Helfen mit Hosen und Hemden

Team der Scheeßeler DRK-Kleiderkammer sucht dringend weitere Verstärkung

Sie arbeiten ehrenamtlich in der Kleiderkammer des DRK-Ortsvereins und freuen sich über neue Helfer (v.l.): Edeltraud Lieder, Heidrun Meyer, Elma Miesner, Elfriede Menzel, Erika Opitz und Hilke Dittmer (nicht im Bild: Ilse Viets und Ilse Behrens). - Foto: Warnecke

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Im Verkaufsraum, der in Männer- und Frauenbereich getrennt ist, stehen Regale dicht an dicht. Nirgendwo findet sich ein Ständer, der nicht mit Unterhosen, Schlafanzügen, Hemden, T-Shirts, Hosen, Jacken, Tagesdecken und Schuhen bestückt wäre.

Nein, über mangelnde Kleiderspenden können sich Edeltraud Lieder, die Leiterin der Scheeßeler Kleiderkammer, und ihre sieben Mitstreiterinnen wahrlich nicht beschweren. Aber: Auch die rührigen Damen des DRK-Ortsvereins, die sich teilweise schon seit vielen Jahren ums Sortieren und die Ausgabe kümmern, werden nicht jünger. Und die Arbeit wird wegen des starken Zustroms von Flüchtlingen nicht weniger. Darum sucht das Team jetzt Verstärkung.

Es herrscht Hochbetrieb am Kreuzberg. Rund 40 Menschen stehen an diesem Nachmittag vor dem Flachdachbau und warten darauf, eingelassen zu werden. Sie möchten sich kostengünstig einkleiden. „Ich brauche neue Schuhe“, meint Ismail und lächelt schüchtern. Benötigt würden neue Sportschuhe „Größe 45“, wie er mühsam auf Deutsch erklärt, allerdings habe er „breite Füße“. Mangelware, meint Edeltraud Lieder, die an diesem Tag mit zwei Ehrenamtlichen gegen kleines Geld säckeweise Kleiderspenden verteilt. Sie hat kein passendes Paar da, der Flüchtling soll später noch einmal kommen.

Öffentlich zum Spenden aufrufen müssen die Rotkreuzlerinnen, allesamt zwischen Anfang 60 und Anfang 80, schon lange nicht mehr. An den Wänden der Nebenzimmer stapeln sich Kartons voller Kleidungsstücke, die es noch gar nicht in den Verkaufsraum geschafft haben. Überschussware, von der ein Teil demnächst mit einem Hilfskonvoi der ehemaligen Tschernobylhilfe ins polnische Angerburg geht. „Wir genießen offenbar einen recht guten Ruf hier“, sagt Lieder und meint damit nicht nur jene Wohltäter, die immer wieder montags vorbeikommen würden, um am Kreuzberg nicht nur Kleiderspenden, sondern auch Spielwaren und Kinderwagen abzugeben. So zählten durchaus auch Bedürftige aus den Umlandsgemeinden zur Stammklientel, weiß die Leiterin. „Wir sind halt auch wirklich gut organisiert“, ergänzt Helferin Hilke Dittmer. „Und wir tragen Sorge dafür, dass die Kleidung immer sauber, gepflegt und sortiert auf den Bügeln hängt.“

Sauber und tragbar, das sei für die Helferinnen das A und O. Manch einer, klagt Heidrun Meyer, scheine die Spendensäcke auch gerne mal außerhalb des Annahmetermins zur Müllentsorgung zu nutzen. „Sie glauben gar nicht, in was wir hier schon alles reingefasst haben“, sagt die Mitgründerin der Kleiderkammer. „Auch wenn die Menschen, die bei uns einkaufen, bedürftig sind, haben sie doch ein Anrecht auf gepflegte Kleidung – sie müssen nicht mit löchrigen Hosen herumlaufen.“

Drei Euro für eine befüllte Plastiktüte

Die Spenden, bekräftigen die Frauen, sie würden jedenfalls dringend benötigt: Hunderte Teile bringen sie an jedem Öffnungstag, also an jedem ersten und dritten Montagnachmittag im Monat, an den Mann, die Frau oder das Kind – egal, ob es sich bei ihnen um Flüchtlinge oder andere Bedürftige handelt. Drei Euro kostet eine Plastiktüte die Kunden. Befüllen kann ein jeder sie nach eigenem Belieben. „Manchmal klemmen sich die Leute sogar noch Sachen unter die Arme, weil nicht alles in den Sack hineinpasst“, sagt Erika Opitz. „Da drücken wir dann aber ein Auge zu.“

Obwohl in der Kleiderkammer der sprichwörtliche Rubel rollt – mit ihrer Arbeit verdienen die Damen keinen einzigen Cent. Das über das Jahr eingenommene Geld kommt immer wieder örtlichen Vereinen, Initiativen oder Projekten zugute – „dieses Mal sind 500 Euro an die Altentagespflege an der Friedrichstraße und 500 Euro an die Jugendfeuerwehr gegangen“, erzählt Edeltraud Lieder, mit ihren 62 Jahren die Jüngste im Team.

Und genau das – das Alter der Frauen – ist der springende Punkt. Zumindest zeitweise erhält die Einrichtung zwar tatkräftige Unterstützung durch junge Schülerpraktikanten, aber: „Machen wir uns doch nichts vor, wir sind irgendwann auch am Ende unserer Kräfte angelangt“, meint Hilke Dittmer. Gesucht würden Ehrenamtliche, die Lust hätten, zweimal im Monat für je ein bis zwei Stunden beim Sortieren mitzuhelfen und sich bei der Ausgabe der Kleidung zu engagieren. „Wer Interesse hat, kann sich gerne mit mir unter der Telefonnummer 04263 / 2270 in Verbindung setzen“, wirbt Edeltraud Lieder just in dem Moment für Nachwuchs, als ein Mann zu ihr kommt: Stolz zeigt er auf seinem Handy ein Foto. Es zeigt einen Ausweis seiner Tochter. In brüchigem Deutsch teilt er mit, dass nun endlich der Familiennachzug seiner Frau und Tochter aus Syrien bewilligt worden sei. Spontan brandet Applaus auf in der Kleiderkammer: Alle freuen sich mit ihm.

Doch kurz darauf geht es auch schon weiter: Ein Mann braucht eine neue Hose, eine Frau fragt nach einem Sommerkleid. Vor der Tür warten schon die nächsten Kunden. Es gibt viel zu tun.

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