Grünen-Vorstände in Scheeßel und Bothel treten zurück / Kritik an Kreisspitze

Völlig aufgelöst

Arthur Lempert (l.) und Ehemann Klaus
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Sie sind bei den Grünen raus: Während Arthur Lempert (l.) seinen Mitgliedsausweis verbrennt, greift Ehemann Klaus zur Schere, um das offizielle Partei-Shirt zu zerschneiden.

Bei den Grünen kracht es im Gebälk. Gegen den Kreisvorsitzenden hagelt es Vorwürfe, zwei Ortsverbände stehen vor dem Aus.

  • Spitzen der Grünen aus Scheeßel und Bothel verlassen Partei.
  • Debatte um Führungsstil.
  • Wächst die Partei in die falsche Richtung?

Scheeßel/Bothel – Ein Vorsitzender, der seinen Kreisverband von oben herab regieren soll, stur, beinahe schon mit diktatorischen Mitteln, und das ausgerechnet bei den Grünen – die Vorwürfe, die gegen Hans-Jürgen Schnellrieder, den besagten Vorsitzenden, laut werden, wiegen schwer. Sehr schwer sogar. Erhoben werden diese aus den Reihen zweier Ortsverbände, dem aus Scheeßel und dem aus Bothel. Beide politischen Vereine stehen inzwischen ohne Führungspersonal dar. Mit sofortiger Wirkung sind die Vorstände Ende vergangener Woche mehr oder weniger überraschend zurückgetreten.

Wie konnte es zu diesem im Landkreis sicher beispiellosen Akt kommen? Auskunft geben Arthur Lempert und Birgit Brennecke. Ersterer war bis vor kurzem noch Grünen-Sprecher in Scheeßel, Brennecke hatte für Bothel den Posten inne. 35 Jahre lang sei sie Mitglied in der Partei gewesen. „Jetzt reicht‘s“, sagt sie und findet deutliche Worte: „Ich möchte diesen Schrott einfach nicht mehr erleben.“ Mit grüner Politik habe der Führungsstil des Fintelers und dem seiner Co-Vorsitzenden Sabine Holsten, seit Ende 2018 das Führungsduo bei den Kreis-Grünen, jedenfalls nichts mehr zu tun.

Dem kann Lempert nur beipflichten: „Herr Schnellrieder regiert von Anfang bis Ende durch, er fragt nicht ab, er bezieht die Ortsverbände nicht mit ein und er bietet den Mitgliedern keine Plattform mehr, fair und transparent über Sachen zu sprechen.“ Ja, es sei ein Irrsinn, meint Brennecke, die sogar das Wort „Hetze“ in den Mund nimmt. „Man ist ja schon gar nicht mehr zu seiner Mandatsarbeit gekommen, weil man sich ständig gegen irgendwelche Vorwürfe und Anfeindungen erwehren musste.“

Bei Herrn Schnellrieder redet man wie mit einer Trump-Administration für arme Niedersachsen.

Arthur Lempert

Die Stimmung in seinem nunmehr ehemaligen Verband sei zuletzt jedenfalls einfach nur noch mies gewesen, berichtet Lempert. „Dabei haben wir viereinhalb Jahre davor immer eine super Team-Arbeit gemacht – mit guten Ideen und dem Setzen von Themenschwerpunkten.“ Das habe sich schlagartig gewandelt, nachdem die Kreisspitze dem Verein gewisse Neumitglieder regelrecht aufs Auge gedrückt habefrei von eigenem Mitsprecherecht, ob die denn auch gewünscht seien. Dass diese Unruhe in die Reihe gebracht hätten, wie Lempert am Beispiel Scheeßel erklärt, habe durchaus System. „Denn wie ich herausgefunden habe, schreibt Herr Schnellrieder potenziellen Nachwuchs mit der Ansage an, dieser oder jener Ortsverband solle sich doch bitteschön neu aufstellen.“ In dieser Form aufzutreten, stünde einem Kreissprecher seiner Überzeugung nach aber gar nicht zu. „Und für uns zu sprechen und zu sagen, ich mache den Ortsverband platt und will ihn neu haben, schon gar nicht.“ Auch anderweitig habe sich Schnellrieder bei den Scheeßel-Grünen schon unbeliebt gemacht. Im Vorfeld der Europawahl 2019 beispielsweise. „Damals haben wir klipp und klar gesagt, dass wir keine Wahlplakate in der Gemeinde aufhängen möchten, das Geld besser in die Neuanpflanzung von Bäumen stecken möchten – am Ende hat er sich darüber hinweggesetzt und ließ 130 Plakate im Ort aufhängen!“

Birgit Brennecke nennt ein weiteres Beispiel, bei dem sich der Finteler aus ihrer Sicht nicht gerade mit Ruhm bekleckert habe: „Auf Ortsverbandsebene hatten mal eine neue Geschäftsordnung zusammengebastelt, die mit dem Grünen-Landesverband auch so abgestimmt war.“ Bei einer letztjährigen Kreismitgliederversammlung in Stemmen sei die von Schnellrieder aber komplett wieder zerpflückt worden. „Am Ende gab es durch ihn 37 Änderungen – und wäre ein Vertreter vom Landesverband nicht in der Sitzung dabei gewesen, wäre die Ordnung wohl auch gar nicht erst durchgegangen“, mutmaßt die frischgebackene Ex-Grüne.

Auch sie sind mittlerweile ausgetreten: Birgit Brennecke (r.), ehemalige Vorsitzende des Botheler Ortsverbands, und ihre Mitstreiterin Uta Tümler.

Mit ihrem Parteiaustritt steht Brennecke bei Weitem nicht allein auf weiter Flur: Zehn von zuletzt 15 Mitgliedern hätten jetzt diesen Schritt in Bothel vollzogen. In den Scheeßeler Reihe seien am Ende nur noch sieben von 19 Mitgliedern dabei gewesen, zählt Lempert auf. „Zwei sind in einen anderen Kreisverband gegangen, der Rest ist ausgetreten.“ Einige wenige seien so noch in der Partei verblieben – „und das sind ausgerechnet die Protagonisten, die unseren Verband kaputtgemacht haben – durch einzigartige Destruktivität, Hass, Wut und Unfairness.“ Damit kommt der Sotheler auf die bereits bekannten Querelen auf Ortsebene zu sprechen; unter anderem solche um vom Vorstand angeblich bewusst nicht aufgenommene Mitglieder, die bei einem Verbandstreffen vor wenigen Wochen, bei dem in Präsenz der von einzelnen scharf kritisierte Vorstand mit knapper Mehrheit im Amt bestätigt worden war, ihren bitteren Höhepunkt gefunden hätten. Mit der anschließenden Austrittswelle sei jedenfalls künftig keine vernünftige Arbeit mehr in seinem Verein möglich gewesen, bedauert Lempert. Also habe man ihn so folgerichtig auch auflösen müssen. Sein Mandat im Gemeinderat wolle er aber noch bis zur anstehenden Kommunalwahl im September behalten. „Und im Herzen werde ich immer Grüner bleiben – mein Geld kann ich aber wirklich besser bei Greenpeace oder WWF anlegen.“

Und dann kommt er doch noch einmal auf den Kreisverbandsvorsitzenden zu sprechen, der zugleich ja auch den an Mitgliedern nicht armen Ortsverband in der Samtgemeinde Fintel leiten würde. „Sollte sich in Scheeßel ein Grünen-Verein neu gründen – und darauf wird es wohl hinauslaufen –, dann wäre der nicht mehr als eine fremdgesteuerte Außenstelle von Fintel“, ist Lempert überzeugt. Schließlich seien über Schnellrieder einzelne Mitglieder regelrecht auch nach Scheeßel eingeschleust worden, wie er es formuliert.

Eine ähnliche Beobachtung habe auch sie gemacht, sagt Birgit Brennecke. „Wir hatten erst neulich wieder vom Kreisverband auf einen Schlag fünf Neumitglieder zugeschoben bekommen – die hätten wir vom Ortsverband natürlich gerne erst mal persönlich kennengelernt, nur war das wegen Corona ja alles nicht so einfach.“ Sie jedenfalls findet es unmöglich, dass die Rotenburger Grünen-Spitze die Pandemieeinschränkungen gar nicht bei solchen personellen Fragen mit einbeziehen würde. „Stattdessen wird einfach nur stur darauf bestanden, dass wir die Leute aufnehmen – ob man diese nun kennt oder nicht.“

Die Arbeit der Grünen in den Ortsverbänden wird von der neuen Situation sehr profitieren.

Sabine Holsten

Wo er involviert sei, sei Eskalation quasi schon vorprogrammiert, äußert sich Lempert über den Kreisvorsitzenden. „Bei ihm redet man wie mit einer Trump-Administration für arme Niedersachsen – es wird etwas verdreht oder es werden alternative Wahrheiten erfunden – und das, obwohl die Fakten doch klar seien.“

Von den beiden Grünen-Kreissprechern ist Sabine Holsten zu einer Stellungnahme bereit. Sie sagt: „Die Vorstände von Scheeßel und Bothel verwechseln sich mit der Basis der Partei.“ Beide hätten durch einen Aufnahmestopp versucht, eine Veränderung der Mitgliederstruktur und damit eine möglich werdende, innerparteiliche Meinungsvielfalt zu verhindern. Dieses Verhalten sei von den Grünen-Mitgliedern des Landkreises mit überwältigender Mehrheit missbilligt worden. „Nun wurde auch der Druck des Landesverbandes größer, den Aufnahmestopp zu beenden. Einige wenige Mitglieder haben daraufhin den lautstarken Austritt aus der Partei gewählt“, so die Hemslingerin. Und: „Sicherlich ist es nicht für jede und jeden möglich, die rasanten Veränderungen der Gesellschaft und der Partei mitzugehen.“ Nun sei „der Weg frei für engagierte Menschen, sich in der Partei lokal einzubringen“. Schon am Mittwoch soll in Scheeßel ein neuer Vorstand gewählt werden. Bothel werde folgen. Die Vorsitzende ist überzeugt: „Die Arbeit der Grünen in den Ortsverbänden wird von der neuen Situation sehr profitieren – und das grüne Potenzial dieser Orte kann endlich wieder genutzt werden.“

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