Von Abbendorf nach Altenahr

Nach der Flut: Was Daniel Seedorf bei seinem Hilfseinsatz im Katastrophengebiet erlebte

Die Straßen sind mittlerweile geräumt. Jetzt geht es darum, nach und nach die Grundstücke von Müll und Schlamm zu befreien. Für Daniel Seedorf und seine Mitstreiter ist das selbst mit schwerem Gerät noch ein Kraftakt.
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Die Straßen sind mittlerweile geräumt. Jetzt geht es darum, nach und nach die Grundstücke von Müll und Schlamm zu befreien. Für Daniel Seedorf und seine Mitstreiter ist das selbst mit schwerem Gerät noch ein Kraftakt.

Abbendorf – Es ist seinen müden Augen noch etwas anzusehen: Hinter Daniel Seedorf liegt ein extrem arbeitsreiches Wochenende – nicht auf der Baustelle etwa, das gewöhnliche Terrain des Lohnunternehmers aus Abbendorf. Nein, Seedorf zählt zu jenen Freiwilligen, die dem Ruf von Jan Schnackenberg, Juniorchef einer Baumaschinenhandlung in Tewel, gefolgt waren, um mit weiteren Berufskollegen aus der Region im schwer von der Flutkatastrophe betroffenen Kreis Ahrweiler Hilfe zu leisten – unentgeltlich und mit schwerem Arbeitsgerät.

„Ich bin da irgendwie mit reingerutscht“, erzählt der 32-Jährige am Tag nach seiner Rückkehr. So sei er von jemandem, der sich dem Konvoi anschließen wollte, zunächst gefragt worden, ob der nicht einen Tieflader von ihm zur Verfügung gestellt bekommen könne. „Ich meinte nur zu ihm, dann könne er doch gleich auch einen Bagger mitnehmen“, erinnert sich Seedorf an das Montag vor einer Woche geführte Telefonat. Schon sehr bald sei er aber selbst auf den Trichter gekommen, sich der Aufräum-Aktion anzuschließen. Auf den Tieflader habe der Kollege danach verzichten müssen – „er hatte sich aber noch einen anderen besorgt.“

Drei Tage lang war Daniel Seedorf mit Markus Lüdemann, einem seiner Mitarbeiter, im Einsatz – im völlig vom Hochwasser zerstörten Altenahr und seinem Ortsteil Kreuzberg. Per Lkw, mit zwei Radladern und einem Bagger beladen, ging es für das Duo am vergangenen Freitag mitten hinein ins rund 430 Kilometer entfernte Katastrophengebiet. Dort hat nach der unmittelbaren Hilfe das Aufräumen und Instandsetzen begonnen. Zerstörte Infrastruktur wird provisorisch wiederhergestellt, Eigentümer sichern notdürftig ihre beschädigten Häuser. Der erste Anblick der Verwüstungen sei bestürzend gewesen, sagt Seedorf. „Ich stand echt unter Schock – das sah dort aus wie nach einem Tsunami.“ Immer wieder hätten er und seine Mitstreiter sich gesagt: „Auf Bildern nicht zu erkennen, in Worten nicht zu erklären.“ Und genau dies beschreibe das Szenario recht gut. Trotz all dem sichtbaren Leid habe er aber auch während seines alles andere als konventionellen Räumdienstes, der sich vor allem auf das Beseitigen von Schlamm und Müll in privaten Gärten konzentriert habe, sehr viel Dankbarkeit erfahren. „Das war eine große Gemeinschaft, die da geholfen hat – unsere Truppe sowieso, aber auch viele andere.“

Der Abbendorfer ist wieder zurück.

Zeit für Smalltalk bliebt angesichts der Arbeit, die auf die Helfer aus dem Landkreis Rotenburg und dem Heidekreis wartete, wenig. Aber es gab sie, die Gespräche mit den Anwohnern. „Wenn man dann zum Beispiel von toten Kindern hört, die in den Bäumen hängen, wird einem schon anders“, sagt Seedorf mit leiser Stimme.

Nachts habe man nahe einer Deponie geschlafen, etwa drei Kilometer von Altenahr entfernt – in eigenen Wohnwagen, in den Lkw-Kabinen oder auf den Aufliegern. Geschlafen habe er gut, es habe nach dem Tagewerk eine gespenstische Stille geherrscht. Was die Verpflegung betrifft, habe man immer irgendwo etwas angeboten bekommen. Bratwurst im Brötchen etwa. Oder Energy-Drinks – auch ein Zeichen der gegenseitigen Unterstützung, das er so gar nicht erwartet habe. „Theoretisch bräuchte man gar nichts mit hinnehmen.“

Vor der Abfahrt in Richtung Altenahr: Zwei Radlader und ein Bagger sind auf dem Tieflader „geparkt“.

Erwarten kann Seedorf angesichts der Zerstörung auch nicht, dass die von der Flut am schlimmsten betroffenen Landstriche überhaupt in naher Zukunft wieder intakt sein werden. „Da fehlt mir gänzlich die Fantasie, wie die das überhaupt wieder hinkriegen wollen“, sagt er. Bis die ganzen Brücken wieder aufgebaut sein werden, die Menschen mit Strom, Gas und Wasser versorgt seien, werde es seiner Einschätzung nach wohl noch viele Jahre dauern.

Gerade erst hat der 32-Jährige die letzten Maschinen auf dem Firmengelände an der Elsdorfer Straße wieder abgeladen. Für ihn hat das normale Tagesgeschäft wieder begonnen. „Erst hatte ich ja ein mulmiges Gefühl, da hinzufahren“, räumt er ein. „Auf der anderen Seite war es rückblickend aber die beste Entscheidung.“ Seedorf wie auch einige andere Teilnehmer der Hilfsaktion vom Wochenende wollen nicht ausschließen, sich noch einmal vor Ort zu engagieren. „Es gibt ja noch genug da unten zu tun, denke ich mir jedenfalls.“

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