Landwirte informieren sich über Regulierungsmaßnahmen nach dem Trassenbau

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Die geplante neue „SuedLink“-Stromautobahn vom Norden in den Süden Deutschlands führt unter anderem auch durch die Gemeinde Scheeßel.

Bartelsdorf - Von Hannes Ujen. Zum Jahresauftakt hatte der Landwirtschaftliche Verein Bartelsdorf mit seinem Vorsitzenden Henning Meyer zur Info-Veranstaltung „Regulierungsmaßnahmen nach dem Trassenbau“ in die Bartelsdorfer Mehrzweckhalle eingeladen. Dass dieses relativ nüchterne Thema so viel Brisanz in sich birgt, war nicht unbedingt zu erwarten, aber Referent Frieder Thömen erwies sich als äußerst kompetenter Fachmann, der die etwa 30 Zuhörer mit seinen klaren, ungeschönten Aussagen fesselte. Der Diplom-Agraringenieur hat einst gemeinsam mit Meyer Landwirtschaft gelernt, später Landwirtschaft studiert und ist seit 30 Jahren im Rohrleitungs- und Tiefbau als Bauleiter tätig.

„Ich bin als reiner Privatmann hier und gebe einen Erfahrungsbericht für die Landwirte“, stellte er gleich zu Beginn klar. Beruflich habe er weder mit dem Netzbetreiber Tennet noch mit dem Stromtrassenbau zu tun. Diese Trasse, „SuedLink“ genannt, soll quer durch Niedersachsen führen und im Rahmen der sogenannten Energiewende, dem Übergang von der nicht-nachhaltigen Nutzung von fossilen Energieträgern wie Erdöl, Kohle und Erdgas sowie der Kernenergie zu einer nachhaltigen Energieversorgung mittels erneuerbarer Energien – in diesem Fall Strom aus Offshore-Windrädern von der Nordsee – über 700 Kilometer nach Bayern transportieren.

Anhand eines Schaubilds zeigte Thömen den Baustellenablauf eines Trassenbaus. „Das ist ein gewaltiger Aufwand. So bräuchte man für eine drei Kilometer lange Teststrecke in Nordrhein-Westfalen mehr als drei Jahre!“ Die Abwärme aus den im Erdreich verlegten Höchstspannungsleitungen sei das größte Problem, so der Fachmann, und man habe das bei weitem noch nicht im Griff. Ob fünf Grad Celsius oder viel mehr – bis heute gäbe es keine verlässlichen Daten, mit welcher Temperatur zu rechnen sei.

Der Agraringenieur empfahl den betroffenen Landwirten, von vornherein die Kontrollmechanismen nicht aus der Hand zu geben und für die Bewirtschafter (Pächter) vom Baubeginn und darüber hinaus ein Kontrollbuch zu führen.

„Vertreter der Baufirmen kommen oft überfallartig auf den Hof und melden sich nicht an. Sagt denen, dass sie zu einem fest vereinbarten Termin wiederkommen sollen“, wandte er sich an das Publikum. Anfänger in der Trassenbau-Branche würden dann auch oft von „Enteignung“ reden, die in Deutschland aber nicht angewendet werde. Lediglich eine Zwangsenteignung als vorübergehender Nutzungsentzug sei während der Bauphase möglich.

„Solange ihr als Vertragspartner kooperativ seid, könnt ihr über fast alles verhandeln“, weiß Thömen. „Tennet sind die Kosten völlig egal, denn sie haben einen wahnwitzigen Vertrag mit der Bundesregierung ausgehandelt. Für jeden Euro, den sie ausgeben, haben sie 16 Cent oben drauf in der Tasche, verrechnen also ihre eigene Kostenaufstellung plus 16 Prozent obendrauf.“

Sehr wichtig sei, immer öffentlich vereidigte und bestellte Sachverständige aus dem hiesigem Raum hinzuziehen, die von den Landwirten selbst ausgesucht und von Tennet bezahlt würden. Der Einsatz von sogenannten „Bodenschützer“ hätte keine rechtliche Wirkung. Gemeinsame Strategien von mehreren Betroffenen seien sinnvoll.

Vertragspartner und Ansprechpartner sei ausschließlich der Netzbetreiber – auch an Samstagen sollte jemand verfügbar sein, wenn gearbeitet wird. Nach Telefongesprächen sollte man unbedingt eine E-Mail verfassen und auf Missverständnisse und Mängel hinweisen. Wenn seitens des Adressaten nicht widersprochen wird, kommt das im rechtlichen Sinne einer Anerkennung gleich. „Führt ein Bautagebuch, messt Temperaturen, macht Fotos, am besten mit GPS-Kennung und dokumentiert alles, was stört und nicht gefällt“, empfahl der Fachmann.

In der Erdverkabelung sei die Rede von Höchstspannung. Eine Kabeltrommel wiege bis zu 120 Tonnen und müsse über neu zu bauende Zufahrtsstraßen angeliefert werden. Deshalb sei auch ein Wegekonzept, eventuell seitens der Gemeinde, dringend erforderlich.

Wichtig sei es seinen Worten nach auch, mindestens drei bis vier Wochen vor der Ernte Mindererträge geltend zu machen, sodass der Sachverständige entsprechend prüfen könne. „Ansprüche der Landwirte gegenüber Tennet gelten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag – es gibt keine Verjährung!“

Wann überhaupt definitiv mit dem Bau der „SuedLink“-Trasse begonnen werden kann, stünde laut Thömen aufgrund von Bürgerprotesten und anderen Faktoren noch in den Sternen. Nach seiner Einschätzung sei mit einem Start frühestens erst 2030 zu rechnen.

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