Familie bleibt in Ostervesede

Ungewisse Zukunft: Kleiner Zirkus bangt um seine Existenz 

Ein kleiner Zirkus kämpft um sein Überleben: Mitglieder der Familie May mit einem Teil der 60 Tiere. Fotos: Bonath

Ostervesede - Das Jobcenter des Landkreises Rotenburg rief am Montag an und teilte Tamara May kurz und bündig mit: Der Antrag auf Unterstützung durch Hartz-IV sei abgelehnt. Steht der kleine Familienzirkus in fünfter Generation, der mit mehr als 60 Tieren in einem Wäldchen in der Nähe von Ostervesede an der Straße nach Benkeloh im November Winterquartier bezogen hat, als Folge der Coronakrise und fehlender staatlicher Unterstützung vor dem wirtschaftlichen Aus? Nino May, Chef von „Circus May” und seine Lebensgefährtin Tamara sind verzweifelt und mutlos.

Wie soll es weitergehen? Woher das Geld nehmen für das Tierfutter, für die Versorgung der neunköpfigen Mannschaft, die zum großen Teil aus Mitgliedern der eigenen Familie besteht? Hat der Zirkus überhaupt die Chance, noch in diesem Jahr nach Abschluss der Vorbereitungen zur Tournee aufzubrechen?

Die beiden glauben kaum noch daran und richten sich auf eine lange Zeit des Wartens ein. Existenzängste, ähnlich wie bei den meisten ihrer Kollegen, werden wach und gipfeln in der Frage „Was sollen wir denn machen, wir haben ja nichts anderes gelernt?”

Schon seit vielen Jahren kämpfen kleine Familienzirkusse um ihr Überleben: immer weniger Plätze, die von den Städten und Gemeinden zur Verfügung gestellt werden, Kosten, die den kleinen Unternehmen über den Kopf wachsen, bürokratische Hemmnisse, die die eigentliche Zirkusarbeit nachhaltig stören, vermeintliche Tierschützer, die nach „Haaren in der Suppe” suchen, um Zirkusleute zu diskreditieren.

Die Zirkusleute Tamara und Nino May plagen echte Existenzsorgen.

Vor etwa vier Wochen fuhren Nino und Tamara May nach Rotenburg zum Jobcenter, um Hartz-IV zu beantragen. Dabei hatten sie Unterlagen und Fotos, um ihre wirtschaftliche Situation zu dokumentieren. Es sei, so Tamara May, ein sachliches Gespräch mit den beiden Landkreismitarbeiterinnen gewesen, allerdings ohne das erhoffte Ergebnis.

Bekommen hätten sie vom Amt Formulare und den Hinweis, Vertreter des Jobcenters könnten aufgrund von Schutzmaßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nicht zum Zirkus-Stellplatz nach Ostervesede kommen. Und dann noch dieser Rat für die beiden Mays: Sie sollten doch einen Teil ihrer Tiere verkaufen, um finanzielle Lücken zu stopfen.

Nino Mays Reaktion bewegt sich zwischen Unverständnis und Verärgerung: „Wir kommen inzwischen seit mehr als 40 Jahren in den Landkreis Rotenburg. Jetzt, wo es darum geht, dringend eine Unterstützung zu bekommen, damit wir einkaufen können, werden wir alleingelassen. Wir wollten nur Hartz-IV-Unterstützung bekommen, um Essen einkaufen zu können. Alles wurde abgelehnt.”

Anton May (11)kümmert sich regelmäßig um ein drei Wochen altes Schaflamm.

Der 43-Jährige ist mit Leib und Seele von Jugend an Zirkusmann „Einen Teil unserer Tiere sollten wir verkaufen. Dabei sind sie es doch, von denen wir leben.”

Wovon leben die Menschen des kleinen „Circus May”, wo nehmen sie das Futter für ihre Tiere her, wie bestreiten sie ihre weiteren regelmäßigen Ausgaben? May kommt es nur schwer über die Lippen, weil der Stolz ihn offensichtlich hindert: „Wir leben von Geld- und Sachspenden. Der Besitzer der alten Kornbrennerei, auf dessen Grundstück wir mit unserem Zirkus überwintert haben, hat uns versprochen, dass wir auch in den kommenden Monaten hier bleiben dürfen. Immer wieder erleben wir, dass uns Bauern Futter für unsere Tiere zur Verfügung stellen.“

Unterstützung gebe es auch von Bürgern aus der näheren Umgebung. Die Kirchengemeinden in Soltau, Schneverdingen und Sittensen hätten für den Zirkus gespendet.

Nino May: „Die Menschen anbetteln – ich mag es wirklich nicht, aber mir bleibt keine andere Wahl. Wie es künftig weitergehen soll, weiß ich nicht. Zirkuskollegen, mit denen ich gesprochen habe, waren der Meinung, dass die Zirkusse das ganze Jahr stillstehen. Ob sich alle davon erholen, kann niemand sagen.”

Wer den Zirkus der Familie May kontaktieren möchte, kann dies telefonisch unter 01525 / 7543445 und 01520 / 4889321 machen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Polizei in Belarus setzt und Blend- und Lärmgranaten ein

Polizei in Belarus setzt und Blend- und Lärmgranaten ein

Bayern mit Tor-Festival dank Lewandowski - Leipzig Spitze

Bayern mit Tor-Festival dank Lewandowski - Leipzig Spitze

Mit Vaseline und gutem Gummi - so wird das Auto winterfit

Mit Vaseline und gutem Gummi - so wird das Auto winterfit

Jubel in Hoffenheim: Sieg gegen Roter Stern Belgrad

Jubel in Hoffenheim: Sieg gegen Roter Stern Belgrad

Meistgelesene Artikel

Karlshöfener berichtet von Covid-19-Erkrankung: „Mir ging’s richtig dreckig“

Karlshöfener berichtet von Covid-19-Erkrankung: „Mir ging’s richtig dreckig“

Karlshöfener berichtet von Covid-19-Erkrankung: „Mir ging’s richtig dreckig“

Kommentare