Gruß aus Südeuropa

Wilfried Glauch beringt Jungstörche von Bremervörde bis Jeersdorf

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In Jeersdorf bekommen die zwei Jungstörche im Storchennest auf der Wiese zwischen Kindergarten und Wümme einen „Personalausweis“ verpasst. 

Jeersdorf - Dienstagnachmittag auf der Wiese zwischen dem Jeersdorfer Kindergarten und der Wümme. Als der Steiger des Landkreises mit Wilfried Glauch anrollt, hat der Storchenbeauftragte schon einen langen Tag hinter sich. Zwölf Mal ist er gemeinsam mit Henrik Scheunemann von der Unteren Naturschutzbehörde in luftige Höhen aufgestiegen, bewaffnet mit einer Zange und einem Tuppertopf voller zweigeteilter Ringe. Das Beringen der Jungstörche – für den Ehrenamtler vom Nabu, seit vier Jahren im Amt, wohl der Höhepunkt des Storchenjahres.

Denn: Obwohl Glauch fast täglich von Anwohnern Anrufe und Statusmeldungen bekommt, etwa, wenn ein Junges aus dem Nest geworfen wurde oder ein Storchenpaar tagelang nicht gesichtet wird, so direkt vor Ort und noch dazu so nah bekommt er seine Schützlinge selten zu sehen. Seit heute Morgen ist er im gesamten Nord- und Südkreis unterwegs, von Bavenstedt über Elm bis nach Bremervörde. In Bevern musste ein Trecker das festgefahrene Fahrzeug von der Weide ziehen. Als er nach Jeersdorf kommt, nach Stemmen die letzte Station, wird er schon von Günter Putze und Wilhelm Bassen erwartet. Die beiden Anwohner, die heute extra ihre Doppelkopfrunde unterbrochen haben, hatten vor gut zehn Jahren die Aufstellung des zehn Meter hohen Horstes mit initiiert.

„Nachdem wir im vergangenen Jahr die Querarme mit Weidenholz verstärkt und ordentlich Binderfarbe verteilt hatten, hat es keine zwei Wochen gedauert, und wir hatten Bewohner“, erinnert sich Putze. Im Vorjahr hatte das Paar drei Junge, heute sind es zwei – das dritte, so hat Putze beobachtet, wurde am Pfingstmontag „über Bord“ geworfen. Aus gutem Grund, wie Experte Glauch weiß: „Entweder handelt es sich um kranke Tiere oder die Eltern wissen, dass sie, wie jetzt bei der Trockenheit, nicht alle durchbringen können, weil es nicht genügend Nahrung gibt.“

Als der Steiger sich dem Storchennest nähert, nimmt Mutter Storch Reißaus, kreist jedoch in den folgenden Minuten immer wieder um den Horst. Die Prozedur selbst dauert keine drei Minuten: Glauch inspiziert das Nest. In einem hat er heute schon Plastikschnüre gefunden, in die einer der Jungvögel eingewickelt war. „Der hätte so nie fliegen können.“ Die kleinen weiß-grauen Flauschknäuel drücken sich platt an den Boden. Gut so: „Sonst würden wir das hier beenden.“ Denn nur im Alter von vier bis sieben Wochen ist das Beringen möglich, „wenn sie zu groß sind, würden sie aus dem Nest flüchten“. Zwar segeln sie dann sicher nach unten, oft reichen die Flugkünste jedoch nicht für eine Rückkehr aus. So würde das Junge meist von den Eltern weiter gefüttert, doch nicht immer geht das Abenteuer gut aus: In einem Fall in Stemmen wurde der kleine Nestflüchter in der zweiten Nacht vom Fuchs geholt. 

Die beiden Jeersdorfer Exemplare schätzt Glauch auf vier bis fünf Wochen. Alles im grünen Bereich. Vorsichtig zieht er den ersten Vogel zu sich heran, setzt die beiden Ringhälften auf das untere Beinsegment und drückt den Ring (DE für Deutschland, W für Wilhelmshaven, der Ausgabe- und Sammelstelle der Daten) mit der Zange zu, nachdem Scheunemann den Korb aus dem Leitstand heraus in eine günstige Position gebracht hat. So kann der Vogel leicht mit dem Fernglas identifiziert werden. Erste Rückmeldungen über „seine“ beringten Störche hat Glauch bereits weitergeleitet bekommen. Aus Frankreich und Spanien haben Vogelbeobachter ihre Sichtungen gemeldet. „So kann man den Zug gut verfolgen.“ Auch anhand einer Beringung weiß man, dass einer der Elternvögel aus Fischerhude stammt. Sesshaft werden die Vögel jedoch erst nach der Geschlechtsreife, also nach drei Jahren. 

Am Ende des Tages hat Glauch 31 Störche an zwölf Stationen beringt, meistens zwei bis drei, einmal sogar vier: „Im Nordkreis konnten wir gar nicht alle Exemplare erfassen – wir hatten einfach zu wenig Ringe bekommen.“ Zugeschickt werden die Identifikationsmarken nämlich nur an ausgebildete Personen. Glauch hat seinen einwöchigen Kurs auf Helgoland absolviert. Nachdem auch Bassen und Putze einen Blick auf „ihre“ Schützlinge geworfen haben, wird es wieder still auf der Weide. Die Jungvögel sind inzwischen im Nest wieder aufgestanden, in wenigen Minuten wird die Mutter zurückkehren – die Kinderaufzucht kann weitergehen. 

hey

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