„Die Verschleppungsgefahr ist hoch“

Wildschweine im Visier: Henrik Porrath über den Sinn und Zweck von Drückjagden

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Jagdhornbläser signalisieren an der Strecke mit den erlegten Tieren, dass die Jagd vorbei ist. 

Scheeßel - Von Hannelore Rutzen. Herbstzeit ist Drückjagd-Saison: Seit jeher laden die Gastronomen daher auch zu kulinarischen Wildwochen ein. Gerade heutzutage hat die Treibjagd-Jahreszeit aber weniger einen gastronomischen als einen prophylaktischen Aspekt, betont Henrik Porrath, Leiter des Hegerings Scheeßel.

Unter seiner Federführung machten sich am Wochenende Jäger, Treiber und Hundeführer aus insgesamt 13 Revieren auf zu einer revierübergreifenden Drückjagd, um die Zahl der Wildschweine zu reduzieren. Am Rande der Aktion sprachen wir mit Porrath über den Sinn und Zweck einer solchen Jagd und was sie mit der Afrikanischen Schweinepest zu tun hat.

Henrik Porrath leitete die Drückjagd.

Herr Porrath, was veranlasste den Hegering, eine solche Drückjagd westlich der B 75 zu organisieren?

Henrik Porrath: Durch den gestiegenen Maisanbau und das für die Wildschweine ideale Nahrungsangebot vermehrte sich der Schwarzkittelbestand in den letzten Jahren in unserer Region besonders. Man könnte fast sagen, dass er sich in den vergangenen 20 Jahren explosionsartig verändert hat. In den großflächigen Maisschlägen finden die Wildschweine gute Nahrung und können sich in den Beständen verstecken und zurückziehen. Gerade die Sauen mit ihrem Nachwuchs, den Frischlingen, werden Jahr zu Jahr gewiefter und bleiben für den Jäger fast unsichtbar am liebsten in Deckung. Solange der Mais noch auf dem Stängel ist, ist es schwer, die Wildschweine zu bejagen. Ein anderer Grund für den hohen Bestand sind bei uns die relativ warmen Winter, in denen sich die Tiere gut entwickeln und auch kranke und geschwächte Tiere überwintern können. Wir haben als Jäger die Aufgabe, die Wildschweinbestände zu hegen und zu pflegen, gesund zu halten und alte, kranke, überzählige und geschwächte Tiere aus dem Bestand zu entnehmen. Sorge bereitet uns gleichzeitig die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest. Sie hat derzeit den Ostrand von Polen und Tschechien erreicht und wandert westwärts. Die Verschleppungsgefahr durch Übertragung per Lkw-Transporte, Tourismus und auch Jäger ist hoch.

Warum muss der Schwarzkittelbestand überhaupt bejagt werden?

Porrath: Wie bereits angedeutet, haben wir als Hegering die Aufgabe, die artenreiche gesunde und frei lebende Tier- und Pflanzenwelt zu schützen und zu erhalten und ihre Lebensgrundlagen zu sichern. Andererseits muss krankes, den Bestand schädigendes und überschüssiges Wild aus den Beständen entnommen werden. Wir sind angehalten waidgerecht, natur- und tierschutzgerecht mit den uns anvertrauten Kreaturen und deren Lebensräumen umzugehen. Die Tiere werden nicht einfach abgeschossen, sondern geplant aus der Kenntnis des Bestandes.

Darf jeder schießen?

Porrath: Natürlich nicht. Und auch nicht jeder darf eine Waffe haben. Es wird unterschieden zwischen dem Erwerb, Besitz und Führen einer Waffe und der Erlaubnis zum Schießen. Die erforderliche Kenntnis und der qualifizierte Umgang mit Waffen, Jagdgeräten und Jagdhelfern wie Hunden, Greifen und Frettchen werden nicht nur in der Ausbildung und mit Ablegen der Prüfung zum Jäger übermittelt, sondern auch danach ständig trainiert. Ein Schuss muss waidgerecht gut sitzen und darf nicht so auftreffen, dass das Tier lange leidet. Ein Jagdhund muss speziell ausgebildet werden.

Das Ergebnis der Drückjagd war nicht so überragend und nur ein Teil der Strecke wurde nach Westerholz gebracht, weil man nicht alles geschossene Wild kilometerweit transportieren wollte. Dennoch wurde es verblasen und zum Abschluss das Schüsseltreiben angesetzt.

Porrath: Ja, es stimmt. Der Erfolg der Drückjagd war von vornherein nicht planbar. Die Strecke, die insgesamt geschossen wurde, darunter 13 Schwarzkittel, drei Füchse und ein krankes Stück Damwild, war im Ergebnis nicht das, was wir erhofften. Wir sind aber dennoch zufrieden. Ich beobachtete, dass in einigen Orten auch noch nicht der ganze Mais abgeerntet war, was das Bejagen schwierig gestaltete. Die Pflege des jagdlichen Brauchtums ist uns wichtig. Der Beginn der Jagd wird normalerweise angeblasen. Aufgrund des großen Jagdgebietes und der wenigen zu dieser Drückjagd zur Verfügung stehenden Stunden war das bei uns dieses Mal nicht möglich. Zum Schluss aber vor dem Schüsseltreiben verbliesen die Bläser einen Teil der Strecke. Das sind wir dem Wild schuldig, dass wir in Verantwortung und respektvoll aus Ehrfurcht vor dem Leben und dem Tod der Tiere sie mit ihren eigenen Jagdsignalen ehren.

Hintergrund: 

Insgesamt 240 Jäger, Treiber und Hundeführer aus 13 Revieren nahmen an der Drückjagd an diesem Wochenende teil. Die Jagdfläche erstreckte sich über 7.000 Hektar. Die Teilnehmer kamen aus Hatzte, Sothel, Jeersdorf, Scheeßel, Wohlsdorf, Westerholz, Borchel, Abbendorf, Oldenhöfen, Wittkopsbostel und Westeresch.

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