Ortschaften unter die Lupe - Westeresch

„Zukunft der Dörfer“: Hier redet auch der Bürger mit

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Ein Aushängeschild für die Ortschaft ist die längst über die Gemeindegrenze hinaus bekannte Maisfeldfete.

Westeresch - Von Karsten Müller-Scheeßel. „Unser Dorf hat Zukunft“, unter diesem Motto beteiligen sich Dörfer an einem Wettbewerb des Landes Niedersachsen. Sie putzen sich heraus und entwickeln Konzepte, mit denen sie ihre Dörfer lebenswert und attraktiv für Einheimische und in die Region Zuziehende erhalten wollen.

Aber haben unsere Dörfer tatsächlich eine Zukunft? Schulen sind längst geschlossen, Kindergärten kämpfen um ihre Existenz, die letzte Kneipe und der letzte Tante-Emma-Laden haben dichtgemacht. Die Geruchs-Emissions-Richtlinie der EU erschwert Neubauten besonders im Ortskern, weil gleichzeitig Lückenbebauung Vorrang hat. Und die Geburtenzahlen sind auch in unseren Ortschaften gesunken. Am Beispiel der elf Dörfer der Einheitsgemeinde Scheeßel soll untersucht werden, wie es konkret in ihnen aussieht. In lockerer Folge stellt Scheeßels Gemeindearchivar Dr. Karsten Müller-Scheeßel die einzelnen Dörfer vor. Heute nimmt er Westeresch unter die Lupe.

Die hohe Kunst des Parlamentarismus besteht darin, Mehrheiten für die eigenen Ideen und Pläne im Parlament und in der Bevölkerung zu finden. Je stärker die Unterstützung ist desto leichter lassen sich Veränderungen durchsetzen. In der nur wenige Kilometer von Scheeßel entfernten 500-Seelen-Gemeinde Westeresch gibt es ein Paradebeispiel dafür, wie ein grundlegender Veränderungsprozess erfolgreich gemanagt wurde. Schlüssel für den Erfolg von Flurbereinigung und Dorfentwicklung war die Art und Weise, wie die Menschen im Dorf für das Projekt mitgenommen und gewonnen wurden. 

Die Überlegungen und Gespräche dazu begannen 1997. Im darauffolgenden Jahr gab die Gemeinde Scheeßel bei der Hochschule Bremen eine Studie zur Bestandsaufnahme notwendiger Verbesserungen im Dorf in Auftrag. Zur Hilfe kam ein Investitionsprogramm des Landes Niedersachsen zur Dorferneuerung. Gelder standen also bereit. Der Ortsrat aber musste sich in zeitaufwendigen Verhandlungsrunden und Antragsverfahren um diese bemühen. Von selbst fließen keine Gelder.

Ernst Behrens wurde zum Motor

Zum Motor wurde Ernst Behrens, der seit 1997 Mitglied des Ortsrats und seit 2001 Ortsbürgermeister ist. Zusammen mit anderen Ortsratsmitgliedern erkannte er die Chancen für sein Heimatdorf und trieb den Prozess voran. Und so seltsam es klingt, die Pleite des „Westerescher Hofs“ 1999 verlieh dem Projekt einen weiteren Schub. Das Dorf wollte seinen Gasthof nicht verlieren. Man gründete einen Dörpsverein, der den Gasthof mit einem Zuschuss der Gemeinde Scheeßel erwarb und seitdem dessen Träger ist. Westeresch seinerseits verzichtete gegenüber der Einheitsgemeinde auf den Bau eines Dorfgemeinschaftshauses. Eine Win-Win-Situation: Die Einheitsgemeinde musste kein weiteres Dorfgemeinschaftshaus bauen und unterhalten und Westeresch erhielt seinen Gasthof samt Saal, für dessen Nutzung es seitdem allein zuständig ist.

Ab 2001 wurden Flurbereinigung und Dorferneuerung umgesetzt, darunter zählt die Sanierung von Straßen und Wegen, die Renovierung von Einfamilienhäusern, Unterhaltungsarbeiten an Wirtschaftsgebäuden, die Restaurierung eines Fachwerk-Torfschuppens im Ortsteil Wenkeloh, die Erneuerung des Schießstandes sowie die Neugestaltung der Dorfmitte. Bis auf die Flurbereinigung und wenige kleinere Maßnahmen war der Prozess bis 2011 abgeschlossen. Unter die noch ausstehenden Arbeiten zählt der ehemalige Schweinestall am „Westerescher Hof“, der zum Jugendraum umgebaut werden wird. Die Baugenehmigung dafür steht kurz bevor.

Einwohner beim Erneuerungsprozess mitgenommen

Das Wichtigste aber war, die Dorfbewohner für den Erneuerungsprozess zu gewinnen. Die Zuschüsse des Landes flossen nur unter der Voraussetzung von Eigenleistungen des Dorfes und seiner Bürger. Speziell bei den Sanierungen von Straßen und Wegen hatten die Bürger nicht unerhebliche Anliegergebühren zu leisten. Zur Umsetzung legte der Ortsrat ein dreistufiges Verfahren fest. In einer ersten Versammlung, zu der alle Interessenten eingeladen wurden, wurde die geplante Maßnahme vorgestellt, in einer zweiten ging es um die Kosten und in einer dritten wurde abgestimmt. Das war aufwendig, aber es hat sich gelohnt. Die Zustimmungsrate belief sich auf erstaunliche 99 Prozent.

Der große zeitliche Aufwand hat jedoch noch eine andere wichtige Folge gehabt. Im Dorferneuerungsprozess hat sich Westeresch zwar nicht neu erfunden, aber der Dorfgemeinschaft hat es gutgetan, zu erleben, was man kann, wenn viele mit anpacken. Letztlich braucht jede menschliche Gemeinschaft von Zeit zu Zeit solche Aufbruchsituationen und Erfahrungen.

Entscheidungsprozesse in überschaubaren menschlichen Gemeinwesen kommen um basisdemokratische Elemente nicht herum. Sie können und sollten nicht gegen den Widerstand der Bevölkerungsmehrheit durchgesetzt werden. Selbst bei starken Minderheiten sollte man sehr wohl bedenken, ob man Unfrieden im Dorf stiften würde. Basisdemokratisch hat man sich in Westeresch auch bei einem letzten großen Thema verhalten, der Einrichtung eines Gewerbegebiets am Wohltweg zwischen dem Ort und der Landstraße nach Zeven. Noch bevor der Ortsrat sich dazu selbst positioniert hatte, hat man die Bürger abstimmen lassen. 65,8 Prozent lehnten das Projekt bei einer Wahlbeteiligung von 58 Prozent ab – in Westeresch geborene und zugezogene Bürger gleichermaßen. Westeresch steht in dieser Hinsicht nicht allein, lehnten doch die Bartelsdorfer erst vor kurzem die Erweiterung ihres Windparks ab. Der Scheeßeler Gemeinderat schloss sich beiden Voten an.

Demografische Entwicklung als Schlüssel

Von zentraler Bedeutung für die Zukunft unserer Dörfer, nicht nur Westereschs, ist ihre demografische Entwicklung. Prinzipiell liegt Westeresch da gut im Rennen. Nach Scheeßel und zum Bahnhof sind es genauso nur wenige Minuten wie zur neuen Autobahnauffahrt in Elsdorf. Mit den Einkaufsmöglichkeiten, Kitas, Grund- und weiterführenden Schulen ist es nicht anders. Probleme macht, wie anderen Dörfern auch, die Geruchsimmissionsrichtlinie (GIRL), die besonders Lückenbebauung im Dorf erheblich erschwert, wenn nicht gar verhindert. In Westeresch sind deshalb bereits Familien abgewandert. Hoffnung macht ein jüngstes Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes, das Neubauten ermöglichen könnte, wenn dadurch die Emissionen insgesamt herabgesetzt würden. Bauinteressenten sind durchaus vorhanden. Die arbeiten nur selten im Ort, weil es neben sechs landwirtschaftlichen Vollerwerbs- und drei Nebenerwerbsbetrieben nur drei Gewerbebetriebe mit knapp 50 Arbeitsplätzen, ein Kinderheim, eine Jugendhilfeeinrichtung sowie fünf Selbstständige unterschiedlicher Berufe gibt. Die Bauwilligen, die zur Arbeit pendeln, wissen das Leben auf dem Lande mit günstigem Bauland und guter Anbindung an große Städte speziell dann zu schätzen, wenn sie Kinder haben.

Was aber bietet Westeresch selbst seinen Bewohnern? Auf jeden Fall kann man gut essen gehen. Die Küche des „Westerescher Hofs“, der inzwischen von Philipp Hayo geführt wird, ist über Westeresch hinaus als ausgesprochen gut bekannt. Der Saal des Gasthofs dient nicht nur Familien- und Vereinsfeiern, sondern ist auch Ort für die eine oder andere kulturelle Veranstaltung.

Verschiedene Vereine zur Auswahl

Und dann gibt es da natürlich die verschiedenen Vereine, in denen man sich betätigen kann. 169 Mitglieder, darunter 20 Jugendliche zählt der Schützenverein, fast 100 Aktive und Förderer hat die Feuerwehr und rund 50 Bürger sind im Dörpsverein engagiert. Obwohl es nur sechs landwirtschaftliche Vollerwerbs- und drei Nebenerwerbsbetriebe gibt, zählt die Landfrauengruppe 32 Mitglieder, weil auch andere Frauen dort mittun dürfen.

Was fehlt, ist ein eigener Sportverein. Das Angebot in Scheeßel und Jeersdorf dafür ist reichlich. Aber Tennis kann man in Westeresch spielen. Auf zwei Plätzen frönen 103 Mitglieder dem Spiel mit dem gelben Filzball. Und schließlich gibt es mit 46 Mitgliedern eine sehr ansehnliche und aktive Landjugend.

Mit der Landjugend sind wir bei der Großveranstaltung, die seit 2011 zunehmend Schlagzeilen gemacht hat und meist jüngere Menschen von weit her anzieht: die Maisfeldfete. Entwickelt hat sich die Fete aus einem Gespräch beim Bier im „Westerescher Hof“. Die Runde mittleren Alters überlegte, wie man Geld für Projekte im Ort einspielen und das Negativbild der Vermaisung unserer Landschaft aufbessern könnte. Man überließ das Projekt der Landjugend und ging 2011 erstmals an den Start. Rund 500 Feierfreudige machten die Party zu einem nicht erwarteten Erfolg. Der Gewinn floss in Projekte der örtlichen Vereine. Die Veranstaltung wuchs und wuchs, mit Jbs stieg ein potenter Sponsor ein. 2016 kamen 5000 Besucher und machten die Fete endgültig zu einem Megaevent. 

Mehr Größe bedeutet mehr Aufwand

Mit der Größe stiegen der organisatorische Aufwand, die behördlichen Auflagen, die Professionalität und damit die Kosten. 2016 waren 70 ehrenamtliche Helfer und 30 zu bezahlende Kräfte im Einsatz. Nach der Fete 2016 begannen die Überlegungen, wie es weitergehen soll. Erster Beschluss: Die Fete findet nur noch alle zwei Jahre statt. Es bleiben die Fragen, ob die ehrenamtliche Organisation das Team der Landjugend nicht überfordert und wie man Kosten und Gewinn in vernünftigem Verhältnis halten kann, damit der ursprüngliche Zweck, Geld für die Vereine Westereschs einzuspielen, noch zu erfüllen ist.

Ganz gleich wie es mit der Maisfeldfete weitergeht, Westeresch braucht seine zahlenmäßig starke und aktive Landjugend. Sie kann dazu beitragen, dass alteingesessene Jugendliche bleiben und junge Familien zuziehen.

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