Wer die Wahl hat

Ein Näschen für den schnellen Erfolg: Vier Anbieter von Corona-Schnelltests konkurrieren in Scheeßel

Wie sich der Bedarf an Corona-Schnelltests und dementsprechend die Testcenter-Landschaft entwickeln werden, erfordert einen Blick in die Kristallkugel.
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Wie sich der Bedarf an Corona-Schnelltests und dementsprechend die Testcenter-Landschaft entwickeln werden, erfordert einen Blick in die Kristallkugel. Fest steht: Gegenwärtig herrschen Überkapazitäten.

Über Wochen, ja Monate, waren sie begehrt: die Termine im Corona-Testzentrum am Beekekreisel. Mit seinen Schnelltests hatte das Ehepaar Hans-Erik und Nina Meyer von der Beeke-Apotheke lange Zeit in Scheeßel ein Monopol. Zeitweilig wurden die Kapazitäten räumlich wie personaltechnisch knapp. Testwillige oder Verpflichtete mussten nach Rotenburg oder Tostedt ausweichen. Statt eines Testzentrums werben mittlerweile gleich vier um die Gunst der Kunden.

Scheeßel - Seit Weihnachten ist die Testlandschaft in Scheeßel eine völlig andere – und das nicht nur, weil sich die behördlichen Verordnungen, die Tests etwa bei Restaurant- oder Veranstaltungsbesuchen vorschreiben, einmal mehr geändert haben und der Bedarf zurückgegangen ist. Sondern auch, weil statt eines Testzentrums mittlerweile gleich vier um die Gunst der Kunden werben.

Das sorgt bei der Bevölkerung zuweilen für Verwirrung. Mehr als einmal haben die Tester in der Beeke-Apotheke es in den vergangenen Tagen erlebt, dass Testwillige an der Tür standen, die sich – zumeist versehentlich – woanders angemeldet hatten. Ein Zustand, der den Apotheker Hans-Erik Meyer nicht gerade glücklich macht: „Dass es dort Verwechslungspotenzial gibt, ist höchst ärgerlich und tut mir für die Kunden leid, die wir wegschicken müssen.“ Bei Engpässen werden Testwillige auf das Sporthaus am Luhner Weg in Jeersdorf verwiesen, wird das in der Woche vor Weihnachten in Betrieb genommene Bürger-Testzentrum des SV Jeersdorf doch von ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern geführt, die die Beeke-Apotheke als Kooperationspartner selbst geschult hat und für dessen Testkompetenz Meyer die Hand ins Feuer legt.

Das professionelle Team von Nina Meyer hat in Scheeßel die längste Erfahrung.

Mittlerweile sind in den Weihnachtstagen noch zwei neue – beides kommerzielle – Anbieter an den Start gegangen. Einer hat kurz vor Weihnachten an der Großen Straße neben der Eisdiele seinen Betrieb aufgenommen. Kurz vor Silvester folgte ein Testzentrum im Container auf dem Parkplatz der Gemeinde gegenüber des Rathauses, der ehemaligen „Fleischtheke“. Gleich hinter den jüngst in Betrieb genommenen E-Ladesäulen winkt ein großes Banner mit QR-Code um testwillige Kunden. Die Stellfläche wurde den Betreibern Susan und Esmat Abdul, die eine ganze Reihe von Testzentren in Norddeutschland betreiben, unter anderem in Rotenburg und Stade, von der Gemeinde zur Verfügung gestellt.

Eine Tatsache, die die Fraktion der Gruppe Die Freien zu einer Anfrage bei der Bürgermeisterin veranlasste. Dazu Gruppensprecher und Ratsmitglied Knut Nagel: „Wir haben davon aus der Zeitung erfahren und sind über den Begriff ,kostenfrei` gestolpert. Warum eine öffentliche Fläche kostenlos für einen Gewerbebetrieb genutzt werden darf, noch dazu von Externen, die hier keine Gewerbesteuern zahlen, erschließt sich uns nicht“, meint das Ratsmitglied, auch mit Hinweis auf die Leerstände im Scheeßeler Kernort.

Umfunktionierter Leerstand: An der Großen Straße testen je zwei Mitarbeiter von 9 bis 20 Uhr.

Bürgermeisterin Ulrike Jungemann erklärt auf Nachfrage: „Als Anfang Dezember die Anfrage gestellt wurde, hatten wir nicht genügend Testkapazitäten – wir sind glücklich, zeitnah mehr vorhalten zu können. Hier geht es um das Wohl der Allgemeinheit.“ Dem mag sich Nagel nicht ganz anschließen: „Hier wird ein Präzedenzfall geschaffen – wenn das Schule macht ...“ Darüber hinaus handele es sich wohl kaum um einen Akt der Solidarität und Nächstenliebe: „Da geht es um Gewinnabsichten.“ Das wiederum findet Jungemann nicht verwerflich: „Uns ist der Schutz der Bevölkerung wichtig.“

Anmeldung am Fenster, Test an der Tür: Auf dem Marktplatz schmeißt eine Person das Center.

Apotheker Hans-Erik Meyer sieht den bundesweiten Trend zu Testzentren durch Anbieter ohne Hintergrund im Gesundheitsbereich grundsätzlich kritisch: „Rechtlich ist das einwandfrei – aber wenn sich das für die nicht mehr rechnet, sind sie in vier Wochen weg – wir als lokale Ansprechpartner in Gesundheitsfragen sind auch morgen noch da.“ Für ihn auch eine Frage der Nachhaltigkeit: „Hier werden ohne Not bestehende Strukturen gefährdet, die auch morgen noch da sind.“ Gegen Konkurrenz sei nichts einzuwenden, „allerdings sollten dann auch alle mit dem gleichen Maß gemessen werden“, so sein Plädoyer für Gleichbehandlung.

Dass externe Anbieter die lokalen Angebote schwächen könnten, dieses Argument kann Jungemann nicht nachvollziehen: „Das habe ich ja nicht in der Hand – das ist eine Sache des freien Marktes.“ Die Tatsache, dass der Beekeort mittlerweile über reichlich Testkapazitäten verfügt, mag nicht an ihrer Entscheidung der kostenfreien Gestellung öffentlichen Grundes rütteln: „Ich habe dem Betreiber mein Wort gegeben, dass keine Miete erhoben wird, solange er das Testzentrum hier betreibt. Zu diesem Wort stehe ich.“

Das Team im Sporthaus am Luhner Weg testet rein ehrenamtlich – nicht nur Sportler.

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