Serie: Mein Buch und Ich

Torres Morales aus Scheeßel veröffentlicht Gedichtband mit Veersen auf Verse auf Spanisch und Deutsch

Miguel Torres Morales hat einen Gedichtband veröffentlicht – auf Deutsch und auf Spanisch.
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Miguel Torres Morales hat einen Gedichtband veröffentlicht – auf Deutsch und auf Spanisch.

Scheeßel – La Maravilla de la Vida, das Wunder des Lebens, passt nach Miguel Torres Morales zwischen zwei Buchdeckel und umfasst 406 Seiten. Gerade ist der Gedichtband des in Scheeßel ansässigen Peruaners mit diesem Titel erschienen. Wundern wird der geneigte Leser sich nicht nur angesichts der Sprachgewalt, die der Gymnasiallehrer an den Tag legt, sondern auch angesichts des Verlages – ist Königshausen & Neumann sonst doch primär für seine Wissenschaftsliteratur im Bereich der Geisteswissenschaften bekannt. Und genau daher stammen auch die Kontakte des promovierten Philosophen zum Verlag, ließ er hier doch seine Dissertation verlegen.

Wundern ist auch beim Gespräch mit dem Autoren angesagt. Wer sich auf einen Diskurs über Gott, mehr aber noch die Welt einlässt, sollte geschichtlich, philosophisch und politisch sattelfest sein: der Peruaner zitiert nacheinander Goethe, Aristoteles und Bismarck, schlägt einen Bogen zu Kant und macht nebenbei Exkurse in die Kolonialgeschichte und Weltpolitik. „Ich bin ein richtiger Besserwisser“, meint der 47-Jährige im hegelschen Sinne selbstironisch.

Kritischer Blick aufs eigene Volk

Seit der Latein-Amerikaner nach dem Abitur an der Deutschen Schule in Lima („Meine Tante war belesen und ehrgeizig, sie sorgte dafür, dass der Bücherwurm gefordert wurde und die Deutschen schienen ihr ein ordentliches Volk.“) 1994 zum Studium nach Deutschland kam, hat er allerlei deutsche Wesensarten übernommen. Das bescheinigen ihm zumindest Freunde aus der alten Heimat bei seinen Besuchen alle paar Jahre. Ehrgeizig und strebsam sei er schon immer gewesen, nun kommen Pünktlichkeit und Ordnungssinn hinzu. Auch der kritische Blick aufs eigene Volk, dessen Hang zum Populismus und zum Jammern er in einem Gedicht verarbeitet, kommt nicht überall gut an: „Wer lässt sich schon gern von Außenstehenden kritisieren?“

Nicht erst seit seiner Einbürgerung 2010 anlässlich der Verbeamtung als Lehrer fühlt sich Torres Morales zwischen den Kulturen gestrandet, nirgendwo wirklich zugehörig. Allerdings könne man das auch positiv betrachten: „Ich habe das Beste aus meiner alten Welt mitbekommen, zusammen mit den Chancen der Neuen, quasi wie eine Bronzefigur mit Silberlegierung.“ Dieser positive Blick auf die Welt gelang Torres Morales nicht immer. Sonst wären wohl die 100 Gedichte, die sich mit ganz unterschiedlichen Themen beschäftigen, von Autobiografischem wie der ersten Liebe über Erinnerungen an die alte Heimat bis zur Geschichtskritik, von 1995 bis 1998 nicht entstanden.

Damals fühlte sich der junge Student, der von einer Familie aufgenommen wurde, trotz allen Staunens über die neuen Eindrücke – das Grün des Bonner Umfelds, die Pünktlichkeit der Straßenbahnen, einsam. Die Leseratte vergrub sich in Büchern, „einmal bin ich sogar über Nacht in der Uni-Bibliothek eingeschlossen worden – ein großes Abenteuer“, erinnert sich Torres Morales. Sie alle fließen in die Gedichtsammlung „La Maravilla de la Vida“ ein, die Torres im Nachhinein als „Skizzenbuch“ oder „Randbemerkungen“ seines damaligen Lebens verstanden wissen will.

„Ich war denen einfach zu teuer“

Dass sie rund ein Vierteljahrhundert später veröffentlicht werden, ist fast ein Wunder. Denn als Torres nach dem Studium nach Peru zurückkehrt, um dort zu unterrichten und einen Verlag zu gründen, der Klassiker der peruanischen Literatur in Form günstiger Drucke ähnlich wie beim Reclamheft für ärmere Kinder erschwinglich zu machen, wird eines Nachts in das frisch gegründete Verlagsbüro eingebrochen. Alle drei Computer werden gestohlen, darauf sämtliche schriftliche Aufzeichnungen des jungen Literaten und Dichters. „Zum Glück hatte ich vorher kleine selbstgebundene Heftchen an Freunde verkauft, sonst wäre alles dahin gewesen.“

Die Unterschiede zwischen den beiden Welten, sie sollen sich in vielerlei Hinsicht bemerkbar machen. Die Bezahlung von Lehrern in Peru unterscheidet sich erheblich von der in Deutschland – neben seinem Job an der Deutschen Schule nimmt Torres Lehrverpflichtungen am Goethe-Institut und der Uni an, um über die Runden zu kommen. Er kehrt seiner Heimat erneut den Rücken, um in Deutschland Lehramt zu studieren. Als er sich später von Deutschland aus an die deutsche Schule im Lima zurück bewirbt, wird er nicht genommen: „Ich war denen einfach zu teuer.“

Wie groß auch die Unterschiede im sprachlichen Ausdruck zwischen Spanisch und Deutsch sind, stellt der Vater eines neunjährigen Jungen beim Übertragen der Gedichte ins Deutsche fest: „Im Spanischen liebt man es zu schwafeln, im Deutschen kommt man auf den Punkt.“ Dies habe ihm dabei geholfen, die Kernaussagen klarer zu formulieren. Denn eines ist ihm klar: Wenn er in Deutschland veröffentlichen will, dann kann das nur in einer zweisprachigen Ausgabe mit Übertragung seiner Lyrik funktionieren. Dabei ist Lyrik für den sendungsbewussten Pädagogen kein Selbstzweck, sondern „eine Form, Zivilisation aufzusaugen – der Dichter ist ein Spiegel, eine Stimme“.

Weitere Veröffentlichung in Planung

Beim Verlag ist man von den ersten Leseproben angetan. Das ermutigt den Lehrer, der nach Buxtehude inzwischen am Gymnasium in Tostedt unterrichtet, statt der geplanten 40 mehr als doppelt so viele Werke einzureichen – mit Erfolg: Der Verlag sagt mit Kusshand zu, fast parallel dazu ist sogar eine weitere, 700 Seiten schwere Veröffentlichung weitere Lyrik aus seiner Feder geplant, dieses Mal nur auf Spanisch. „Ein ganz schöner Schlauch, parallel zum Home Schooling von Vater und Sohn. Gefreut habe er sich eigentlich erst so richtig, nachdem auch der zweite Band fertig in den Händen hielt, „beim ersten überwog noch das Adrenalin, weil es ja mit dem zweiten Band weitergehen musste. Mittlerweile ist sogar ein dritter in Planung, dieses Mal mit Sonetten, „aber darum kümmere ich mich erst in den Sommerferien.“

Die Notwendigkeit, Flüchtiges in Reimform aufs Papier zu bannen, sie hat im Laufe der Jahre nachgelassen. Zu schreiben hätte der sprachgewaltige und wissensbeschlagene Peruaner mit dem deutschen Pass noch viel, „allein über Scheeßel würde mir ein Dutzend Gedichte einfallen“ – doch zum Niederschreiben reicht zwischen Job und Sohn die Zeit nicht aus.

Im Handel erhältlich

Der Gedichtband „La Maravilla de la Vida – Wunder des Lebens“ von Miguel Torres Morales ist im Königshausen & Neumann-Verlag erschienen und für 45 Euro unter der ISBN-Nummer 978-8260-7311-3 im Buchhandel erhältlich.

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