Verfahren eingestellt

Unfall im Waldorfkindergarten: „Die haben zu 100 Prozent versagt“

Im Waldorfkindergarten an der Friedrichstraße hat sich der Unfall vor mehr als einem Jahr zugetragen. - Foto: Warnecke
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Im Waldorfkindergarten an der Friedrichstraße hat sich der Unfall vor mehr als einem Jahr zugetragen. 

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Lias ist ein aufgewecktes Kind. Zwei Jahre ist der Junge alt. Sieht man ihm beim Spielen zu, erinnert nichts an das, was ihm vor mehr als zwölf Monaten widerfahren ist. Nach einem Unfall im Scheeßeler Waldorfkindergarten an der Friedrichstraße trug Lias schwere Verletzungen davon. Seine Mutter ist überzeugt: „Dieser Unfall und wie das Personal damit umgegangen ist – das hätte nie passieren dürfen.“

Es ist der 15. Januar vergangenen Jahres, ein Freitag. Eigentlich ein ganz normaler Tag im Waldorfkindergarten. Nach dem morgendlichen Begrüßungskreis wird mit den Kleinen gestrickt, genäht, gehäkelt, gemalt. 

Schließlich setzt sich die Gruppe mit ihren beiden Erzieherinnen an den Frühstückstisch. Das Essen wird gemeinsam zubereitet, so sieht es das pädagogische Konzept dort vor. Eine lebhafte Stimmung herrscht, wie jeden Morgen. Nichts Ungewöhnliches. Dann, gegen 10 Uhr herum, passiert es. In einem unbeobachteten Moment, die Betreuerinnen stehen direkt neben ihm, greift der kleine Lias (wir haben den Namen geändert) zum Wasserkocher. 

Haut stellenweise verbrüht

Das Gerät steht auf der Arbeitsplatte der Küchenzeile. Sekunden später liegt der Junge am Boden. Er schreit vor Schmerzen. Seine Haut ist stellenweise verbrüht. Durch das siedend heiße Wasser hat das damals 15 Monate alte Kind, wie man nachher im Krankenhaus feststellen wird, Verbrennungen zweiten Grades erlitten. Lias muss zwei Mal operiert werden.

So stellt es die Mutter Natascha Kammer dar. Heute, sagt sie, gehe es ihrem Sohn den Umständen entsprechend gut. „Da er für sein Alter überdurchschnittlich groß ist und sehr schnell wächst, können die Narben aufreißen – alles verheilt ganz gut“, sagt die 27-Jährige. Allerdings sei sein Empfinden, Schmerz zu zeigen, heute ein anderes. Eine Hauttransplantation, so Kammer, werde wohl unvermeidlich bleiben.

Mittlerweile macht die Scheeßelerin um den Waldorfkindergarten einen großen Bogen. Ihr Sohn besucht inzwischen den Beeke-Kindergarten. An die damaligen Geschehnisse wird sich Lias wohl nicht mehr erinnern, wohl aber seine Mutter. Auch ihr Leben habe der 15. Januar 2016 verändert, erzählt sie.

„Für mich war das alles unfassbar!“

Zurück zur Chronologie – so, wie sie Natascha Kammer schildert. Die 27-Jährige ist bei der Arbeit, als der Kindergarten anruft. Ihr Junge habe sich leicht verbrüht, er müsse direkt zum Kinderarzt, wird sie informiert. Das Angebot der Erzieherinnen, sofort den Rettungswagen zu rufen, lehnt sie ab. „Da ich immer an das Gute im Menschen glaube, habe ich nie an etwas Schlimmes gedacht.“ Dass die Verletzungen am Ende doch schlimmer waren, als befürchtet, habe schließlich der Befund der Ärzte im Krankenhaus gezeigt.

Sofort fährt Kammer los. Als sie ankommt, traut sie ihren Augen nicht: „Er war ausgezogen in eine Wolldecke gepackt worden, keine Kühlung – nichts!“ Dabei, meint sie, „sagt einem bei dem Verletzungsmaß doch der reine Menschenverstand schon, dass das Kind dringend einen Notarzt braucht“. So harmlos, wie man es ihr am Telefon weismachen wollte, sei der Unfall jedenfalls nicht verlaufen. „Für mich war das alles unfassbar!“

Unverzüglich habe sie ihren unentwegt weinenden Sohn zum Kinderarzt gefahren. „Um ihn zu beruhigen, hatte ich eine Erzieherin gebeten, mich zu begleiten.“

Geschäftsführerin hat eine andere Sicht

Was ist damals wirklich geschehen? Marlene Heuer-Patschull hat eine etwas andere Sicht auf die Dinge. Sie ist vom geschäftsführenden Vorstand der Einrichtung. Ihrer Darstellung nach hätten sich die Mitarbeiter mit sofortigen Erste-Hilfe-Maßnahmen „fachgerecht verhalten“. Dabei, sagt sie, sei durchaus ein kühles, feuchtes Handtuch über den Jungen gelegt worden.

Auch, dass man der Mutter angeboten habe, umgehend den Krankenwagen zu rufen, decke sich mit der Aussage der Mutter. Aber: „Der Junge hat keinesfalls vor Schmerzen geschrien, sondern ist auf dem Arm der Erzieherin eingeschlafen.“

Längst beschäftigt der Fall auch die Justiz. Natascha Kammer und ihr Mann haben Strafanzeige gegen die Erzieherinnen gestellt. „Dieser Unfall hätte verhindert werden können“, ist die 27-Jährige überzeugt. „Hier war nicht der Personalschlüssel schuld, sondern einfach das menschliche Versagen an Sicherheit – aus unserer Sicht hat man in dem Kindergarten zu 100 Prozent versagt.“

Das sieht man bei der Staatsanwaltschaft Verden offenbar anders. Sie hat das Verfahren gegen die besagten Erzieherinnen, von denen eine seit Ende 2016 nicht mehr im Waldorfkindergarten arbeitet, inzwischen wieder eingestellt. Oberstaatsanwalt Marcus Röske spricht von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“, die letztendlich dazu geführt hätten, dass es dennoch zu dem Vorfall gekommen sei. „Am Ende war es eine Abwägung, das man trotz der gravierenden Verletzungen des Kindes dazu kommen musste, dass das Verschulden der Beschuldigten unmittelbar als gering einzustufen ist“, äußert sich Röske auf Nachfrage.

Für Natascha Kammer ist das Kapitel damit aber noch nicht beendet. Sie und ihr Mann möchten erneut klagen. „Wir warten jetzt ab, ob sich ein Anwalt freiwillig bereiterklärt, uns zu unterstützen.“ Sie wolle, sagt sie, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Ob Print- oder TV-Medien – dafür sucht die junge Frau geradezu die Öffentlichkeit. Und macht sich damit nicht nur Freunde. So räumt eine Mutter eines Scheeßeler Waldorfkindes in den sozialen Netzwerken zwar ein, dass „das alles sehr unglücklich gelaufen“ sei, „allerdings sollte es nicht auf dem Rücken der anderen Kinder und Eltern ausgetragen werden“.

Und die Geschäftsführerin der Einrichtung? Die wird nicht müde zu betonen, dass sich ein Vorfall wie der vom 15. Januar 2016 nicht noch einmal wiederholen werde. Was die Beschreibung der Verletzungen des kleinen Lias angeht, habe es „ein Missverständnis zwischen Erziehern und Eltern gegeben“, sagt Heuer-Patschull.

Fortan, versichert sie, werde man immer gleich den Notarzt kommen lassen. Wieso Natascha Kammer nach dem eingestellten Verfahren ihre Version medial so publik macht – die Waldorfkindergarten-Chefin hat eine Vermutung: „Offenbar wollen die Eltern das Schmerzensgeld kassieren.“

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