Theaterfrühling: Elftklässler spielen Collage vor Flüchtlingen

Tour de Force bei der Generalprobe

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Ria Hensel brachte authentisch die Gefühle eines Flüchtlingskinds auf die Bühne.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Als die Akteure des Wahlpflichtkurses „Darstellendes Spiel“ am Montagabend zur Premiere ihrer selbst geschriebenen Collage „Ein schrecklich nettes Land“ auf die Bühne traten, hatten sie die eigentliche Feuertaufe schon hinter sich – und eine Tour de Force noch dazu.

Sich vor das Publikum zu stellen und – als eine Facette der Auseinandersetzung der Elftklässler mit dem Thema „Flüchtlinge“ –, mit politisch nicht eben korrekten Ausländerwitzen zu provozieren oder in Anlehnung an die Parolen der AfD „Wir wollen sie nicht!“ zu skandieren, erfordert Mut. Das Gleiche aber vor einem Publikum ausschließlich von Flüchtlingen zu tun, „das ist nochmal eine ganz andere Nummer“, machte Sören Heyber im Anschluss seinen gemischten Gefühlen Luft. Und Mitstreiter Sebastian Röhrs fügte hinzu: „Da schämt man sich richtig“.

Die Gedanken rund um das Thema Flucht vor denen zu spielen, die die traumatische Erfahrung tatsächlich gemacht haben, in eindringlichen Bildern Einsamkeit, den Verlust von Heimat und Familie oder die Konfrontation mit einer anderen Kultur zu erzählen: Ein Experiment, das den Akteuren auf der Bühne wohl ebenso unter die Haut ging wie den Menschen davor. Als Ria Hensel nur mit einem Plüschhund die Verzweiflung eines Kindes darstellt, weint eine Frau im Saal. Die Schülerin hat bei der Entwicklung der Szene den Tod eines Freundes einfließen lassen – als sie im anschließenden Gespräch von dieser Verlusterfahrung berichtet, sind die Zuschauer betroffen. Auch das Gefühl, als Fremder ignoriert oder angestarrt zu werden (klug in Szene gesetzt durch Wahl schwarzer und weißer Kleidung), bis jemand den Flüchtling in der Menge anspricht und ihm die Hand reicht, entspringt einer eigenen Erfahrung.

„So direkte Reaktionen, das ist der Wahnsinn!“

Als Katharina Rietbrock auf der Bühne spielt, wie sie selbst einmal den ersten Schritt gemacht hat, applaudieren die Flüchtlinge – bei den in Szene gesetzten Vorurteilen wie „Die sind faul, sollen wieder weg oder Deutschland den Deutschen“ herrscht Beklemmung. Thomas Stermann, der die Idee hatte, Scheeßeler Flüchtlinge zur Generalprobe einzuladen, ist beeindruckt: „So direkte Reaktionen – das ist der Wahnsinn!“

In der Tat: Als einer der Akteure ob geschlossener Grenzen und ertrinkender Kinder mit Gott hadert und ins Publikum fragt: „Gott, wo bist du?“, antwortet jemand: „Ich weiß es nicht!“

Eine der stärksten Szenen, die auf die Neuankömmlinge eindringende neue Kultur und Maschinerie der Bürokratie, pantomimisch umgesetzt, haben viele der Zuschauer selbst so erlebt, wie sie später erzählen. „Das kam alles wieder hoch“, lässt einer durch die anwesende Leiterin des Deutschkurses Roueida Kara übersetzen. Die Rache deutscher Frauen, die einen Vergewaltiger nach den Silvesterübergriffen in Köln und Hamburg zusammenschlagen, finden einige übertrieben.

Als in einer zynischen Überspitzung einer Flucht als „Romantiktripps auf See“, gekauft wie eine Tüte Brötchen, Rettungswesten herausgeholt werden, raunen einige.

So vielgestaltig die Szenen wie auch die verwendeten Stilmittel sich auch ausnehmen: Die Flucht selbst wird von den Schülern nicht gezeigt: „Das können wir einfach nicht; keiner kann die Gefühle nachempfinden“, so die Begründung.

Es werden noch einige Gesprächsrunden folgen, nach den offiziellen Vorführungen an den folgenden Tagen – doch schon am Montagmittag, nachdem keiner sich so recht lösen mag und auch nach dem offiziellen Teil noch Selfies geschossen, Adressen und Gedanken ausgetauscht werden, ist den Beteiligten klar: Das eben war nicht bloß Schülertheater, sondern das Treffen von Kulturen und Menschen.

Elftklässler spielen Collage vor Flüchtlingen

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