Geplantes Naturschutzgebiet erhitzt in Scheeßel die Gemüter

Unmut trotz Zugeständnissen

Wanderfreunde müssen sich keine Sorgen machen: Die Nordpfade bleiben auch im Naturschutzgebiet uneingeschränkt betretbar. Fotos: Warnecke

Scheeßel - Von Lars Warnecke. „Wir möchten, dass Sie verstehen, warum wir das machen“, sagt Torsten Lühring. Doch das vom Ersten Kreisrat ausgegebene hehre Ziel scheitert schon daran, dass einige Menschen im Saal akustisch kaum etwas von den Ausführungen der Kreisverwaltung verstehen. Ohne Mikrofonanlage versuchen Lühring und seine Kollegin Ronja Schuldt vom Amt für Naturschutz und Landschaftspflege am Montagabend, in einer Schulterschluss-Sitzung des Scheeßeler Umwelt- und des Kernortausschusses sowie der Orträte Wohlsdorf und Jeersdorf, den Kommunalpolitikern und Zuhörern im Saal des Wittkopsbosteler Dorfgemeinschaftshauses die neuen Regeln und Verbote zu erklären, die demnächst im geplanten Naturschutzgebiet entlang der Wümme gelten sollen. Der Unmut im Saal ist groß. Anwohner, Vereinsvertreter und Landwirte teilen ihre Sorgen mit. Das eigentliche Ziel, nämlich über die von der Gemeindeverwaltung erarbeitete Stellungnahme zu diskutieren und abzustimmen (wir berichteten), gerät dabei so sehr ins Abseits, dass es nun einen Nachholtermin geben wird. Aber dazu später.

Der Landkreis Rotenburg hängt damit hinterher, EU-Vorgaben gemäß der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) zu erfüllen. Konkret geht es um die Sicherung eines seit knapp 20 Jahren bestehenden FFH-Gebiets, das auch die Gemarkungen Scheeßel, Wohlsdorf und Jeersdorf durchzieht. Die Untere Naturschutzbehörde will es als neues Naturschutzgebiet „Wümmeniederung mit Rodau, Wiedau und Trochelbach“ ausweisen. Den Status eines Landschaftsschutzgebietes genießt es schon seit den 1940er-Jahren. Und genau diesen Umstand verleitet Gemeinderatsherr Dirk Lange (CDU) zu der Frage, warum an dem bestehenden Schutzstatus nun überhaupt mit aller Gewalt gerüttelt werden solle. „Wenn wir alles so belassen, wie es ist, würden wir den Anforderungen aus der EU-Verordnung doch trotzdem entsprechen und könnten uns die ganzen Verbote, die aber wiederum teilweise durch Freistellungen aufgeweicht werden sollen, ersparen“, gibt er zu bedenken.

Lühring erklärt, dass FHH-Gebiete vom Grundsatz her sehr wohl durch Landschaftsschutzgebiete gesichert werden könnten. „Aber es kommt auch immer auf den Einzelfall an.“ Aus Sicht des Landkreises sei in diesem Fall die Ausweisung zum Naturschutzgebiet sogar ganz zwingend, da das FHH-Gebiet mit entsprechend relevanten Tier- und Pflanzenarten reichhaltig bestückt sei. „Insofern ist es auch eine zwingende Aufgabe, sodass wir es auch wirksam, wie von der EU gefordert, sichern können“, betont der Kreisrat.

Ein Ziel der Naturschutzverordnung, die generell sehr viel härter greift als die eines Landschaftsschutzgebietes, ist die Erhaltung des artenreichen Grünlandes, das oft erst durch die landwirtschaftliche Bearbeitung in der jetzigen Form existiert. Doch auch Landwirte bekommen zusätzliche Auflagen – und zum Ausgleich einen Erschwernisausgleich vom Land. Einen Leidensdruck verspüren sie dennoch – das wird bei den vielen Zwischenrufen aus den Reihen der Gremien und des Publikums deutlich.

Ein weiterer Punkt, der zur Sprache kommt: die Nordpfade. Sorgen, dass für die auch durch das Gemeindegebiet verlaufenden Wanderwege in dem von der Ausweisung betroffenen Gebiet künftig Betretungsverbote ausgesprochen werden könnten, seien unbegründet, macht Ronja Schuldt vom Naturschutzamt deutlich. „Überhaupt sollen Freizeitwege von solchen Verboten ausgenommen werden – wenn sie denn nicht durch Waldgebiet gehen“, erklärt sie.

Antworten auf all die Fragen, die auf die beiden Kreisverwaltungsvertreter einprasseln, gibt es am Ende der Sitzung reichlich. „Ob man mit denen zufrieden ist, ist eine andere Geschichte“, versucht Scheeßels Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele (CDU) nach gut zweistündigem Austausch irgendwie in die Spur zurückzufinden. Ihrem Eindruck nach sei es für die politischen Gremien noch zu früh, sich zu der Verwaltungsvorlage beziehungsweise dem Entwurf der Stellungnahme zu positionieren. Zwar haben die Ortsräte die für sie relevanten Punkte zur Sprache gebracht – hier und da sollen ihrer Forderung nach Flächen aus dem Naturschutzgebiet herausgenommen werden –, aber gerade die beiden Fachausschüsse tun sich schwer, angesichts der Informationsflut klare Kante zu zeigen. Stattdessen sehen die Mitglieder noch Beratungsbedarf.

Am Mittwoch, 19. Februar, soll die Sitzung in gleicher Konstellation und am selben Ort erneut stattfinden – dann zur Entscheidungsfindung. Zwar läuft die Frist, bei der die Öffentlichkeit ihre Einwände beim Landkreis vortragen kann, schon Mitte kommender Woche ab. Die gemeindliche Stellungnahme, so Kreisrat Lühring, könne in Anbetracht der Lage ausnahmsweise aber auch noch ein paar Tage später abgeschickt werden. Wie heißt es so schön: Fortsetzung folgt.

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