Die beiden FKP-Scorpio-Chefs über den Ausfall des Hurricane-Festvials

„Es ist ein tiefer Einschnitt“

Blicken nach einigen für sie schwierigen Wochen wieder optimistisch in die Zukunft: Stephan Thanscheidt (l.) und Folkert Koopmans, die beiden Geschäftsführer vom Festival- und Konzertveranstalter FKP Scorpio. Foto: Heimplatz

Scheeßel/Hamburg - Von Lars Warnecke. Eines ist sicher: Der Sommer 2020 wird einer ohne Festivals sein. Denn Großveranstaltungen sind bis mindestens noch Ende August untersagt. Die Branche ächzt – und auch hinter dem Hamburger Event-Riesen FKP Scorpio, unter anderem verantwortlich für die Ausrichtung des Hurricane-Festivals in Scheeßel, liegen ein paar schwierige Wochen. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußern sich Folkert Koopmans und Stephan Thanscheidt, die beiden Geschäftsführer, wie die Corona-Krise ihr Unternehmen kalt erwischt hat, sprechen über Perspektiven und warum die unlängst für das Hurricane an den Start gegangene Ticketplattform eine durchaus faire Lösung für die Besucher darstellt.

Herr Koopmans, Herr Thanscheidt, in den letzten Wochen standen Sie uns für Interviewanfragen nicht zur Verfügung. Woran lag es?

Folkert Koopmans: Das hat einen einfachen Grund: Wir haben all unsere Energie in Lösungen für unsere Gäste investiert. Die derzeitige Ausnahmesituation betrifft ja neben dem Hurricane mehrere hundert Veranstaltungen in unserem Portfolio, und wir mussten für jede einzelne von ihnen einen guten Weg finden. Beim Hurricane heißt das: Es gibt die Möglichkeit, das Ticket online kostenlos auf 2021 umschreiben zu lassen, wofür wir uns mit einem Support-Shirt für jedes umgeschriebene Ticket bedanken. Wer es im nächsten Jahr nicht schafft, kann natürlich die von der Bundesregierung beschlossene Gutscheinlösung in Anspruch nehmen oder eine sofortige monetäre Rückerstattung wählen, von der ein Betrag für unsere Partner von Viva con Agua einbehalten wird. Letzteres bieten wir freiwillig an, um uns für die große Solidarität in der Öffentlichkeit zu bedanken. Hinter uns liegen ein paar schwierige Wochen, in denen uns der große Zuspruch unserer Gäste viel Kraft gegeben hat.

Sieht man sich die Resonanz in den sozialen Netzwerken an, stößt dieses Ticket-Modell durchaus auf viel Sympathie.

Stephan Thanscheidt: Das stimmt. Uns war es einfach wichtig, unseren Besuchern eine Wahl zu lassen – auch wenn für die Allermeisten die Entscheidung sowieso klar war, wiederzukommen. Trotzdem wollten wir die große Solidarität, die wir in der letzten Zeit erfahren haben, für jeden Einzelnen erwidern, weil sich einige Personen in dieser Krise vielleicht noch nicht auf den nächsten Festivalsommer freuen können. Auch wenn die Situation ohne Frage ernst ist, hat sich wieder einmal etwas gezeigt, das uns unglaublich stolz macht: Gäste, Künstler und Veranstalter befinden sich nicht einfach in einer Geschäftsbeziehung. Wir sind viel mehr als das, wir sind eine große Festivalfamilie, die auf sich aufpasst. Und das zeigt sich immer dann am deutlichsten, wenn die Lage ernst ist.

Offenbar haben Sie also alles richtig gemacht, was das Krisenmanagement betrifft.

Thanscheidt: Das scheinen unsere Besucher tatsächlich so zu sehen, und wir freuen uns unglaublich, dass wir gemeinsam mit ihnen einen guten Weg gefunden haben. Ich sage bewusst gemeinsam, weil wir von Anfang an gespürt haben, dass sie auf unserer Seite sind – was bei anderen Unternehmen oder Branchen keine Selbstverständlichkeit ist. Dieser Rückhalt war unglaublich wichtig für uns, und es war ohnehin selbstverständlich, dass wir von Anfang an offen und ehrlich kommunizieren; auch wenn das erst mal hieß, zuzugeben, dass wir selbst nach Antworten suchen. Die gefundenen Lösungen sind dann ja entsprechend begeistert und emotional angenommen worden.

Welche Option wird von den Ticketinhabern denn am stärksten genutzt?

Thanscheidt: Die überwältigende Mehrheit hat sich schon dafür entschieden, ihr Ticket auf 2021 umschreiben zu lassen. Diese Option ist für uns und die gesamte Branche die hilfreichste, daher sind wir über den hohen Zuspruch auch sehr glücklich. Wir sehen uns also im nächsten Jahr wieder, was auf unsere Besucher und die Bands zutrifft. Das ist ein tolles Gefühl, und die Vorfreude unseres gesamten Teams könnte nicht größer sein.

Die Krise hat die Eventbranche so stark getroffen wie kaum eine andere. Wie leidet FKP Scorpio unter dem Ganzen – nicht nur bezogen auf die gestrichenen Festivals, sondern auch auf die Einzelkonzerte/Tourneen, die geplant waren?

Koopmans: Die derzeitige Situation ist ohne Frage die größte Herausforderung in unserer Firmengeschichte. Als nicht subventionierter Kulturveranstalter waren wir die ersten, die ihr Geschäft einstellen mussten und werden auch die letzten sein, bei denen wieder Normalität einkehrt. Das ist eine enorme Herausforderung. Wie ich eingangs erwähnt habe, sind all unsere Veranstaltungen betroffen, was bedeutet, dass wir derzeit überhaupt keine Umsätze verzeichnen. Was die Krise aber genau für uns bedeuten wird, ist derzeit nicht abzusehen. Wir müssen abwarten, welcher Weg durch die Politik vorgegeben wird, die gerade leider nicht mehr mit einer Stimme spricht und für die die Kultur nicht an erster Stelle steht.

Auf der anderen Seite sind langfristige Entscheidungen derzeit ja aber auch gar nicht möglich.

Koopmans: Ja, und das verstehen wir natürlich – es geht schließlich um die Sicherheit der Bevölkerung. Gleichzeitig muss aber auch klar sein, dass die Live-Event-Branche finanziell auf Dauer nicht durch leere Sitzreihen oder Auto-Konzerte tragbar ist, die man auch als Beschäftigungstherapie bezeichnen könnte.

Wie lange kann ein Unternehmen wie Ihres unter solchen Bedingungen noch durchhalten?

Koopmans: Wir haben zwei gute Jahre hinter uns, die uns nun kostbare Zeit schenken. Es ist aber ohne Frage ein tiefer Einschnitt, dass wir bis mindestens Ende des Jahres keine Einnahmen haben werden. Unser wichtigstes Ziel ist es, diese Phase gemeinsam mit dem gesamten Team, das allein in Hamburg aus rund 160 Mitarbeitern besteht, möglichst unbeschadet zu überstehen. Wie gesagt ist es für uns und die gesamte Branche entscheidend, wann der Regelbetrieb wieder anlaufen kann.

War es Ihrerseits nie eine Option, das Hurricane zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahr doch noch stattfinden zu lassen? Dann womöglich in einer anderen Form?

Thanscheidt: Das wäre mit zu vielen Fragezeichen verbunden gewesen, da die Lage insbesondere in der nahen Zukunft unvorhersehbar ist und auch unsere Acts nicht so kurzfristig planen können. Wir wollten für unsere Künstler und Besucher größtmögliche Sicherheit schaffen, daher ist der Ausfall verbunden mit unserer Ticketlösung letztlich die bessere Option. Außerdem wäre ein Hurricane außerhalb des Junis doch einfach nicht dasselbe.

In welchem Planungsstadium wären Sie jetzt gewesen, wenige Wochen vor der Veranstaltung?

Thanscheidt: Für unser Team sind die Frühlingsmonate normalerweise die arbeitsreichste Zeit des Jahres, in der die konkrete Umsetzung der ganzjährigen Planungen ansteht. Alle Gewerke und Partnerfirmen würden gerade mit Hochdruck die letzten Vorbereitungen treffen, bevor der Aufbau begonnen hätte.

Apropos Planung: FKP Scorpio hat 2019 in ein naturnahes Regenrückhaltebecken auf dem Veranstaltungsgelände investiert – für rund 350 000 Euro. Dieses Jahr sollte für ebenfalls sehr viel Geld eine Kanalisation hinzukommen. Hat sich dieses Vorhaben nun aufgrund wirtschaftlichen Rückschlags erstmal erledigt?

Koopmans: Diese Investition haben wir genauso wie sämtliche andere erst einmal zurückgestellt. Wir belassen alle Reserven im Unternehmen, damit wir ein möglichst großes Polster haben, um diese Zeit überstehen zu können.

Viele Künstler, die jetzt hätten auftreten sollen, sind 2021 dabei. Weitere Bands sollen noch bekannt gegeben werden. Wie ist Ihnen dieser Coup gelungen?

Thanscheidt: Wir sind auch echt froh, dass uns dieses Kunststück geglückt ist. Ohne die gute Arbeit unseres Teams und die unkomplizierte Reaktion unserer Künstler wäre das sicherlich nicht möglich gewesen. Wir haben alle an einem Strang gezogen, um das möglich zu machen. Zudem war es uns wichtig, unseren Acts treu zu bleiben, die durch die derzeitige Situation genauso betroffen sind wie wir. Solche schnellen Lösungen sind auch möglich, weil wir schon lange dabei sind und über den Ruf und das Netzwerk verfügen, um auch in Ausnahmesituationen für alle Beteiligten verlässlich zu sein.

Aber Sie gehen fest davon aus, dass nächstes Jahr das Hurricane wieder in gewohnter Form stattfinden kann.

Koopmans: Wir sehen insbesondere in der aktuellen Entwicklung keinen Grund, vom Gegenteil auszugehen.

Das Festivalwochenende auf dem Eichenring wäre jetzt nähergerückt. Führt einem das erst recht nochmal die Enttäuschung vor Augen, dass es nicht klappt?

Koopmans: Sicher, die Situation fühlt sich gerade komisch an. Andererseits hatten wir Zeit, uns an den Gedanken zu gewöhnen, und tragen die Entscheidung zum Schutz der Bevölkerung ja nach wie vor mit. Und aller Enttäuschung zum Trotz gab es auch viele Momente, die uns Kraft gegeben haben. Zum Beispiel der Zuspruch unserer Gäste oder unser Team, das in dieser Ausnahmesituation einen großartigen Job macht.

Was werden Sie denn an den drei „arbeitslosen“ Tagen unternehmen? Schon eine Idee?

Thanscheidt (lacht): Hat irgendjemand gedacht, dass wir das Festivalwochenende einfach so verstreichen lassen? Vielleicht nur so viel: Wir haben eine Überraschung vorbereitet, und es lohnt sich, unsere Kanäle in der nächsten Zeit im Auge zu behalten.

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