Die Vorsitzende der Herzen

Frauen an der Spitze: Christine Behrens leitete jahrelang die Geschicke des Heimatvereins Scheeßel

Zwölf Jahre lang leitete Christine Behrens die Geschicke des Heimatvereins Scheeßel. Heute sagt die 83-Jährige: „Wie war so reich mein Leben.“ - Foto: Warnecke

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Nein, an der Spitze steht die zierliche Frau mit dem immer verschmitzten Lächeln auf den Lippen schon länger nicht mehr. Genau: Seit drei Jahren, seit sie ihr doch so ans Herz gewachsene Ehrenamt niederlegte. Und doch hat sich ihr Name ins kollektive Gedächtnis gebrannt wie kaum ein zweiter, und das weit über Scheeßels Gemeindegrenzen hinaus. Zwölf Jahre lange war Christine Behrens (83) dort, wo sie einfach hingehörte, wo sie für viele Jüngere gefühlt schon immer war: an der Spitze des Heimatvereins „Niedersachsen“ Scheeßel. Die Hände in den Schoß will und kann die ehemalige Vorsitzende aber auch heute nicht, wie sie beteuert.

Christine Behrens sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnstube. Im Kaminofen flackert ein Feuer. Hinter ihr, an der Wand, hängt ein echter Ernst Müller-Scheeßel – jenem Künstler mit Scheeßeler Wurzeln, um dessen Andenken sie stets zu wahren bemüht war. Und natürlich dem des Werbegrafikers Heinz Fehling. Richtet man den Blick aus dem Fenster, erspäht man schräg gegenüber den Meyerhof, ihre alte Wirkungsstätte, auf dem in diesen Wochen und Monaten ein neues Informationsgebäude in der Entstehung ist. Auch das ein Mitverdienst von Behrens, die ihrem Nachfolger, Uwe Wahlers, ein vom Museumsverband für Niedersachsen und Bremen zertifiziertes Heimatmuseum hinterlassen hat. „Das war neben der Genehmigung des Personalkostenzuschusses das Höchste, was ich erreichen konnte“, kommentiert sie die Tatsache, dass dank ihres Engagements das Museum inzwischen schon seit einiger Zeit nach anerkannten und geprüften internationalen Qualitätsstandards arbeitet.

Gerade blättert Behrens sich durch einen dicken Papierstapel. Sie hat ihre Memoiren verfasst. Ein Titel fehlt noch. „,Alles geschafft‘ wäre doch ein passender Name, finden Sie nicht?“, sagt die 83-Jährige. Und da ist es wieder, dieses berühmte verschmitzte Lächeln.

Offizielle Anlässe eher gemieden

Vordergründig mag es eher ruhig um Behrens geworden zu sein. Offizielle Anlässe hat sie schon eher gemieden, auch in den Jahren zwischen 2003 und 2015, in denen sie die Vorsitzende war – solange sie nicht „ihr“ Heimatmuseum betrafen. Daran ändert auch ihr Amt als Ehrenvorsitzende nichts, das ihr der Verein nach ihrem Abgang im Frühjahr 2016 verliehen hatte. Doch wer einen Blick in ihr Arbeitszimmer wirft, stellt fest: Diese Frau, ehrgeizig wie sie nun einmal ist, macht weiter. Trotz ihres betagten Alters. „Es muss ja irgendwie“, kommentiert sie ihren unermüdlichen Arbeitseifer.

Gegenwärtig sitzt Behrens an einem neuen Buch, welches im kommenden Herbst erscheinen soll. Darin geht es ums Weben, Spinnen und Klöppeln – alte Handwerkstechniken, die seit 40 Jahren in Scheeßel wieder praktiziert werden, in Kursen, die natürlich Behrens ins Leben gerufen hatte.

Eine große Wissbegierde

Wie so vieles in den zurückliegenden Jahrzehnten. Die Anlagen auf dem Meyerhof und dem Heimathausgelände tragen weitestgehend ihre Handschrift. Kaum etwas, wo Behrens nicht ihre Finger mit im Spiel hatte. Und ihr 2003 verstorbener Gatte Friedrich, der neben seinem Amt als Bauausschussleiter über viele Jahre die Vereinsgeschicke gelenkt hatte. Christine Behrens, die gelernte Damenschneiderin, geboren und aufgewachsen in Rüspel bei Elsdorf, geriet quasi von außen in diese Kreise hinein. „Als ich nach Scheeßel gezogen bin, habe ich wie eine Besessene alles gelesen, was mir zur Ortshistorie in die Finger kam“, erinnert sie sich. Die große Wissbegierde habe wohl auch mit ihrer körperlichen Behinderung zusammengehangen, mutmaßt Behrens. Als junge Frau erkrankte sie an Polio, an den Folgeschäden leidet sie bis heute.

Von Beginn an habe sie ihrem „Fidi“ zur Seite gestanden, erzählt sie. Als Schriftführerin, als Galeristin, als Kursleiterin, als Kontaktperson zu übergeordneten Verbänden sowie bei Führungen – 30 Jahre lang. Als dieser sich aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder zur Wahl des Vorsitzenden aufstellen ließ, übernahm kurzerhand Sohn Reinhard das Ruder. 2003 schlug schließlich ihre große Stunden: Ohne eine einzige Gegenstimme hievten die damals noch 500 Mitglieder „ihre“ Christine ins höchste Amt, wie auch bei den Folgewahlen. „Es gab ja auch keinen anderen, der so eng mit dem Verein verwachsen war wie ich“, sagt sie. Dreimal wiederholte sich dieses Prozedere, bis vor drei Jahren Schluss war. „Mir standen immer viele Leute zur Seite, die mich verstanden haben und sich freuten, wenn ich eine neue Idee hatte“, blickt Behrens zurück.

„Es musst ja alles immer Hand und Fuß haben, was die Finanzierung betrifft“

Und die hatte sie, ohne Zweifel. Schließlich, sagt die Verdienstkreuzträgerin am Bande, „soll in einem Museum ja auch Leben stecken“. Dafür habe sie keine Anstrengungen gescheut, Überzeugungsarbeit zu leisten. „Es musst ja alles immer Hand und Fuß haben, was die Finanzierung betrifft.“ Sie knüpfte Kontakte, aktivierte deutschlandweit Verbindungen, um ihrem Ziel eines Museums mit überörtlichem Charakter näher zu kommen – Schritt für Schritt.

Mit Ausstellungen im Kunstgewerbehaus und Führungen durch die Fachwerkgebäude, die auf ihr Geheiß hin auf Vordermann gebracht wurden, brachte sie Gästen das überlieferte Brauchtum des Beeke-Orts näher – meistens „up Platt“, jener Sprache, auf der sie allwöchentlich auch in dieser Zeitung einen Schwank zu erzählen weiß, und das fast auf den Tag genau seit 20 Jahren.

Dankbar sei sie für die Jahre als Vorsitzende, in denen sie mit „so vielen namhaften Persönlichkeiten“ zu tun gehabt hätte, die ihr sonst nie über den Weg gelaufen wären. Der ehemalige CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht zum Beispiel. Oder SPD-Politiker Karl Ravens, ja sogar die volkstümliche Sängerin Maria Hellwig, die einmal den Meyerhof als Showkulisse nutzte, oder aber der berühmte Musiker James Last.

Wie man sie in Erinnerung behalten soll? „Als die gute Seele des Heimatvereins“, meint Christine Behrens. Es wäre wohl sicher auch der passendste Titel für ihre Memoiren.

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