Flotte Sohle aufs Parkett

Tanztee im Scheeßeler Hof: Wenn die Ida mit dem Willi

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Darf ich bitten: Der Tanztee ist nicht nur ein Ort der Bewegung. Mit jeder Drehung können neue Bande geknüpft werden.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Sonntag im Scheeßeler Hof, kurz nach 15 Uhr. Schlagermusik füllt den Saal. „Du hast mich tausendmal betrogen“, schmachtet Miguel Pollack durch das Mikro. Er ist die Ein-Mann-Kapelle. Alles, was er an Instrumenten braucht, ist ein Keyboard.

Die ersten Paare, allesamt schon etwas älteren Semesters, tanzen Discofox. Andrea Berg, das geht immer. Rund um die Tanzfläche sind die Tische mit Kaffee und Kuchen eingedeckt. Gemütlich und nostalgisch, ein wenig wie aus der Zeit gefallen, wirkt der Tanztee.

Was macht man an einem Sonntagnachmittag? Den Kater auskurieren? Im Wald spazieren gehen? Mit den Enkelkindern spielen? Durchs TV-Programm zappen? Sich langweilen? Etwa 60 „Silver Ager“, wie Senioren heutzutage auch gerne genannt werden, wissen mit ihrer Zeit Besseres anzufangen: Sie tanzen. Vor einem Monat hatte Gastronomin Margitta Meyer vom Scheeßeler Hof zum ersten Tanztee eingeladen. Damals, kurz nach der Wiedereröffnung, seien etwa nur 15 Paare gekommen, sagt sie. Heute ist das anders. „Die Nachfrage ist einfach unglaublich, es scheint sich langsam herumzusprechen.“

Auf die Frage nach dem Ursprung der Veranstaltung, die nun an jedem ersten Sonntag im Monat einen festen Termin gefunden hat, berichtet Meyer, dass Stammgäste ihres ehemaligen Lokals in Appel sie regelrecht gepiesackt hätten, dieses Experiment doch mal zu wagen. „Warum eigentlich nicht?“, habe sie sich schon damals gedacht. Der Erfolg gibt ihr jedenfalls recht. Dabei würde sie sich durchaus auch etwas mehr jüngeres Publikum wünschen.

Disco-Fox bestimmt den Rhythmus

Zurück auf der Tanzfläche: Nicht nur der obligatorische Disco-Fox bestimmt den Rhythmus. Mit Hingabe wiegt sich manches Paar im Walzerschritt. Die Hüften und Knie funktionieren wie in jungen Jahren. Vom Schulterschwung wird allerdings abgesehen. Der typische unangenehme Tanzschuleffekt – Paare, die nicht auf die Musik hören, sondern verkniffen Schrittfolgen abarbeiten – ist nicht zu beobachten.

„Hier herrscht ein angenehmes Flair, das Personal ist richtig nett und die Musik nicht zu laut“, sagt Walter Götze. Eben noch hat er seine Frau Christa, mit der er mehr als 50 Jahre verheiratet ist, leidenschaftlich übers Parkett geführt. „Wenn Andreas Gabalier gespielt wird, kann der Kaffee auf dem Tisch ruhig kalt werden“, meint diese mit einem Lächeln auf den Lippen. Auch am Nachbartisch ist man angetan. „Es ist einfach eine schöne Atmosphäre“, findet Angelika Martin. 

Sie und Gerhard Voß, ihr Lebensgefährte, haben sich eigens aus Rotenburg auf den Weg gemacht. Kaum einen Tanzball in der Region, den das Paar noch nicht einen Besuch abgestattet hat. Auch bei den regelmäßigen Tanztees in Heidenau sind sie Stammgäste. Dass die beiden in dem Gewimmel auffallen, hat seinen Grund. Haltung, Rhythmus, Konzentration verraten den Profi: „Wir sind schon seit vielen Jahren in der Tanzsportabteilung des TV Scheeßel aktiv“, gibt Angelika Martin zu.

„Wir wollen uns bewegen“

Willi und Ida Duden verlassen Tisch und Kaffeegedeck, um den Discofox mitzunehmen. Der heute mit Abstand beliebteste Tanz, weiß Musiker Miguel Pollack, der, wenn er nicht gerade mit seiner Kapellenpartnerin Anna auf irgendwelchen Silberhochzeiten und Schützenfesten spielt, das EWE-Telekommunikationsgeschäft an der Harburger Straße leitet. „Mit AC/DC brauch‘ ich auf so einer Veranstaltung gar nicht erst ankommen“, sagt er.

„Wir wollen uns bewegen“, macht Rentnerin Ida Duden klar, warum sie heute hier ist. Und ist sich mit ihrem Mann sicher: „Tanzen hält fit“. Früher, in ihrer Jugend, habe es in Scheeßel noch drei Säle gegeben, wo regelmäßig eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt worden sei. Das waren noch Zeiten!“, erinnert sich das Paar. In ihren Stimmen schwingt Wehmut mit.

Ein Blick auf die Armbanduhr zeigt, dass der Nachmittag zu Ende geht. Nach drei Stunden Bewegung, denn kein Tanz wird ausgelassen, begeben sich etwa 60 fröhliche Menschen auf den Heimweg. Verabredungen werden getroffen, wenn es in vier Wochen unter anderem wieder heißt: „Du hast mich tausendmal betrogen“.

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