Scheeßeler Paar ist seit zwei Jahren vergeblich auf Wohnungssuche

Wer suchet, der nicht findet

Seit zwei Jahren schon ist Anouschka Stooff gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten auf Wohnungsuche. „Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass es klappt“, sagt sie.
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Seit zwei Jahren schon ist Anouschka Stooff gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten auf Wohnungsuche. „Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass es klappt“, sagt sie.

Scheeßel – Anouschka Stooff (55) und ihr Lebensgefährte Adam Teben (36) sind seit fünf Jahren ein Paar und in und um Scheeßel auf der Suche nach einer neuen Mietwohnung. Fünf bis sechs Zimmer soll die Bleibe haben, schließlich sind die beiden nicht alleine. Neben Stooffs 30-jähriger Tochter Joyce und Mahmut, einem gemeinsamen Bekannten, gesellt sich noch Hund Marley hinzu. „Wir sind zwei weiße Frauen und zwei schwarze Männer“, erzählt die Scheeßelerin – und nennt damit auch schon das Problem beim Namen.

Denn obwohl Stooff und ihr Partner schon seit zwei Jahren unaufhörlich den Wohnungsmarkt nach geeigneten Immobilien durchforsten, „gefunden haben wir bisher nichts“, zieht die Mittfünzigerin, die sich ehrenamtlich bei der Scheeßeler Tafel-Ausgabestelle engagiert, ein ernüchterndes Resümee. „Nicht, dass es in all der Zeit keine Objekte, die optimal für uns gewesen wären, gegeben hätte, nur sobald mein Freund ins Spiel kommt, ist bei den Anbietern gleich sofort Sense.“ Und das, ist sie überzeugt, liege einzig und allein an der Hautfarbe.

Oft sei sie in der Vergangenheit zu Wohnungsbesichtigungen eingeladen worden. „Wenn ich da alleine hingehe, ist auch noch alles okay“, sagt Stooff. Anders würden jedoch die ihr bekannten Wohnungseigentümer und Makler reagieren, wenn sie zur Zweitbesichtigung ihren Partner, der vor sechs Jahren aus dem Sudan nach Deutschland geflüchtet war, mitnimmt. „Da bekommen wir es schon mit Rassismus zu tun – nicht offen ausgebreitet, sondern unterschwellig.“ Anders könne sie es sich nicht erklären, warum diese oder jene Wohnung plötzlich doch nicht mehr zur Verfügung steht. „Man sieht es auch sofort in den Augen der Leute – die erfinden dann irgendwelche Geschichten.“

Kennen- und liebengelernt hat sich das Paar über die Scheeßeler Flüchtlingsarbeit. Stooff gab einer Gruppe Sudanesen seinerzeit Deutschunterricht. Einer ihrer Schüler hieß Adam Teben, der heute im Sottrumer Rewe-Lager beschäftigt ist. „Natürlich war mir von Anfang an klar, dass die Leute über uns reden werden, auch weil unser Altersunterschied ja nicht gerade unerheblich ist, aber das ist mir egal“, betont Stooff.

Sprüche wie „Du solltest dich von so einem besser fernhalten“ oder „Du bist ja eh nur mit dem wegen der Aufenthaltsgenehmigung zusammen“ habe sie sich schon oft anhören müssen – selbst aus dem eigenen Freundeskreis. Und auch mit Pöbeleien seitens wildfremder Menschen auf offener Straße habe sie schon Erfahrung gemacht.

„Wir führen dabei aber doch nicht weniger als eine ganz wundervolle, respektvolle Beziehung, in der unsere unterschiedlichen Kulturkreise – er ist Moslem, ich Christin – überhaupt kein Hindernis sind; ganz im Gegenteil“, erzählt sie in schwärmerischem Ton und ergänzt: „In einem Dorf wie Scheeßel ist man eben auch nicht so weltoffen wie in Hamburg zum Beispiel, wo über binationale Partnerschaften kein Mensch mehr redet.“ Sie müsse eben mit gewissen Vorurteilen, ja sogar rassistischen Tendenzen leben – auch wenn es mit der Wohnungssuche bislang nicht so geklappt hat, wie sich das Paar das vorgestellt hat.

Stooff berichtet von einem Erlebnis aus der ersten Zeit, das ihr lange zu denken gegeben habe, und inzwischen zu so etwas wie einem Schema geworden sei. „Erst war der Hauseigentümer ganz begeistert, hat mir richtiggehend Hoffnung gemacht“, erinnert sie sich. „Nachdem er aber Adam kennengelernt hatte, rief er mich zwei Tage später an mit der Aussage, es würde wegen dem Hund doch nicht klappen.“ Auf ihre Nachfrage hin habe der Mann sich in fadenscheinige Ausreden verstrickt, um ihr am Ende doch noch mitzuteilen, dass seine plötzliche Absage auch etwas mit den Nachbarn zu tun habe. Die Scheeßelerin seufzt. „Mir wäre es wirklich lieber, wenn mir die Leute gleich ins Gesicht sagen könnten, was Sache ist – damit kann ich besser umgehen als dieses Hintenrum.“ Lockerer würde indes ihr Lebensgefährte mit solchen Erlebnissen umgehen. „Adam ist ein ruhiger, besonnener Mensch, der seit seinem 14. Lebensjahr auf der Flucht war – er hat in seinem Leben wirklich schon sehr viel Schlimmeres erlebt.“

Just in diesem Moment bekommt Anouschka Stooff über „eBay“ eine neue Wohnungsannonce aufs Handy gespielt. Sechs Zimmer auf 150 Quadratmetern – in Waffensen. „Das wäre wirklich optimal“, befindet sie. Lange werden sie, ihr Partner und die restlichen Mitbewohner, die alle einer Arbeit nachgehen, nicht mehr in der alten Wohnung im Scheeßeler Heideweg leben können – das Haus, sagt sie, sei mittlerweile verkauft worden, die neuen Besitzer hätten damit eigene Pläne. „Bis zum Jahresende müssen wir dort raus sein, wir stehen jetzt also ein bisschen unter Zugzwang“, schildert sie das Dilemma.

Und wenn es bis dahin mit einer neuen Bleibe irgendwo in der Region immer noch nichts werden sollte? „Bevor wir auf der Straße sitzen oder in eine Obdachlosenunterkunft einziehen müssen, können wir hoffentlich noch ein wenig länger bleiben“, sagt die 55-Jährige, während sich ihre Miene zum ersten Mal ein klein wenig verfinstert. Und ergänzt: „Vielleicht hat ja hier in der Umgebung doch noch jemand ein Haus oder eine große Wohnung für uns und mag sich bei mir melden.“

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