Weltenbummler Rainer Bassen aus Westervesede radelte im Juni in 13 Tagen von Minsk nach Moskau

1217 Kilometer fest im Sattel

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Abenteuerradler Rainer Bassen brauchte inklusive Erlebnis-Stopps nur 13 Tage von Minsk nach Moskau. Eine Ruhepause auf dem Roten Platz und sechs anschließende Sightseeing-Tage in der Weltmetropole hatte sich der Westerveseder also redlich verdient.

Westervesede - Von Lars Warnecke. 13 Tage , zwei Länder, 1217 Kilometer – und das mit dem Fahrrad. So sieht die jüngste Osteuropa-Reise von Rainer Bassen (48) aus. Während seiner Tour, die er Anfang Juni begann und die ihn vom weißrussischen Minsk bis nach Moskau führte, ging der Westerveseder Weltenbummler durch Höhen und Tiefen, sammelte eine Vielzahl an Eindrücken und machte neue Erfahrungen und Bekanntschaften. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt er davon.

Herr Bassen, andere fliegen oder trampen – Sie haben die beträchtliche Strecke von Minsk nach Moskau mit dem Fahrrad zurückgelegt. Wie wahnsinnig muss man dafür sein?

Rainer Bassen: Das Radreisen Richtung Osteuropa hat sich stetig entwickelt. Erst Polen, dann die baltischen Staaten, das russische Kaliningrad, vor drei Jahren von Helsinki über St. Petersburg nach Tallin. Ich habe mich mit den Ländern angefreundet und wollte einfach ein Stück weiter in Russland einfahren. Moskau ist nicht weit, seit Jahren erzähle ich von meinem Traum, einmal mit dem Rad auf dem Roten Platz anzukommen und ein Foto mit Selbstauslöser zu machen. Wenn du allerdings dort zwischen Tausenden von Touristen stehst, ist das plötzlich gar nicht mehr so etwas Besonderes. Auch zig Radfahrer haben in den Jahren Moskau angesteuert – ich habe also keinen Matthias-Rust-Status. Dazu hätte ich 30 Jahre früher los müssen.

 

Wie haben Sie sich auf diese Extremtour vorbereitet?

Bassen: Sagen wir lieber außergewöhnlich statt extrem. Moskau sollte das Ziel sein, das ich in zehn bis 14 Tagen mit jeweils etwa 100 Tageskilometern erreichen kann. Mit dem Finger auf der Landkarte bot sich Minsk an, das flott mit dem Flieger zu erreichen ist. Mit Fritz Klöttschen, Holger Röttger und Christa Radde haben mich hiesige Organisatoren der Hilfsgüterversorgung für die weißrussische Gomel-Region mit etlichen Infos versorgt und mir sehr gute Kontakte nach Belarus vermittelt. Für Russland war es schwieriger zu planen. Mein ebenfalls radreisender Onkel hat letztendlich einen Zufallskontakt im Internet aufgestöbert, der sich im Laufe der Tour zu einem Goldschatz entpuppte.

Wie sind Sie am Beginn Ihrer Reise zurechtgekommen?

Bassen: Der erste und einzige mulmige Moment war die Einreise-Passkontrolle am Flughafen Minsk. Die junge Kontrolleurin fingerte eine Weile in meinem Pass herum und setzte eine Uhrmacherlupe ins Auge, mit der sie gewissenhaft nach Fälschungen suchte. Fragender Blick zu einer weiteren Kollegin, dann das erlösende Knallen des Stempels auf den Visumaufkleber. Die 49 Kilometer vom Airport zu meinem vorgebuchten Hotel waren mit gutem Stadtplan dann kein großes Ding mehr.

Sie haben viele verschiedene Regionen bereist. Gibt es einen Ort, der Ihnen besonders gut gefallen hat?

Bassen: Jeder Ort hat seine Reize – einladende und ausladende. In Weißrussland gehört das Biosphärenreservat südwestlich der Stadt Lipiel zu den unberührtesten Naturregionen mit dem saubersten Wasser und der saubersten Luft im ganzen Land. In Russland gefiel mir zum Beispiel die 9000-Einwohner-Kleinstadt Tarusa, sie liegt etwa 150 südlich von Moskau am Oka-Fluss. Dort bin ich bei strahlender Sonne angekommen, habe leicht touristisches Flair, einen gepflegten Stadtkern und das malerische Ufer an der langgezogenen Flussschleife genossen. Viele Dörfer haben ihren eigenen Charme – du musst nur genau hinsehen und entdecken, was Menschen in liebevoller und filigraner Kunst in versteckten Ecken geschaffen haben.

 

Wissenschaftler sagen, die maximale Geschwindigkeit, in der ein Mensch seine Umgebung bewusst wahrnehmen kann, liegt bei maximal 25 bis 30 Kilometern in der Stunde...

Bassen: Die wissenschaftliche Ermittlung hätte ich gerne begleitet. Ja, die Reisegeschwindigkeit pendelt irgendwo zwischen 15 und 35 km/h, das Geländeprofil meiner Route ist nur sanft-hügelig und für einen geübten Radler keine übergroße Anstrengung. Bei mehr als 2000 Fotos und einigen Stunden Filmaufnahmen muss ich ja ab und zu angehalten sein und etwas wahrgenommen haben. Der Reiz liegt in der Bewältigung des ‚Radleralltags‘: sich orientieren, verständigen, verpflegen und irgendwo unterkommen. Noch mehr zählt die Begegnung mit den Menschen – die Kilometer fahre ich ja nur, um voran zu kommen.

Hatten Sie nicht manchmal auch den Wunsch, aufzugeben und einfach nach Hause zurückzukehren?

Bassen: Niemals! Obwohl – wenn es zwei Wochen durchgehend geregnet hätte, vielleicht (grinst).

 Was waren die schwierigsten und die beeindruckendsten Erfahrungen während Ihrer Reise?

Bassen: Ich war in vielen Details gut vorbereitet und unterwegs ist vorausschauendes Fahren und Denken angesagt. Es gab nur eine Unsicherheit an der Grenze. Man wollte mir keine neue Migrationskarte für Russland geben; die belarussische sei auch für Russland gültig. Ich wusste das vorher nicht, auch sonst keiner meiner Informanten. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn du in zwei Ländern unterwegs bist, in denen Kontrolle fast allgegenwärtig ist. Sehr beeindruckt haben mich vielerorts die künstlerische und architektonische Kreativität an Bauwerken. Mit Pfiff und Aussagekraft glänzen viele Plätze, Monumente und Skulpturen. Baumeister aus aller Welt haben sich in den Jahrhunderten in den östlichen Metropolen getummelt. Außerdem habe ich Geschichte zum Anfassen erlebt. In einer zufälligen Begegnung hat mich ein ehemaliger russischer Offizier, der vor Jahren als Ringer in der russischen Olympia-Mannschaft gekämpft hat, zu sich nach Hause eingeladen. Er lebt quasi in einem Museumshaus mit etlichen Dingen, die deutsche Soldaten im zweiten Weltkrieg hinterlassen hatten. Vom Essbesteck über die Feldpostkarte bis hin zum kleinen Schützenpanzer im Garten ist dort alles zu sehen. In einem Fotoalbum sehe ich ihn beim Anlegen von Gräbern, in denen Skelettfunde deutscher Soldaten ihre letzte Ruhestätte bekommen haben. Das Größte aber war die in beiden Ländern überwältigende Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit, die mir entgegen gebracht wurde.

 

Neben dem Radfahren und dem Erkunden der Landschaft haben Sie sicherlich noch viele weitere neue Menschen kennengelernt. Was können Sie über Ihre Begegnungen berichten?

Bassen: Tamara Anikeeva aus dem 80 Kilometer von Minsk entfernten Lebedewo engagiert sich seit 25 Jahren für die Versorgung der Region Gomel mit Hilfsgütern aus Deutschland, darüber hinaus hat sie etlichen Kindern aus Weißrussland die Teilnahme an Ferienzeiten hierzulande ermöglicht. Es ist ein kleiner Segen für die Familien, über die so viel Leid mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl eingefallen ist. Ich hatte die zweite Übernachtung in Tamaras Haus. Sie hat mir in die Kamera erzählt, wie sie den Gau am 26. April 1986 in Gomel erlebt hat. Ich spüre das Beben in ihrer Stimme – Gänsehaut bei mir. Alexei war mein Fahrrad-Guide im Biosphärenreservat, Valentin Schakuro hat mir umfassend das Umsiedler-Häuserpark-Projekt in Stary Lipiel erklärt. Und in Russland habe ich mit Elena Schechowa, Igor Ivakhnenko, Anatoly Ivantnenko und Helen Potapowa wunderbare und fürsorgliche Guides gehabt, die mir Moskau ausführlich gezeigt und etliche Informationen gegeben haben. Sie alle sind Mitglied der Organisation ‚Bike for peace‘ – die mein Onkel Walter Bassen via Internet in Kaiserslautern gefunden hat. Ich bin unendlich dankbar für dieses Mich-an-die-Hand-nehmen.  

Ihr Ziel war die „grenzenlose Freiheit“ kennenzulernen. Haben Sie das geschafft?

Bassen: Die physikalischen Landesgrenzen gibt’s ja leider immer noch. Dennoch: Diese 19 Tage haben den Hauch von Abenteuer und Freiheit. Du bestimmst und entscheidest den Tag nur für dich, bist nur für dich da, brauchst auf niemanden zu hören – bist aber auch allein für dich verantwortlich. Ich habe es geschafft, viel zu sehen, an malerischen Plätzen zu verweilen und Begegnungen mit Menschen einzufangen – das alles ist unvergesslich konserviert. In dem Erzählen darüber spüre ich meine Begeisterung, ein tolles Gefühl.

 

Können Sie eigentlich noch einen Radausflug in Ihrer Heimat genießen oder fehlt da das Abenteuer?

Bassen: Ja klar geht das. Drauflosfahren ohne Denken und Planen zu müssen, hat auch was. Und in der Abwechslung liegt die Bereicherung. Unsere Landschaften sehe ich genauso gern. Nur den Radweg von Westervesede nach Scheeßel meide ich – der ist eine Katastrophe im Vergleich zu den meisten Routen in Russland.

 

Welches Resümee können Sie insgesamt von Ihrer Reise ziehen?

Bassen:  Ich bin froh, mir diesen Tour-Traum erfüllt zu haben und dankbar für die vielen ‚zufälligen‘ guten Kontakte, durch die ich so viel gesehen und erlebt habe. ‚Wer fragt, der führt‘ heißt es. Ich gehe offensiv auf Menschen zu, das ist einer meiner Schlüssel fürs Weiterkommen. Wer mit einem Lächeln freundlich fragt, bekommt in den seltensten Fällen eine Abfuhr. Weißrussland und Russland sind helle und sehenswerte Länder, die einen Besuch lohnen.

 

Was ist das nächste Ziel?

Bassen: Erstmal etwas Heimatnahes. Und irgendwann wieder weiter weg. Mein russischer Freund Anatoly hat von seinen Radtouren in Sibirien und auf dem zugefrorenen Baikalsee geschwärmt. „Google maps“ sagt, der See sei 7509 Kilometer von hier entfernt. Ein Traum!

Zur Person: Seit dem Jahr 2001 unternimmt Rainer Bassen Radreisen in den Osten – angefangen durch die neuen Bundesländer, später folgten Polen, das Baltikum mit Litauen, Lettland und Estland. Kurz darauf machte sich der 48-Jährige mit dem Fahrrad auf die Überquerung der Kurischen Nehrung nach Kaliningrad und – 2012 – unternahm er eine 1145 Kilometer lange Tour von Helsinki ausgehend über St. Petersburg bis nach Tallin. Der Sparkassenbetriebswirt ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. In seiner Freizeit spielt er Fußball beim SV Westervesede und betätigt sich als Foto- und Filmkünstler. Karnevalisten kennen Rainer Bassen auch als Präsident des Veeser Rosenmontagsvereins.

 

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