Jeersdorfer Landwirt Jürgen Wahlers kritisiert Kahlschlag am Ufer

Tabula rasa an der Wümme

Jürgen Wahlers (r.) und Hans-Georg Wagner sind entsetzt: „Hier ist ohne Sinn und Verstand alles platt gemacht worden“, sagen beide.
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Jürgen Wahlers (r.) und Hans-Georg Wagner sind entsetzt: „Hier ist ohne Sinn und Verstand alles platt gemacht worden“, sagen beide.

Jeersdorf – Kaum fünf Jahre ist es her, dass der Unterhaltungsverband Obere Wümme wegen eines einzigen Baumes, der im Fluss lag, mehr als 200 Quadratmeter jungen Auwald bei Landwirt Jürgen Wahlers „platt gemacht“ hat. Begründung damals war: „Der ordnungsgemäße Abfluss“ muss hergestellt werden. Schon damals veraltete Positionen statt moderner Natur- und Umweltschutz, sagt der Jeersdorfer. „Jetzt macht der U-Verband das Gleiche wieder – immer noch ohne jeden ökologischen Sachverstand und ohne jeden rechtlichen Mindeststandard zu achten.“

Wahlers kann nur den Kopf schütteln. „Da sind die Anwohner in der Mühlenstraße in Sorge, sie dürften ihre Gärten nicht mehr bewirtschaften oder ihren Rasen bis ans Ufer mähen – und der Unterhaltungsverband spielt hier Wildsau.“ Mit einer rechtlich einwandfreien Abschnittspflege habe ein solches Vorgehen jedenfalls nichts mehr zu tun. Gemeinsam mit dem Ökologen Hans-Georg Wagner steht der Landwirt auf einer Weide am Kanalweg, südlich der Scheeßeler Mühle, um sich ein Bild vom Kahlschlag zu machen. Von den üppigen Gehölzen, die noch vor wenigen Tagen die Wümme auf beiden Seiten gesäumt haben, sind heute nicht mehr als Stümpfe übrig. Fein säuberlich ist der Strauchschnitt zu Haufen zusammengetragen worden. Die warten noch immer darauf, abtransportiert zu werden. Tiefe Spurrillen eines Baggers zeichnen sich im feuchten Boden ab.

„Bis kurz vor Veersebrück ist hier alles weg“, stellt Wahlers entsetzt fest. Gleich nebenan besitzt der 59-Jährige eine eigene Fläche. Deren Uferbereich sei von ähnlichen Abholzungen verschont geblieben. Noch. Damit das wenigstens so bleibt, hätten er und Wagner schon eine einstweilige Verfügung beim Rotenburger Amtsgericht beantragt – mit dem Appell, weitere Unterhaltungsmaßnahmen an Ort und Stelle mit sofortiger Wirkung einstellen zu lassen.

Denn frei nach Schnauze, betont Wagner, könne der Verband in der Wümmeniederung, für die seit dem Sommer ja auch eine Schutzgebietsverordnung vorliegen würde, keineswegs zu Werke gehen. „Womit wir es hier zu tun haben, sind nämlich nach Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, kurz FFH, und Naturschutzrecht gesetzlich geschützte Biotop- und Lebensraumtypen“, begründet der Ökologe, „da kann man nicht einfach Tabula rasa machen.“ Natürlich wisse auch er, dass der Verband getreu seiner Satzung einen ordnungsgemäßen Abfluss der Wümme sicherstellen soll, was unter anderem durch das Abmähen der Uferbereiche auf einem fünf Meter breiten Streifen auch geschehen würde. „Nur wenn das Europarecht sagt, man müsse zunächst einmal die Lebensraumtypen erhalten und alles andere solle hintenan gestellt werden, scheint das die Verantwortlichen bei uns offenbar überhaupt nicht zu interessieren.“

Auch der dringende Appell des Niedersächsischen Umweltministers Olaf Lies vom September 2019 in Scheeßel, Wasser müsse in der Landschaft gehalten und nicht wie früher einfach nur abgeführt werden, sei offenbar ungehört geblieben. „Selbst wenn also die radikal gestutzten Weiden irgendwann wieder austreiben würden, ist die ursprüngliche Gehölzstruktur erst mal auf mehrere Jahre hinweg verloren gegangen – mit teils erheblich negativen Folgen für die örtliche Tierwelt“, führt Wahlers aus. „So fehlen jetzt die Ansitzwarten für die Libellen, die Deckung für den Fischotter und Nahrungsräume für Fledermäuse.“ Ferner sorge der weggefallende Bestand dafür, dass sich das Gewässer im Sommer stellenweise stärker erwärme, als es sonst der Fall gewesen wäre. Ihm zufolge würde der Verband den Unterschied zwischen Maßnahmen und Zielen, so wie sie in der Schutzgebietsverordnung festgeschrieben seien, immer noch nicht kennen.

Auch an Christiane Looks und Claus Vollmer, den beiden Naturschutzbeauftragten des Landkreises, lassen die Jeersdorfer kein gutes Haar. Obwohl die nämlich bei der den Unterhaltungsmaßnahmen vorangegangenen Gewässerschau in beratender Funktion hätten dabei sein sollen, haben beide offensichtlich nicht auf das geltende Europarecht hinsichtlich der Wümmeniederung hingewiesen. lautet der Vorwurf vom Wahlers und Wagner. „Dabei ist es doch ihre Aufgabe, mit gebührender Sachkunde darauf hinzuwirken, was zu tun ist und was nicht – und das unabhängig von Weisungen von Politik und Verwaltung“, verdeutlichen die Jeersdorfer mit Blick auf das Naturschutzgesetz.

An der Ende Oktober stattgefundenen Schau etwa habe er persönlich teilgenommen und sei ohnehin täglich an der Wümme unterwegs, „und ich habe bei Weitem nicht so viel Handlungsbedarf erkannt, wie jetzt umgesetzt worden ist“, sagt Hans-Georg Wagner. Das Artenschutzrecht sei sogar völlig unbeachtet geblieben.

Nein, es könne nicht angehen, dass im Winter durch sogenannte Unterhaltungsmaßnahmen dräniert und entwässert werde, um landwirtschaftliche Flächen für den Maisanbau trocken zu legen, und sie dann bei der nächsten Hitzewelle künstlich zu beregnen, empört Wahlers sich. „Schließlich ist das Grundwasser in der Region schon dramatisch abgesunken, und gerade dieses muss nachhaltig bewirtschaftet werden“, erklärt er. Laut Gesetz dürfe die Entnahme die Neubildung nicht übersteigen.

Ein Verantwortlicher des Unterhaltungsverbands war zum Thema gestern nicht zu erreichen.  lw

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