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Von Leerfahrten und Perspektiven: Bürgerbusverein Scheeßel wünscht sich mehr Nutzer

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Von: Lars Warnecke

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Ab Montag rollt der Scheeßeler Bürgerbus wieder täglich. Darüber freuen sich der Vorsitzende Walter Jungfer (v.l.), Fahrdienstleiter Norbert Fitschen und Uschi Reuter, die neu ins Fahrerteam gestoßen ist.
Ab Montag rollt der Scheeßeler Bürgerbus wieder täglich. Darüber freuen sich der Vorsitzende Walter Jungfer (v.l.), Fahrdienstleiter Norbert Fitschen und Uschi Reuter, die neu ins Fahrerteam gestoßen ist. © Warnecke

Über zu wenig Fahrer kann sich der Bürgerbusverein Scheeßel aktuell nicht beschweren. Nein, das Problem sind die Fahrgastzahlen. Gerade mal 30 Menschen wollten den Bus im Februar nutzen. „Es sieht derzeit wirklich nicht gut aus“, bestätigt der Vorsitzende.

Scheeßel – Gerade im ländlichen Raum, sollte man meinen, ist das Bürgerbus-Prinzip für jene Menschen, die nicht mehr so beweglich sind und nicht oder nicht mehr Auto fahren, ein willkommenes Angebot, um mobil sein zu können. Da müsste der moderne Niederflurwagen, der in der Gemeinde Scheeßel auch in den noch so entlegensten Dörfern unterwegs ist, doch rappelvoll sein auf seinen Touren.

Eigentlich. In der Praxis zeichnet Walter Jungfer ein anderes Bild. „Leerfahrten sind bei uns keine Seltenheit mehr“, sagt der Bürgerbusvereinsvorsitzende – und in seiner Stimme schwingt ein Stück weit Ernüchterung mit. Viel sei für die ÖPNV-Offerte bereits die Werbetrommel gerührt worden – vor allem in den Ortschaften. „Ich habe auf öffentlichen Ortsratssitzungen schon ganze Vorträge gehalten“, erinnert sich der Jeersdorfer. Nur neuen Schwung hätten solche Bemühungen in die Fahrgastzahlen eher nicht gebracht.

Derzeit zählt der Verein 20 ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer, die eines eint: die Freude am Busfahren, der Kontakt zu Menschen und diesen Mobilität zu ermöglichen. Jungfer: „Die Fahrer sind da – was fehlt, sind die Fahrgäste.“ Das kann Norbert Fitschen, der Fahrdienstleiter, mit Zahlen untermauern: „Im Februar hatten wir bei zwölf Fahrtagen gerade mal 30 Passagiere.“ Nun halte der Abwärtstrend, den die Pandemie natürlich nicht habe aufhalten geschweige denn umkehren können, schon eine ganze Weile an. Bei eingeschränktem Fahrplan – 2021 sei man laut Fitschen nur dreimal in der Woche unterwegs gewesen – wollten etwa nur 333 Fahrgäste in dem Bus mitfahren. Zum Vergleich: 2016 waren es noch 4 300 – in den acht Jahren, in denen das grün-gelb-lackierte Gefährt nun schon durch die Gemeinde rollt, ein absoluter Höchstwert.

Die Fahrer sind da – was fehlt, sind die Fahrgäste.

Walter Jungfer, Vorsitzender des Bürgerbusvereins Scheeßel 

Und heute? „Heute stehen wir ziemlich schlecht da“, meint Jungfer, der trotzdem den Rückhalt der Gemeinde, auch den der politischen, hinter sich weiß. „Die haben gesagt, der Bürgerbus soll bleiben.“ Und so sei im vergangenen Jahr für das Erstfahrzeug auch ein Nachfolgemodell angeschafft worden.

Immerhin möchte der rührige Verein demnächst wieder regelmäßig – sprich an fünf Tagen pro Woche – den Fahrbetrieb aufnehmen. Mit je zwei Touren am Vor- und zwei Touren am Nachmittag. Ab kommendem Montag soll das geschehen. „Ein Grund dafür, dass der Bus wieder von montags bis freitags verkehrt, war es auch, dass der ein oder andere Fahrer schon angemeldet hatte, auch mal gerne Dienst schieben zu wollen“, erläutert der Vorsitzende. Tatsächlich seien die monatlichen Einsatzpläne bei dem recht großzügigen Personalpool, aus dem man schöpfen könne, zuletzt fast immer belegt gewesen.

Einer, der ganz frisch im illustren Team der Chauffeure dabei ist, ist Heiko Wahlers. „Als ich anfing, mit dem Bus zu fahren, und ich erzählte es irgendwo, gab es einen Tenor“, berichtet der Wester-escher: „Dort sitze doch eh keiner drin, man verfahre ja nur unnötig Sprit.“ Hier und da, meint er, hätten die Leute ja auch recht – „nur sollte man doch auch mal umfassend ergründen, warum das Angebot gerade von solchen Menschen, die in den Dörfern leben, nur mäßig bis gar nicht genutzt wird.“ Als Mittel zum Zweck schweben ihm Fragebögen vor, die an alle Haushalten verteilt werden könnten. „Dadurch könnte man ja mal evaluieren, warum das Interesse so verhalten ist und was die Leute sich vielleicht auch wünschen.“

Genau eine solche Aktion, sagt Walter Jungfer, sei sogar auch schon in Planung. Dass die Nachfrage stagniert, erklärt er sich unter anderem so: „Ich vermute, dass man gerade auf dem kleinen Dorf nicht unbedingt nach außen hin zeigen möchte, dass man nicht mehr Auto fährt – aus Altersgründen zum Beispiel.“ Da lasse man sich wohl doch eher vom Nachbarn mitnehmen. Wahlers sieht indes die Ursache in einem größeren Zusammenhang: „Ich glaube, dass das Thema Nahverkehr in den Köpfen vielfach noch gar nicht vorhanden ist – anders als etwa im Kernort.“

Das belegen auch neueste Erhebungen, die der Bürgerbusverein angestellt hat: Von den 333 im vergangenen Jahr registrierten Fahrgästen lösten 191 in Scheeßel ein Ticket für 2,20 Euro ein – die hinteren Ränge belegen Westeresch, Ostervesede, Hetzwege und Bartelsdorf.

Er jedenfalls halte das Thema Mobilität auf dem Lande für ein wichtiges, beteuert Wahlers. Auch und vor allem darum sei er zum ehrenamtlichen Fahrerteam dazugestoßen. Erst neulich sei eine ältere Dame mir Rollator bei ihm eingestiegen, die davon berichtet habe, dass es für sie das Wichtigste sei, dass dieser Bus sie zum Supermarkt fahre, damit sie ihre Selbstständigkeit behalte. „Das hat mich unheimlich gerührt“, sagt er. Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Allein damit man dieser Frau helfen kann, würde ich ansonsten leer durch die Gegend fahren.“

Ob dem Verein eine Rückkehr zu alten Fahrgastauslastungen gelingt, wird man sehen. Gerade erst habe er einen Infobrief an sämtliche Ortsbürgermeister verschickt, sagt Jungfer, in dem noch mal auf die Problematik hingewiesen wird. Wörtlich heißt es darin: „Nutzen Sie den Bus, um eine Fahrt durch die Ortschaften zu machen, um Veränderungen und Neuerungen zu entdecken.“ Und weiter: „Genießen Sie die Fahrt und machen zum Beispiel eine Pause in einem Café ihrer Wahl.“ Natürlich, betont der Vorsitzende, seien aber nicht nur die Bürgermeister angesprochen.

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