Ein Vormittag für den guten Zweck

Eichenschüler verjüngen Fahrerpool der Tafeln

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Anpacken für den guten Zweck: Domenic Rathjen (v.l.) und Michel Matthies helfen Günter Saxer beim Ausladen des „Tafel“-Fahrzeugs nach der Samstagstour.

Scheeßel - Samstagmorgen, 9 Uhr: Während viele Altersgenossen von Michel Matthies noch die Partynacht vom Vorabend wegschlafen, steht der 17-Jährige pünktlich am Treffpunkt. Gleich wird Jochen Bannier, Fahrer und Fahrdienstleiter der Scheeßeler Ausgabestelle der Rotenburger Tafel, mit dem weißen „Dienst“-Kastenwagen der Tafeln um die Ecke biegen.

Gemeinsam werden sie drei Stunden lang auf Tour sein zwischen Zeven, Rotenburg und Scheeßel, werden bei Supermärkten den ersten freien Mitarbeiter fragen: „Guten Tag, wir sind von der Tafel. Haben Sie heute etwas für uns?“ „Die meisten kennen uns schon“, meint Domenic Rathjen aus Jeersdorf, der genau wie sein Mitschüler einen Vormittag pro Monat als Beifahrer auf Achse ist und Kisten ein- und auslädt.

Wie die beiden Eichenschüler zum Ehrenamt gekommen sind? Eigentlich durch einen Zufall. Die Ableistung ihrer 25 Stunden für ein sozialpraktisches Schulpraktikum war für die zwei Eichenschüler nicht die erste Wahl. Erst durch die Liste der betreuenden Lehrerin kamen sie auf die Tafel – und blieben. Vorstandsvorsitzender Günter Saxer kennt kurzfristige Anfragen schon: „Die Tafel arbeitet ja eher im Hintergrund.“ Und das sei gut so – nicht nur Kunden, sondern auch die „Geber“ hätten ein Recht auf Vertraulichkeit. „Jeder ehrenamtliche Helfer verpflichtet sich zu Anfang schriftlich zur Verschwiegenheit“, erklärt Saxer.

Drei Stunden im Monat

Als die beiden gefragt wurden, ob sie weiter machen wollen, sagten sie „Ja“. „Drei Stunden monatlich für einen guten Zweck zu investieren, ist ja so gut wie nichts“, meint Michel Matthies, und Domenic Rathjen ergänzt: „Und es macht sogar noch Spaß.“ Auf den Touren mit den ungleich älteren Fahrern fänden sich immer Themen; „es ist spannend, in die Geschichten und Lebenswelten Älterer einzutauchen“, findet Matthies.

Auch Werner Krampe, der als Beifahrer unterwegs ist, schätzt die Verjüngung. „Gut, dass welche nachkommen.“ Recht hat er: Von den 18 Fahrern, die Fahrdienstleiter Bannier je nach Wunsch ein- bis fünfmal im Monat einteilt, ist die Hälfte über 70. 

Auch heute ist reichlich Zeit für einen Klönschnack: „Pilot und Co-Pilot“ (selbst hat Michel noch keinen Führerschein, erst in ein bis zwei Jahren könnte er nachrücken) warten eine Viertelstunde auf dem Supermarktparkplatz, bis der Lkw abgeladen hat – die Betriebsabläufe nicht zu beeinträchtigen, ist oberste Pflicht für die Tafel-Mitarbeiter. 

Doch nicht nur Supermärkte werden bei den sieben bis neun Stopps pro Tour angefahren – auch Eierhöfe und Landwirte sind dabei. Und ab und an auch Privatleute, beispielsweise, wenn das eigene Kind dem Babybrei-Alter entwachsen ist, „wir nehmen alle ausgabefähigen Lebensmittel gerne an“, erklärt Vorsitzender Saxer.

Bedarfslage ist gestiegen

Die Bedarfslage ist gestiegen. Zwischenzeitlich durften die „Kunden“, wie sie hier genannt werden, nur noch einen der beiden Ausgabetermine wahrnehmen. Mittlerweile hat sich die Lage etwas entspannt – die Zevener Ausgabestelle und auch Rotenburg greifen den Scheeßelern unter die Arme. Das Klientel bestehe zu 80 Prozent aus Flüchtlingen. Von den „Altkunden“, die nicht mehr kommen, etwa Hartz-IV-Bezieher oder Senioren zur Deckung des Grundbedarfs, hofft Saxer, „dass sie inzwischen auf eigenen Beinen stehen“. 

Er betont: „Uns sind alle unsere Kunden gleich herzlich willkommen.“ Ganz reibungslos funktioniere es jedoch nicht: Verständigungsschwierigkeiten schweigt er nicht tot. Einem Muslim bei der Ausgabe das Bild eines durchgestrichenen Schweins zu zeigen, funktioniert, „aber wie erklären Sie jemandem, was ein Radieschen ist oder dass er ab Februar genau wie alle anderen Kunden auch seine Einkommensverhältnisse offen legen muss?“ 

Hilfe von der Gemeinde sei nicht zu erwarten, auch wenn die Zusammenarbeit gut sei, die nächste Instanz sei der Landkreis. Ebenfalls sei man mit dem Leiter des Flüchtlingsheims im Kontakt, unter anderem um eins von vielen Missverständnissen auszuräumen: „Viele Flüchtlinge, die hier ankamen, kannten das Konzept der Tafel nicht – sie dachten, das ist eine Art Supermarkt“.

Auch hier hapert es, genau wie bei den Fahrern. Interessierte Männer „oder auch starke Frauen“, die in die ehrenamtliche Arbeit hineinschnuppern möchten, können sich telefonisch bei Günter Saxer unter der Nummer 04263 / 982356 melden.

hey

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