Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis liest in ausverkaufter Sparkasse

Der Tresen als roter Faden

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Linda Zervakis im Gespräch mit Moderator Guido Schulenberg.

Scheeßel - Von Matthias Röhrs. Fast schon royaler Besuch hatte sich für Dienstagabend in Scheeßel angekündigt. Die „Königin der bunten Tüte“, Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis, war in der Sparkasse zu Gast und lasvor einer voll besetzten Kundenhalle aus ihrem Buch.

Die Organisatoren hatten sich in Zeug gelegt: Einen Kiosk haben sich in Handarbeit auf ein großes schwarzes Transparent gemalt und auf jedem Sitz lag eine bunte Tüte für die Zuschauer bereit. Gefüllt mit Weingummi, Marshmallows und Lakritz – damit auch ein echtes Kiosk-Gefühl aufkommt. Sie sei „überwältigt“, sagte Zervakis hinsichtlich dieses Engagements. „Ich fühle mich fast wie in ‚meinem‘ Kiosk.“

Dieser ist der Mittelpunkt ihres Buches „Die Königin der bunten Tüte“, in dem sie aus ihrer Kindheit im Kiosk ihrer griechischen Eltern in Hamburg-Harburg erzählt. „Nur etwa 80 Prozent des Buches sind wahr“, gestand sie im Gespräch mit Moderator Guido Schulenberg vom Nordwestradio, das die Lesung im Rahmen seiner Reihe „Literatur vor Ort“ präsentierte. Die anderen 20 Prozent habe sie gesponnen. Zum Beispiel indem sie Geschichten mit der aus „100 liebenswürdigen Dickköpfen“ bestehenden Verwandschaft auf immer nur eine Tante oder einem Onkel zusammengefasst hat.

Durch den Kiosk und seinen Kunden habe sie früh alle Facetten des Lebens kennen gelernt – auch die dunklen Seiten. Sie fühlte sich „wie im Backstagebereich der deutschen Gesellschaft“, sagte sie.

Das Zusammenspiel zwischen ihr und Schulenberg erwies sich als äußerst harmonisch. Als „Expertin“ führte sie eine Analyse der in bunten Tüten üblichen Süßigkeiten durch. „Plombenzieher“, der Schnauzer aus Lakritzschnecken, all das weckte die Erinnerungen des Publikums. Auch einen „Testeinkauf“ führten die beiden durch und verdeutlichten damit gleich, dass die Inflation auch vor der bunten Tüte nicht halt gemacht hat. Dass Kinder heute für einen Euro viel weniger bekommen als damals Zervakis mit einer Mark oder Schulenberg mit einem Groschen.

Zervakis hat als Tochter eines Kiosk-Betreibers aber eh immer umsonst naschen dürfen. Und auf diesem Wege sicherte sie sich die Sympathie ihrer Mitschüler auf dem Gymnasium. „So wurde ich zur Königin der bunten Tüte.“

Das Buch sei für sie ein Revue-Tagebuch, eine Hommage an ihre Familie und besonders an ihre Mutter. Die habe sich „weggeschmissen“ erzählte Zervakis. Oft habe sie in Erinnerung an die Episoden mit ihren Brüdern und ihrer Mutter zusammen gesessen und die Geschichten sogar als Rollenspiel rekapituliert.

Mit viel Witz gestaltete Zervakis den Abend und erzählte auch von ihrer Arbeit als Sprecherin der Tagesschau. So sei ihr „richtig schlecht“ vor ihrer ersten Sendung um 20 Uhr gewesen, obwohl sie Studio und Team schon kannte. „Der Tresen ist geblieben“, stellte die Tagesschau-Sprecherin die Analogie zwischen Kiosk und Fernseh-Studio in dem Gespräch fest. „Das ist wohl der rote Faden in meinem Leben.“

Ihre Familie habe sich damals mühelos integriert, gab die zweifache Mutter an. Die Eltern hatten damals keine Sprachkurse, die Kinder haben das Abitur geschafft. „Da kann man schon stolz drauf sein“, sagte sie. Dennoch wehre sie sich gegen eine Vorbildfunktion. „Das ist ein schwerer Rucksack, den ich nicht tragen will.“

Das Nordwestradio zeichnete die Lesung und das Gespräch von Zervakis und Schulenberg auf. Es soll in den nächsten Wochen ausgestrahlt werden. Ein genaues Datum ist aber noch nicht bekannt.

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