Matthias Rathjen aus Scheeßel sammelt Zollstöcke / Platz gibt es keinen mehr

Voll bis unter die Decke

Hier gibt es aber viele Bücher! – der Eindruck täuscht: Bei den Exponaten, die Matthias Rathjen in seinem Schuppen ausgestellt hat, handelt es sich um Zollstöcke.
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Hier gibt es aber viele Bücher! – der Eindruck täuscht: Bei den Exponaten, die Matthias Rathjen in seinem Schuppen ausgestellt hat, handelt es sich um Zollstöcke.

Scheeßel – Wer beim Heimwerken mit dem Zollstock hantiert, wirft kaum einen Blick auf das Motiv, das das zusammengeklappte Hilfsmittel bildet. Meist sind es Namen oder Logos von Unternehmen, daneben aber gibt es plakative Anfertigungen, die zum Beispiel Stadtpanoramen zeigen – oder gleich ganze Deutschlandkarten. „Solche Puzzledinger finde ich auch nicht schlecht“, sagt Matthias Rathjen (44) aus Scheeßel. Wer den Schuppen hinter seinem Haus an der Friedrichstraße betritt, wähnt sich in einem beeindruckenden, gut sortierten Sammelsurium aus zigtausenden Metermaßen. Aufgereiht sind die „Schmuckstücke“, wie Rathjen sie nennt, an den Wänden und an den Balken unter der Decke. Sogar einen Stehtisch zieren die hölzernen Teile. Ob solche mit einer Länge von einem Meter, von drei Metern oder nur 50 Zentimetern mit Anhänger für den Gürtel – der Scheeßeler besitzt sie alle. „Genaugenommen sind es weit mehr als 10  000 Stück“, schätzt er den Bestand ein. Jene Exponate, die ihr Dasein in Kisten und Kartons fristen, noch gar nicht mitgezählt.

Wohlgemerkt: jedes einzelne Stück, ziert ein eigenes Motiv. Doppelungen? Fehlanzeige. „Tja, das mit dem Platz ist inzwischen so eine Sache“, seufzt der Zollstocksammler. Allerdings käme heute auch längst nicht mehr so viel neue „Ware“ rein, wie früher. „Es ist schon deutlich weniger geworden, weil auch nicht mehr so viel Neues gedruckt wird.“ Immerhin: Von seinem Lieblingsfußballclub, dem HSV, kämen jedes Jahr noch neue Editionen auf den Markt. Und da greife er natürlich liebend gerne zu. „Für den Hausgebrauch eigenen die sich dann natürlich nicht, zum Hinhängen und sich daran erfreuen aber schon.“

In der Vielfalt liegt auch der Grund für seine Sammelleidenschaft. „Es ist schon toll, was es dabei alles zu entdecken gibt“, sagt der 44-Jährige schmunzelnd. Andere hätten eine besondere Affinität zu Briefmarken oder zu Zuckertütchen, er eben zu Gliedergelenkstabmaßen, wie Zollstöcke offiziell heißen. Dass er aus dem Handwerk kommt, Rathjen ist gelernter Garten- und Landschaftsbauer, war lange Zeit bei Grewe in Rotenburg beschäftigt, bevor er vor sieben Jahren zur Gemeinde Scheeßel in den Fachdienst Straßen und Grün wechselte, mag zu seiner Faszination sicher beigetragen haben: „Wenn ich damals gepflastert, einen Carport oder Zaun gebaut habe, musste ich immer so ein Teil in der Tasche haben“, blickt er auf die Anfänge zurück. Klar seien auf solchen Baustellen auch immer Kollegen aus anderen Gewerken vertreten gewesen. „Dann bin ich zu den Leuten immer hingegangen und habe sie vollgequatscht, ob man nicht einfach mal tauschen wolle“, erinnert sich der Scheeßeler. Einen Zollstock für das potenzielle „Wechselgeschäft“ habe er nämlich auch stets mit sich geführt – und das tue er noch heute. „Man weiß ja nie, ob sich irgendwo nicht doch wieder eine Gelegenheit bietet.“

Vor mehr als 20 Jahren sei das mit der Vermehrung losgegangen. Erst noch zaghaft, später explosionsartig. Aus zehn Teilen seien so 20 geworden, aus 50 dann 100 – „ja, und so ist das immer mehr geworden“. Gekauft habe er im Laufe der Jahre dabei nur ganz wenige Metermaße, die sich preislich immerhin zwischen fünf und acht Euro pro Stück bewegen würden. „Es ist ein Hobby, das den Geldbeutel schont – jedenfalls meinen“, sagt er. So habe er sich zwecks neuer Errungenschaften zeitweise auch auf Tauschbörsen herumgetrieben, von denen es vor allem in Ostdeutschland eine ganze Menge geben würde. „Man glaubt ja gar nicht, wie dort die Leute mit den Dingern umgehen, als würden sie mit Goldstücken handeln“, schildert Rathjen seine Eindrücke.

Bei Durchsicht der Messgeräte, die laut Matthias Rathjen zu 99 Prozent aus Deutschland stammten und die ihm Bekannte wie auch Unbekannte zwischendurch auch immer mal wieder schenken würden, gibt es auch immer wieder etwas zu lachen: „Bei uns liegen sie richtig“, wirbt da beispielsweise ein Bestattungsunternehmen. Und an anderer Stelle heißt es ganz unverblümt: „Wir kacheln ihre Alte und fliesen ihre Neue.“ In der Sammlung ist ein offizieller Linkshänder-Zollstock ebenso zu finden wie einer mit integriertem Flaschenöffner. „Das klappt aber auch ohne ein solches Gadget ganz hervorragend“, habe er festgestellt und tritt mit einem geschickten Handgriff sogleich den Beweis an. Prost! Selbst Bildung ist mit Hilfe eines Zollstockes möglich: Ob Kunst, Geschichtszahlen oder sogar die Weihnachtsgeschichte, „es gibt fast nichts, was es nicht gibt“, gerät Rathjen beim Plaudern ins Schwärmen.

Zollstöcke sind übrigens nicht die einzige Leidenschaft des Scheeßelers. Auch Bierkisten haben es ihm angetan. Und auch die sind bei ihm in reicher Anzahl eingelagert – und zwar zu Trainingszwecken. Rathjen ist Mitglied im Werkstattclub Scheeßel (WCS), der durch einige TV-Auftritte, bei denen das Kollektiv sein Können im Bierkistenquerstapeln schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, zu überregionaler Bekanntheit gelangt ist. Dieser Tage feiert der WCS sein 15-jähriges Bestehen – wegen Corona aber nur im kleinen, clubinternen Rahmen ganz ohne öffentliche Darbietungen, etwa bei Meisterschaften. „Eigentlich wären wir dieses Jahr gerne bei einer Sonderausgabe von ,Wetten, dass ..?‘ dabei gewesen“, sagt Rathjen. Ein Bewerbungsvideo hätten er und seine acht Mitstreiter schon im Frühjahr gedreht, in der örtlichen Sporthalle. „Aber nun ist das Format aufs kommende Jahr verschoben worden“, bedauert er. Trotzdem wollen die Scheeßeler an einer möglichen Teilnahme festhalten.

Wenigstens kann der Scheeßeler sich bei aller gebotenen Zurückhaltung noch an seiner Zollstocksammlung erfreuen. „Und das mache ich – jeden Tag aufs Neue“, beteuert er mit leuchtenden Augen.

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