Vortrag in Scheeßel über naturnahe Beweidung auf Naturschutzflächen

Wasserbüffel sind eine Option

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Der Vorstand des SPD-Ortsvereins Scheeßel, Johannes Hillebrand (v.l.), Ökologe Hans-Georg Wagner und SPD-Mitglied und Initiator Jürgen Wahlers.

Jeersdorf - Von Stefanie Heitmann. Weide- oder Ackerland, das plötzlich Naturschutzgebiet ist: Für Bauern aus dem Landkreis Rotenburg ist das kein theoretisches Szenario, sondern Realität. 6,7 Prozent der Fläche des Landkreises sind als Naturschutzgebiet deklariert, eine landwirtschaftliche Nutzung ist dort nicht möglich. Bei einem Vortrag am Freitagabend im Jeersdorfer Hof stellte der Ökologe Hans-Georg Wagner Möglichkeiten zur Nutzung der geschützten Flächen und Wege der finanziellen Förderung vor.

Auf Wiesenflächen, die nicht intensiv als Weideland genutzt werden, siedeln sich seltene Tier- und Pflanzenarten an und die Artenvielfalt nimmt zu. Um das Verschwinden vieler Organismen zu verhindern, wurde deshalb 1992 in Brüssel die Richtlinie 92/43/EWG zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen – auch als Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (kurz FFH-Richtlinie) bezeichnet – von den damaligen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union einstimmig verabschiedet. Damit verpflichteten sich die Unterzeichner, Naturschutz-, Vogelschutz-, Landschaftsschutzgebiete oder Nationalparkflächen auszuweisen. All diese Schutzgebiete werden als „Natura 2000“ zusammengefasst.

Auch Deutschland hat den Vertrag ratifiziert, doch die korrekte Umsetzung und Sicherung hinausgezögert. Weil keine Ausweisung besonderer Schutzzonen vorgenommen wurde, wurde Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. „Das kann sehr viel Geld kosten“, sagte Hans-Georg Wagner, der auf Einladung des SPD-Ortsverbands Scheeßel referierte. „Durch die Verzögerung könnte eine Strafe von 800.000 Euro pro Tag für die vergangenen acht Jahre anfallen. Begründet wird vom deutschen Staat die Nichteinhaltung mit Personalmangel, doch die Situation ist seit 25 Jahren bekannt“, so der Experte weiter.

Derzeit sieht es deshalb für die ausgewiesenen Flächen im Land schlecht aus: Laut dem offiziellen FFH-Prüfbericht von 2013 befindet fast die Hälfte aller Schutzgebiete in einem schlechten und rund 30 Prozent in einem ungünstigen Zustand. „Das gilt auch für die Region rund um Rotenburg und Scheeßel“, so Wagner. Im Landkreis Rotenburg sind rund 13 Hektar Fläche als Schutzgebiete ausgewiesen. Das entspricht 6,7 Prozent der Fläche des Landkreises und liegt deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 10,5 Prozent. Um dies zu verbessern, hat der Experte zusammen mit anderen Wissenschaftlern ein besonderes Konzept entwickelt: die extensive Beweidung. Diese Art der Nutzung von zu schützenden Flächen steigere die Artenvielfalt. Und dies habe nicht nur einen Vorteil für die Natur. „Durch die Ansiedlung verschiedener Weidetiere wie Pferde erhöht sich auch die Zahl an diverser Pilzarten. Diese können etwa zur Entwicklung von Medikamenten gegen multiresistente Keime, die nicht mehr durch Antibiotika zu bekämpfen sind, beitragen.“ Und: „Seltene Tierarten wie etwa der Trappenvogel siedeln sich wieder in Deutschland an. Auch Pflanzenarten, die es in Deutschland etwa nur noch an einem einzigen Standort gab, können sich wieder ausbreiten.“ Zudem seien die Flächen für die Bauern auch nicht „verlorene Brachen“, da durch den Nachweis von seltenen Tier- und Pflanzenarten Fördergelder winkten. Doch an diesem Punkt waren die Landwirte skeptisch. „Durch die Ausweisung vieler Flächen als Schutzgebiete ist Vertrauen verspielt worden“, sagte Jörn Ehlers, Vorsitzender des Landvolk-Kreisverbands Rotenburg-Verden. Die FFH-Richtlinie sei von den Behörden als Kann-Regelung dargestellt worden, nun stelle sich heraus, dass die Ausweisungen rechtlich bindend sind. Das Biotop sei deshalb ein Feindbild des Landwirts. Vielen Bauern würde bei Teilen ihres Landes die Nutzung eingeschränkt oder gar untersagt, und einen Dialog etwa mit Vertretern des Landkreises gebe es nicht wirklich.

Wagner schlug beispielsweise für wiedervernässte Moorgebiete Alternativen vor: „Zum einen könnten Pufferzonen eingerichtet werden. Etwa durch eine spezielle Bepflanzung. Zum anderen könnten die nassen Weiden trotzdem genutzt werden. Für Wasserbüffel sind sumpfige Wiesen kein Problem.“ Natürlich sei dies mit weiteren Kosten verbunden, doch durch die Beantragung verschiedener Fördermittel könne dies aufgefangen werden: „Naturschutz ist von der Gesellschaft gewollt, dann muss auch vermittelt werden, dass das Geld kostet.“

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