührungsängste, gerade, wenn die Gäste kein Englisch sprechen. Und wenn man den Gästen, die eigentlich lieber in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, das Konzept erläutert, haben sich bisher eigentlich alle davon überzeugen lassen.

Was ist Ihr schönster Moment des Festivals?

Nadine Gottschalk: Wenn ich im Festumzug mitlaufe und die Zevener Straße hoch auf eine riesige Menschenansammlung gucke – das macht kurzfristig einen Kloß im Hals. Aber auch vor einigen Jahren, als Mexiko das Finale bestritten hat und alle, auch das Publikum, Arm in Arm „Ayayay“ gesungen haben.

Jörn Klee: Samstagnacht, wenn das Programm durch ist und das Feuerwerk beginnt, die Last abfällt und du locker in die Nacht gehen, mit neuen Freunden und Gästen einen Cocktail genießen und tanzen kannst. Was uns generell freut, ist, dass man auch in Hannover seitens der Landesregierung das Fest entsprechend einstuft und wir immer Unterstützung erfahren, wie jetzt durch die Schirmherrschaft von Björn Thümler. Und es kommt der Generaldirektor der Vertretung von Taiwan aus Hamburg, um seine Landsleute tanzen zu sehen.

Das Beeke-Festival

Von Mittwoch bis Sonntag, 17. bis 21. Juli, werden in der 23. Auflage des alle zwei Jahre abgehaltenen Internationalen Beeke-Festivals (IBF) Gruppen aus Chinese Taipei, Finnland, Bayern, Estland, der Slowakei, Frankreich, Brasilien und Mexiko zu Gast in Scheeßel sein. Los geht es am Mittwoch um 20 Uhr mit einem Eröffnungsabend zum Thema „Hochzeiten“ auf dem Meyerhof; am Freitag folgt ein Bayrischer Abend, am Samstag und Sonntag die großen Bühnenshows und der traditionelle Internationale Gottesdienst mit anschließendem Festumzug.

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